Fastenwandern – Eine Selbsterfahrung

Wiki­pe­dia sagt über das Fas­ten:

Fas­ten ist die völ­li­ge oder teil­wei­se Ent­hal­tung von Spei­sen, Geträn­ken und Genuss­mit­teln über einen bestimm­ten Zeit­raum hin­weg, übli­cher­wei­se für einen oder meh­re­re Tage. Das Wort kommt vom alt­hoch­dt. fas­tēn, das ursprüng­lich bedeu­tet „(an den Gebo­ten der Ent­halt­sam­keit) fest­hal­ten“, vgl. auch gotisch fas­tan „(fest)halten, beob­ach­ten, bewa­chen“. Wird nur eine bestimm­te Art der Nah­rung – bei­spiels­wei­se Fleisch – oder ein Genuss­mit­tel weg­ge­las­sen oder ein­ge­schränkt, spricht man von Ent­hal­tung oder Absti­nenz.

Kuckt ihr hier: Fas­ten in der Wiki­pe­dia Zu Recht stellt sich jetzt die Fra­ge, was einen mehr oder weni­ger gesun­den, genuss­ori­en­tier­ten Men­schen ohne Not zu Ver­zicht und Aske­se bewe­gen soll. Sicher kann Fas­ten mei­nem Glas­au­ge die Seh­kraft nicht zurück­ge­ben oder die feh­len­den Fin­ger nach­wach­sen las­sen, und auch mei­ne lädier­ten Band­schei­ben wer­den nur mar­gi­nal von einer tem­po­rä­ren Gewichts­ent­las­tung pro­fi­tie­ren. Drei Jah­re zuvor jedoch habe ich beim Fas­ten­wan­dern auf Sylt eine dra­ma­ti­sche Abnah­me mei­nes Blut­hoch­drucks kon­sta­tie­ren dür­fen, und die regel­mä­ßi­ge Bewe­gung hat mir nicht nur wohl­ge­tan, son­dern auch Freu­de berei­tet. Des­halb will ich mir jetzt nach einer anstren­gen­den Woh­nungs­auf­lö­sung und einer nicht min­der belas­ten­den Arbeits­su­che eine Aus­zeit mit wenig Nah­rung und viel Bewe­gung gön­nen. Mein Ziel ist um eini­ges exo­ti­scher als Sylt: Statt auf die Insel der Schö­nen, der Rei­chen und der ganz schön Rei­chen geht es in den hüge­li­gen, grü­nen Esse­ner Süden. Obwohl, auch hier hat es eini­ge ganz schön rei­che Bewoh­ner. Zu den berühm­tes­ten gehört sicher­lich die Sip­pe von der Vil­la Hügel, die Krupps (was Krupp in Essen sind wir in Trin­ken, aber dazu spä­ter mehr).

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Essens grü­ner Süden – Die Ruhr am Lein­pfad

