Zeitmaschine – Erlangen, 14. Juli 1981

Aus einer Rei­se nach Ana­lo­gi­stan brin­ge ich Kun­de aus dem Juli 1981. Eini­ge Wor­te zur all­ge­mei­nen Lage, schließ­lich liegt das schon bald 33 Jah­re zurück.

Wie immer öff­net ein Klick auf eins der Bil­der die Gale­rie in einem eige­nen Tab.

Leo­nid Iljitsch Bre­schnew ist Gene­ral­se­kre­tär des ZK der KPdSU und Vor­sit­zen­der des Prä­si­di­ums des Obers­ten Sowjets, somit also sowje­ti­sches Staats­ober­haupt (die Sowjet­uni­on war das Staa­ten­ge­bil­de, über das Herr Putin heu­te ger­ne mit den Mög­lich­kei­ten von damals regie­ren wür­de, lie­be Kin­der. Mehr dazu erzählt euch die Wiki­pe­dia) und ärgert sich seit 1978 mit Afgha­ni­stan her­um, wäh­rend unse­re glor­rei­chen Ver­bün­de­ten, die United Sta­tes of A., den Mud­scha­hed­din flei­ßig moder­ne Waf­fen lie­fern, die erst den Sowjets und dann den Ame­ri­ka­nern die Tücken einer asym­me­tri­schen Kriegs­füh­rung auf­zei­gen (an Oberst Klein und die Ver­tei­di­gung der Deut­schen Frei­heit am Hin­du­kusch denkt zu die­ser Zeit noch nie­mand). Karol Józef Woj­ty­ła bestimmt seit 3 Jah­ren als Papst Johan­nes Paul II. die Geschi­cke der Hei­li­gen Römisch-Katho­li­schen Kir­che und wird das noch bis zu sei­nem Tod 2005 tun. Hel­mut Schmidt gibt den Kanz­ler, raucht eher Pfei­fe als Menthol­zi­ga­ret­ten und ist längst nicht so beliebt wie heu­te. FJS (Franz Josef Strauß) ist unum­schränk­ter König (sagt man das so? Oder ist Minis­ter­prä­si­dent rich­tig?) von Bay­ern und erholt sich von sei­ner Nie­der­la­ge bei der Bun­des­tags­wahl 1980 (Uni­on 44,5%, SPD 42,9%, FDP 10,6%, Grü­ne 1,5%, Sons­ti­ge 0,5%, die sozi­al­li­be­ra­le Koali­ti­on wur­de fort­ge­setzt). Der Kal­te Krieg ist wie­der heiß. Die Frie­dens­be­we­gung bringt Hun­dert­tau­sen­de auf die Bei­ne und auch die Haus­be­set­zer und Atom­kraft­geg­ner sind zahl­reich und rüh­rig. Am 14. Juli sorgt erst­mals der baye­ri­sche Minis­ter­rat für die Aus­rüs­tung der Poli­zei mit dem Reiz­gas CS als Kampf­mit­tel gegen gewalt­tä­ti­ge Demons­tran­ten.

Ich stu­die­re seit dem Win­ter­se­mes­ter 8081 Che­mie­in­ge­nieur­we­sen an der Fried­rich-Alex­an­der-Uni­ver­si­tät Erlan­gen-Nürn­berg und bin poli­tisch wenig enga­giert, sym­pa­thi­sie­re aber mit lin­ken Idea­len. Para­do­xer­wei­se zieht es mich gleich­zei­tig in das Umfeld der Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen. Bei der Bur­schen­schaft der Buben­reu­ther habe ich (der sei­nen stu­den­ti­schen Wohn­sitz in Buben­reuth genom­men hat) freund­li­che Auf­nah­me gefun­den. Doch wirk­lich wohl füh­le ich mich erst auf der beschei­de­nen Bude der Katho­li­schen Deut­schen Stu­den­ten­ver­bin­dung Fran­ko­nia-Czer­no­witz im CV zu Erlan­gen. Hier tref­fe ich unver­blen­de­te Kom­mi­li­to­nen, die sich aus gemein­sa­mer Freu­de an der Sache und aus Freund­schaft zusam­men­ge­fun­den haben, die Lie­der sin­gen, wel­che selt­sam ver­traut anmu­ten und an das Lied­gut der Fei­ern im Fami­li­en­kreis erin­nern, die Bier sau­fen und tote Tie­re gril­len, kurz, die den lie­ben Gott einen guten Mann sein las­sen und einem gewis­sen Spaß­prin­zip ver­haf­tet sind. Da bin ich Gast, und der selt­sa­me Namens­zu­satz »Czer­no­witz« bedrückt mich nicht wei­ter.