Wie immer führt ein Klick aufs Bild zum Foto­al­bum.
Am 6. April um 14:00 tref­fe ich in Essen im Haus am Turm ein. Das Haus am Turm im schö­nen Esse­ner Stadt­teil Wer­den ist eine evan­ge­li­sche Tagungs- und Begeg­nungs­stät­te. Trä­ge­rin ist die Ev. Kir­chen­ge­mein­de Essen-Bor­beck-Vogel­heim. Hier habt ihr mal einen Link und könnt euch selbst ein Bild von der Unter­kunft machen: Haus am Turm. Mein Ein­druck: Ein Haus mit dem bau­li­chen Charme der sech­zi­ger Jah­re, Jugend­her­bergs­ni­veau von ges­tern zu Hotel­prei­sen von heu­te. Ja, sehr freund­li­ches Per­so­nal, aber äußerst beschei­den ein­ge­rich­te­te, hell­hö­ri­ge Zim­mer, insuf­fi­zi­en­tes WLAN, Fern­se­hen (dys­funk­tio­na­les Röh­ren­mons­ter im Auf­ent­halts­raum), Rei­ni­gungs­per­so­nal wird nur ein­mal in der Woche tätig und so fort. Für 45 Euronen/Tag (zzgl. WLAN, zzgl. Bett­wä­sche, incl. 1*täglich Fas­ten­sup­pe) mehr zu ver­lan­gen wäre nicht unbil­lig. Gefun­den habe ich die Ver­an­stal­tung in der Fas­ten­wan­der­zen­tra­le. Hier geht’s zu der Detail­sei­te und die­ser Link führt zur Fas­ten­lei­te­rin. Von eben jener Fas­ten­lei­te­rin wer­de ich jetzt enthu­si­as­tisch begrüßt. Zim­mer­schlüs­sel ent­ge­gen­neh­men, Kof­fer able­gen, WLAN (insuf­fi­zi­ent, nur im Auf­ent­halts­raum wirk­lich gut zu emp­fan­gen, Ver­bin­dung bricht dau­ernd ab, kos­tet aber 1 €/Tag) buchen, Wan­der­schu­he anzie­hen und auf geht’s zum ers­ten Spa­zier­gang durch den hüge­li­gen Esse­ner Süden. Sag­te ich Spa­zier­gang? Die Gute rennt los, wie von der Taran­tel gesto­chen und ich, der ich bei­lei­be kein Lang­sam­ge­her bin, habe Mühe, ihr zu fol­gen. Einen Moment lang glau­be ich, sie hat Zom­bies, Run! auf ihrem Smart­pho­ne lau­fen und wird von Unto­ten ver­folgt, doch sie ist mein Jahr­gang, gehört also eher nicht zur Ziel­grup­pe die­ser App, und sie hat kei­ne Kopf­hö­rer im Ohr, ist also ansprech­bar, wenn man es schafft, sie ein­zu­ho­len. Nach zwei­ein­halb Stun­den sind wir wie­der am Haus am Turm, durch­ge­schwitzt und reif für die Dusche. So hab ich mir das vor­ge­stellt. Jetzt wird es Zeit für einen Warn­hin­weis. Die fol­gen­den Zei­len sind für sen­si­ble Per­so­nen mit Aver­sio­nen gegen die Beschrei­bung von Ver­dau­ungs­vor­gän­gen und Darm­tä­tig­kei­ten nicht geeig­net. Mit dem Wei­ter­le­sen bestä­ti­gen Sie, dass Sie die Voll­jäh­rig­keit erreicht haben und sich der Kon­se­quen­zen ihres Tuns bewusst sind. Alle ande­ren ver­las­sen mei­nen Blog umge­hend und suchen sich unver­fäng­li­che­re Sei­ten, zum Bei­spiel die­se hier. Anschei­nend sind alle Fas­ten­den von den Ver­dau­ungs­or­ga­nen des mensch­li­chen Orga­nis­mus fas­zi­niert. Einen gro­ßen Anteil an die­ser Obses­si­on hat zwei­fels­oh­ne Otto Buchin­ger (* 16. Febru­ar 1878 in Darm­stadt; † 16. April 1966 in Über­lin­gen), der Begrün­der des Heil­fas­tens. Buchin­ger präg­te den irre­füh­ren­den Begriff von der »Ent­schla­ckung« und war der Ansicht, dass der Darm regel­mä­ßig durch Ein­läu­fe gerei­nigt wer­den müs­se, da sich sonst Rück­stän­de anla­gern, die ohne die­se »Sanie­rungs­maß­nah­men« zur schlei­chen­den Selbst­ver­gif­tung füh­ren. Buchin­gers Sozia­li­sa­ti­on in der Hoch­blü­te der deut­schen Indus­tria­li­sie­rung mag den Ver­gleich des Darms mit einem Ofen­rohr beflü­gelt haben, das bekann­ter­ma­ßen in sau­be­rem Zustand am bes­ten zieht, doch schon sei­ne Zeit­ge­nos­sen wie­sen ihn auf den fun­da­men­ta­len Unter­schied zwi­schen einem indus­tri­el­len Hoch­ofen und dem mensch­li­chen Orga­nis­mus hin. Lei­der erwie­sen sich nicht nur Buchin­ger selbst, son­dern auch sei­ne zahl­rei­chen Adep­ten als erstaun­lich lang­an­hal­tend bera­tungs­re­sis­tent, so dass die unse­li­ge »Ent­schla­ckung« bis heu­te einen fes­ten Platz in der Fas­ten­ge­mein­de behal­ten hat. Dar­an wird auch der leicht ver­ständ­li­che Arti­kel Mythos Ent­gif­ten in der Süd­deut­schen nichts ändern kön­nen. Damit ist die Über­lei­tung geschafft zum Grund des Warn­hin­wei­ses ein­gangs des vor­vor­her­ge­hen­den Abschnit­tes. Denn jetzt beginnt das Glau­bern, die Darm­ent­lee­rung durch Glau­ber­salz. Wozu das gut sein soll, ist im Arti­kel Heil­fas­ten und Darmsanierung/Darmentleerung beschrie­ben. Ich zitie­re mal:

»Durch die gän­gi­ge schnel­le und meist unge­sun­de Lebens- und Ernäh­rungs­wei­se lagern sich in Darm und Leber diver­se Schad­stof­fe an. Beson­ders in dem sechs Meter lan­gen Ver­dau­ungs­sys­tem des mensch­li­chen Kör­pers kön­nen die­se Schla­cken die emp­find­li­che Darm­wand beschä­di­gen und Gift­stof­fe in die Blut­bahn beför­dern.«

Aus »Darm­sa­nie­rung beim Heil­fas­ten – Haus­mit­tel, Sym­pto­me und Ursa­chen« von www​.heil​fas​ten​ge​sund​heit​.de Da sind sie wie­der, die Schla­cken im mensch­li­chen Hoch­ofen. Nicht tot­zu­krie­gen. Egal, ich mache mit. War­um? Weil die Darm­ent­lee­rung auch dem Hun­ger­ge­fühl beim Fas­ten ent­ge­gen­wir­ken soll. Und ich bin zum Fas­ten gekom­men, nicht zum Hun­gern. Also, zwei­ein­halb Ess­löf­fel Glau­ber­salz in Was­ser ver­rührt und hin­un­ter damit. Den Geschmack scheuß­lich zu nen­nen wäre sicher ein Euphe­mis­mus ers­ten Ran­ges. Doch was hilfts, da muss ich durch. Kaum zwei Stun­den spä­ter setzt auch schon die durch­schla­gen­de Wir­kung ein, und für die nächs­te Stun­de bin ich mit der Besich­ti­gung der Por­zel­lan­samm­lung mei­ner beschei­de­nen Unter­kunft aus­ge­las­tet. In mei­nem Ohr klingt noch die ein­dring­li­che Ermah­nung der Fas­ten­lei­te­rin, zur Unter­stüt­zung der Darm­ent­lee­rung in den Fol­ge­ta­gen regel­mä­ßig Ein­läu­fe zu machen. Das aller­dings will ich mei­nen Ver­dau­ungs­or­ga­nen nicht zumu­ten. Schließ­lich ist alles raus. Ich räu­me mei­ne Hab­se­lig­kei­ten in den klei­nen Schrank, lege mich ins etwas zu kur­ze Bett und schla­fe bald tief und traum­los.

In Anleh­nung an unse­li­ge Bun­des­wehr­zei­ten beginnt der Tag mit Früh­gym­nas­tik. Früh heißt, 07:30, und das ist immer­hin sozi­al­ver­träg­li­cher als die Weck­zei­ten in der Vater­lands­ver­tei­di­gung zu Zei­ten des Kal­ten Krie­ges. Zumal ich an den ers­ten Tagen mei­ne Teil­nah­me an die­ser kör­per­li­chen Ertüch­ti­gung ver­wei­ge­re. Ein Trep­pen­sturz nur weni­ge Tage zuvor hat mich mit einer Mör­der­prel­lung am unte­ren Rücken und einer gebro­che­nen Rip­pe nahe­zu immo­bi­li­siert und ich bin froh, dass ich über­haupt mit­lau­fen und den Ruck­sack mit der Was­ser­fla­sche und den Zitro­nen­schnit­zen tra­gen kann. Zitro­nen­schnit­ze sind eine belieb­te Spei­sung bei Fas­ten­wan­dern­den, und wer­den, in Erman­ge­lung poten­te­rer Nah­rungs­mit­tel, bis auf die letz­te Faser aus­ge­zut­zelt und groß­zü­gig in der Land­schaft ver­teilt. Ist ja Bio und ver­rot­tet. Den Foto­ap­pa­rat habe ich in der Unter­kunft gelas­sen, und so gibt es nichts zu berich­ten außer von einem stram­men Marsch im Krei­se Gleich­ge­sinn­ter und von ange­reg­ten Unter­hal­tun­gen mit den Lei­dens­ge­nie­ßen­den (oder wie auch immer die aktu­ell gen­der­ge­rech­te For­mu­lie­rung lau­ten mag). Posi­tiv sei noch anzu­mer­ken, dass uns der Regen umgeht und nur der Wind die Tem­pe­ra­tur für die ohne­hin vom Nah­rungs­ent­zug emp­find­li­chen Kör­per noch küh­ler spü­ren lässt. Im übri­gen hät­te die durch zu zahl­rei­che Pau­sen etwas zer­ris­se­ne Tour ein paar Kilo­me­ter län­ger sein kön­nen.