Die Gran­den des Erlan­ger RCDS (Ring Christ­lich Demo­kra­ti­scher Stu­den­ten) gehen bei Fran­ko­nia ein und aus. Über die­se Bla­se bekom­me ich auch eine Ein­la­dung am Diens­tag ins Audi­max. Der Bay­ri­sche Minis­ter des Inne­ren, Gerold Tand­ler, will sich auf Ein­la­dung der Fach­schaft Jura einer Podi­ums­dis­kus­si­on stel­len. Ich habe mir erst vor kur­zem bei Foto Porst eine Spie­gel­re­flex­ka­me­ra zum 22. Geburts­tag geschenkt und fra­ge frech, ob ich foto­gra­fie­ren darf. Die Ant­wort kommt schnell und über­ra­schend, ja klar, du kommst mit auf die Büh­ne. Wie geil ist das denn?

Dann das Pro­blem. Es ist zwar Som­mer und brü­tend heiß, die Son­ne gibt genü­gend Licht, aber das Audi­max ist ein geschlos­se­ner Raum und von Neon­licht erhellt. Für einen Blitz hat mein Geburts­tags­geld nicht gereicht. Guter Rat ist teu­er, doch die Lösung naht in der enthu­si­as­ti­schen Beschrei­bung des freund­li­chen Foto­fach­ver­käu­fers über den fan­tas­ti­schen S/W-Film Ilford HP5. Damit kön­ne man pro­blem­los Unter­be­lich­tun­gen von 2–3 Blen­den­stu­fen bei der Ent­wick­lung und Belich­tung der Posi­ti­ve aus­glei­chen. OK, so soll es sein. Die vor­han­de­nen bei­den Opti­ken ein­ge­packt, 50mm und 135mm, das Kon­to geplün­dert und statt Bier 2 Rol­len HP5 mit je 36 Auf­nah­men gekauft, fri­sche Bat­te­ri­en in den Win­der (2 Bilder/sec) gelegt, und es kann los­ge­hen.

Hin­ter den Kulis­sen ist es fan­tas­tisch auf­re­gend. Eine Hun­dert­schaft Poli­zei, die sich auf ihren Ein­satz vor­be­rei­tet, die wuse­li­gen Orga­ni­sa­to­ren, die auf­ge­reg­te Atmo­sphä­re, ich bin begeis­tert. Vor jedem Aus­lö­sen die ban­ge Fra­ge, lohnt es sich, schließ­lich habe ich nur zwei Fil­me. Alles manu­ell, in der Auf­re­gung ver­ges­se ich das ein- oder ande­re Mal das Fokus­sie­ren. Dann geht es los. Tand­ler spricht. Oder bes­ser gesagt, will spre­chen.

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Gerold Tand­ler am 14.7.1981 im Audi­max Erlan­gen

Doch man lässt ihn nicht. In das ziem­lich vol­le Audi­max haben sich hun­der­te Stö­rer gedrängt. Kaum setzt Tand­ler zur Rede an, tril­lern die Pfei­fen und ein Hagel aus Cola­do­sen und Farb­beu­teln fliegt auf die Büh­ne. Meh­re­re mei­ner Kom­mi­li­to­nen, die frei­wil­lig Ord­ner­dienst leis­ten, wer­den in Hand­greif­lich­kei­ten ver­wi­ckelt und erlei­den Bles­su­ren. Die Poli­zei stürmt die Büh­ne und schützt den Red­ner mit Ple­xi­glas­schil­dern.