Am heu­ti­gen Diens­tag erwar­tet uns der ers­te Höhe­punkt der Fas­ten­wo­che. Die rüh­ri­ge Fas­ten­lei­te­rin hat die Füh­rung »Über Koh­le und Kum­pel« auf der Zeche Zoll­ver­ein für uns gebucht. Freu­de! Hier ein Blick auf die damals hoch­mo­der­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ein­rich­tun­gen der »schöns­ten Zeche von­ne Welt«. Ein Klick aufs Bild öff­net das Foto­al­bum in einem eige­nen Fens­ter.

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Moder­ne Zei­ten – Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ein­rich­tung auf Zoll­ver­ein

Wäh­rend wir die sach­kun­di­ge Füh­rung genie­ßen, bleibt Zeit für ein paar Gedan­ken zu den ers­ten Tagen des Fas­ten­wan­derns. Was Krupp in Essen, sind wir in Trin­ken, hab ich Ein­gangs gesagt, trin­ken ist das Lebens­eli­xier beim Fas­ten. Und da will ich mit dem Posi­ti­ven begin­nen, den Säf­ten. Frisch gepresst! Jeden Mor­gen lie­fert ein guter Geist fri­sche Früch­te (Äpfel, Möh­ren, Rote Bee­te, Stau­den- und Knol­len­sel­le­rie) an. Ing­wer und Zitrus­früch­te lie­gen auch reich­lich her­um. Die Mou­linex-Saft­pres­se läuft krei­schend an der Belas­tungs­gren­ze und köst­li­cher Frucht­saft rinnt aus dem Aus­lass in bereit­ste­hen­de Glä­ser. Geil. Was­ser stellt die bra­ve Fas­ten­lei­te­rin auch reich­lichst bereit und so schlu­cke ich, was die Nie­ren ver­ar­bei­ten kön­nen. Mehr als 2–3 L/Tag sind übri­gens nicht wirk­lich gesund, es wer­den nicht mehr »Schad­stof­fe« aus­ge­schwemmt, ihre Kon­zen­tra­ti­on im Urin wird ein­fach nur gerin­ger. Dafür ver­liert der Kör­per Mine­ra­li­en, und das ist kon­tra­pro­duk­tiv. Weni­ger geil sind die Fas­ten­tees. Wäh­rend wir Kaf­fee­süch­ti­gen uns lan­ge Zeit für den Genuss unse­rer sanf­ten Dro­ge haben recht­fer­ti­gen müs­sen und erst lang­sam durch immer mehr aus (von der Kaf­fee­in­dus­trie finan­zier­ten) Stu­di­en von der segens­rei­chen Wir­kung der bit­te­ren Boh­ne erfah­ren, ruht der Tee­trin­ker seit jeher in dem Bewusst­sein, sich selbst mit dem Getränk sei­ner Wahl etwas beson­ders Gutes zu tun. Ist die­se Gewiss­heit beim pro­fa­nen Schwarz­tee­trin­ker noch eher gering aus­ge­prägt (er ver­mag sich so gera­de eben über den Kaf­fee­an­hän­ger zu erhe­ben), ver­fügt bereits der Grün­tee­adept für gewöhn­lich über inti­mes Spe­zi­al­wis­sen über die Wir­kung von Epi­gal­lo­ca­te­ching­al­lat, kurz EGCG, und von Dia­be­tes über Mul­ti­ple Skle­ro­se bis hin zu Krebs und Alz­hei­mer bleibt kaum eine Krank­heit vom Heils­ver­spre­chen aus­ge­nom­men. Wie so häu­fig tre­ten spek­ta­ku­lä­re Wun­der­hei­lun­gen Ein­zel­ner an die Stel­le fun­dier­ter wis­sen­schaft­li­cher Stu­di­en, und wird gar ein skep­ti­scher Schul­me­di­zi­ner wie Wer­ner Hun­stein durch Tee­trin­ken von der Sys­te­mi­schen Leichtketten-(AL)-Amyloidose befreit, ist der Tee unwi­der­ruf­lich im Sta­tus des Wun­der­mit­tels ange­kom­men. So nimmt es kaum Wun­der, dass die Spit­ze der Tee­py­ra­mi­de eng besetzt ist mit einer unglaub­li­chen Viel­falt von Kräu­ter­auf­güs­sen, die, alle­samt orga­nisch-bio­lo­gisch gezo­gen, ihren schwar­zen und grü­nen Vet­tern gegen­über den unschätz­ba­ren Vor­teil haben, frei vom ver­pön­ten Genuss­gift Kof­fe­in zu sein. Bis zurück in die Urzeit der Fau­na unse­res Pla­ne­ten reicht das Kräu­ter­spek­trum, dass mit hei­ßem Was­ser begos­sen aller­lei Zip­per­lein hei­len und das Wohl­be­fin­den bes­sern soll. Schach­tel­halm (auch als Zinn­kraut bekannt) zur Durch­spü­lung der ablei­ten­den Harn­we­ge, Schaf­gar­be gegen Ver­dau­ungs­be­schwer­den, Weg­war­te für die Gal­len­funk­ti­on, Löwen­zahn zur Blut­rei­ni­gung und zur Ent­schla­ckung (schon wie­der. Kein Ent­kom­men vor der Schla­cke!), Ros­marin­tee zum Anre­gen, gegen Gicht und Rheu­ma, und, und, und… Und wenn ihr mich jetzt fragt, wie schmeckts, dann sag ich ganz ehr­lich, die meis­ten schme­cken wie ein Heu­auf­guss und manch­mal fragt man sich, wel­ches Tier vor­her in die­sem Heu geschla­fen oder unan­stän­di­ge Ver­rich­tun­gen dar­in getrie­ben hat. Bei fes­tem Glau­ben an die Wir­kung aller­dings besche­ren die­se Kräu­ter­auf­güs­se sen­so­ri­sche Erleb­nis­se von ein­ma­li­ger Qua­li­tät.