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Poli­zei­schutz

Das ers­te Mal im Leben bin ich froh über ihre Prä­senz, den­ke von ihnen nicht als »Bul­len«. Die ver­sam­mel­te Lin­ke hin­ge­gen zeigt sich von ihrer unde­mo­kra­ti­schen Sei­te. Damit will ich mich nicht gemein machen. Ich wer­de in weni­gen Minu­ten kon­ser­va­tiv. Nicht, weil ich Tand­ler oder Strauß so toll fin­de, nicht, weil ich den Geruch von CS-Gas lie­be. Nein, weil die­ser Tand­ler mit sei­ner Hard­li­ner­po­si­ti­on doch bereit war, zu dis­ku­tie­ren. Und weil die Gegen­sei­te es nicht zuge­las­sen hat. Die dis­ku­tiert nur die Mei­nun­gen, die sie selbst für rich­tig und gut hält. Auf die­ses kru­de Demo­kra­tie­ver­ständ­nis kann ich ver­zich­ten. Dabei ist es bis heu­te geblie­ben.

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Nicht zur Dees­ka­la­ti­on geeig­net

Dann zupft mich Tho­mas E., der Kom­mi­li­to­ne, dem ich die Ein­tritts­kar­te für die­ses Spek­ta­kel zu ver­dan­ken habe, am Ärmel. Es sei kei­ne Pres­se da. Ob ich Fotos hät­te. Ich grin­se. 2 Fil­me, mit pri­ma Mate­ri­al! Tho­mas zerrt mich aus dem Saal. Noch vor Tand­ler und sei­ner Entou­ra­ge ver­las­sen wir das Audi­max und jagen in Tho­mas altem Maz­da 626 gen Nürn­berg. Er ken­ne da einen Redak­teur der Zei­tung. Viel­leicht schaf­fen wir es noch vor Redak­ti­ons­schluss.

Das Unwahr­schein­li­che wird wahr. Wir schaf­fen es vor Redak­ti­ons­schluss. Tho­mas Bekann­ter ist tat­säch­lich anwe­send. Jemand reißt mir die Fil­me aus der Hand und nimmt mei­ne Anwei­sun­gen für die Ent­wick­lung ent­ge­gen. Dann wer­den wir kurz über die Ereig­nis­se aus­ge­fragt, kurz dar­auf sind wir sehr unz­e­re­mo­ni­ell ent­las­sen.

Andern­tags die Über­ra­schung: Die Nürn­ber­ger Zei­tung mel­det »Hef­ti­ger Pro­test gegen Tand­ler«. Auf der Titel­sei­te!. Dazu ein Bild. Die Unter­schrift lau­tet knapp: Foto: Zim­mer. Das bin ich. Mein Erst­ling hat es auf den Titel gebracht. Der Stolz ver­fliegt mit dem Erhalt des Foto­gra­fen­ho­no­rars: 40,- DM. Reicht für die bei­den Fil­me und zwei Bier. Die Kar­rie­re als Pres­se­fo­to­graf ver­fol­ge ich nicht wei­ter. Wenn ich mir heu­te die Bil­der anse­he, fra­ge ich mich, war­um ich das auf­ge­ge­ben habe. Ohne Vor­kennt­nis­se, mit mie­sem Mate­ri­al (vom Film abge­se­hen), fin­de ich die Ergeb­nis­se recht ansehn­lich. Aber urteilt selbst…

Im Novem­ber 1981 bin ich übri­gens in die Fran­ko­nia Czer­no­witz ein­ge­tre­ten. Ich habe dort noch vie­le Bie­re getrun­ken, man­ches tote Tier gegrillt und aller­lei poli­tisch unkor­rek­te Lie­der gesun­gen, bin noch immer dabei und bereue nichts.

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Ruhm und Lor­beer­kranz: Mein Bild auf der Titel­sei­te

Rück­sturz in die Gegen­wart. Aus dem Online-Por­tal »DIE WELT« vom 4. März 2014:

»Es war ein Eklat mit Ansa­ge. Thi­lo Sar­ra­zin soll­te am Sonn­tag in Ber­lin bei einer Ver­an­stal­tung des Maga­zins »Cice­ro« über sein neu­es Buch »Der neue Tugend­ter­ror« spre­chen. Und zwar aus­ge­rech­net im Ber­li­ner Ensem­ble (BE), dem Thea­ter Ber­tolt Brechts, einem Iden­ti­fi­ka­ti­ons­ort der Lin­ken. Meh­re­re Dut­zend Pro­test­ler woll­ten das nicht hin­neh­men – und stör­ten die Ver­an­stal­tung mit Tril­ler­pfei­fen, Buh­ru­fen und »Sar­ra­zin raus«-Gesängen. Nach fast einer Stun­de Auf­re­gung wur­de der Sar­ra­zin-Auf­tritt abge­bro­chen; der umstrit­te­ne Best­stel­ler­au­tor kam gar nicht erst zu Wort.«

In einem Inter­view der »WELT« mit dem Inten­dan­ten des BE, Klaus Pey­mann, bricht die­ser mit deut­li­chen Wor­ten eine Lan­ze für die Rede­frei­heit und die Dis­kus­si­on mit dem Anders­den­ken­den. Auf die Fra­ge der »WELT«, wie­viel Ver­ständ­nis er für die Demons­tran­ten habe, sagt der Alt-68er Pey­mann:

»Gar keins. Es war ein unde­mo­kra­ti­sches, nazi­haf­tes Gepö­bel, dem wir uns schließ­lich beu­gen muss­ten. Ich bin 76 Jah­re alt. Ich kann also einen Teil der Geschich­te unse­res schö­nen Deutsch­lands durch­aus als mün­di­ger Beob­ach­ter ein­schät­zen. Und ich sehe eine zuneh­men­de Bru­ta­li­sie­rung und Mili­ta­ri­sie­rung unse­rer Gesell­schaft. Eine zuneh­men­de Gewalt­be­reit­schaft und ein immer gerin­ge­res Sozi­al­ver­hal­ten. Die­se unbe­lehr­ba­ren »Lin­ken« beneh­men sich wie die Brand­stif­ter von Hoyers­wer­da. Sie sind nicht erreich­bar. Sie brül­len nur, beschimp­fen nor­ma­le Zuschau­er als Nazis und Ras­sis­ten. Sie haben sogar Leu­te geschla­gen, drau­ßen vor dem Thea­ter. Ich wei­ge­re mich, mei­ne Vor­stel­lung von Nor­ma­li­tät im Thea­ter über Bord zu wer­fen, nur weil eini­ge auf­ge­reg­te jun­ge Leu­te mit Paro­len bewaff­net Kra­wall machen wol­len.«

Gerold Tand­ler hat­te damals die­sen Zuspruch nicht. Ich den­ke, dass er ihn auch nicht nötig hat­te. Doch ist er rich­tig. Dan­ke, Herr Pey­mann! Als Seni­or der K.D.St.V. Fran­ko­nia-Czer­no­witz habe ich damals Ver­tre­ter der Frie­dens­be­we­gung ein­ge­la­den, um gemein­sam auf unse­rem Haus über den Nato-Nach­rüs­tungs­be­schluss zu dis­ku­tie­ren. Nein, wir haben unse­re Mei­nun­gen nicht ange­nä­hert. Aber wir haben fried­lich mit­ein­an­der gere­det und Argu­men­te aus­ge­tauscht. So, wie es unter zivi­li­sier­ten Leu­ten selbst­ver­ständ­lich sein soll­te.

Und hier noch ein­mal die Titel­sei­te der Nürn­ber­ger Zei­tung vom Mitt­woch, 15. Juli 1981 in ihrer gan­zen Schön­heit (auf der Titel­sei­te der über­re­gio­na­len Nord­bay­ri­schen Nach­rich­ten war das Bild übri­gens auch zu sehen):

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Zum Beweis die voll­stän­di­ge Titel­sei­te

2 Replies to “Zeitmaschine – Erlangen, 14. Juli 1981”

  1. Ein Freund

    Eine wahr­haft hei­ter erzähl­te Geschich­te, die genau genom­men indes vor Trau­rig­keit trieft. Denn so weit sind wir in unse­rer »poli­ti­schen Kor­rekt­heit« gekom­men. Bestimm­te Mei­nun­gen gehö­ren zen­siert, und wenn der Staat nicht hilft, muß eben der Mob die nor­ma­ti­ve Kraft des Fak­ti­schen schaf­fen.

    Wir ler­nen: Gewalt hilft viel­leicht, ver­meint­li­che Pro­ble­me zu unter­drü­cken oder zu behin­dern. Nur lösen, das kann sie nicht. Im Gegen­teil.

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  2. Rainer Bachnik

    Hal­lo Mike, hab mich beim Lesen köst­lich amue­siert. Hof­fe wir sehen uns bald mal wie­der. Bin auch über Sky­pe erreich­bar. Gruss Rai­ner

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