Die Fas­ten­sup­pen übri­gens schmeck­ten meist recht gut. Mein Ver­dacht, dem Geschmack sei mit reich­li­chen Gaben von NaCl nach­ge­hol­fen wor­den, lässt sich nicht aus­räu­men. Am drit­ten Tag des Fas­tens muss ich wie­der mei­ne Blut­druck­ta­blet­ten (Losar­tan comp. 50mg/12,5mg) ein­wer­fen, um den Über­druck zurück in geord­ne­te Bah­nen zu len­ken. Anders als 2011 auf Sylt lässt sich mein arte­ri­el­les Gefäß­sys­tem nicht davon über­zeu­gen, durch ein Über­an­ge­bot an Bewe­gung und eine Unter­ver­sor­gung mit Nah­rung »Dampf« abzu­las­sen. Scha­de. Zoll­ver­ein, das sei hier unbe­dingt erwähnt, ist die wei­tes­te Anrei­se wert. Eine will­kom­me­ne Abwechs­lung in der Fas­ten­rou­ti­ne bie­tet auch der Besuch der Gruga­park-Ther­me. Wenn man das Man­tra von der Ent­schla­ckung des Kör­pers über die Haut durch Schwit­zen aus­blen­det, kann man sich an einer schö­nen und sau­be­ren Sau­na­an­la­ge erfreu­en und einen herr­lich fau­len Tag genie­ßen. Falk, der vega­ne Sauna­meis­ter, gießt auf, und die Fas­ten­lei­te­rin fragt, was der Auf­guss ent­hält und wozu er gut sei. War­um sie glau­be, dass er über­haupt zu etwas gut sei, fragt Falk etwas pro­vo­kant zurück. Alle Düf­te hät­ten ihre Wir­kung, ent­geg­net sie. Da müs­se er kurz über­le­gen, sagt Falk, und nennt die posi­ti­ven Wir­kun­gen der Tink­tur: Wohl­be­fin­den, eine jun­ge Haut, Anre­gung der Zell­tei­lung und För­de­rung des Welt­frie­dens. Ich muss grin­sen. Von einem Vega­ner habe ich die iro­ni­sche Distanz zur Heil­wir­kung der Sau­na nicht erwar­tet. Mir gefällts.

Unbe­dingt emp­feh­lens­wert ist auch der Besuch der Alt­stadt von Essen-Kett­wig. Neben der male­ri­schen Alt­stadt und einem Café, das den äußerst schmack­haf­ten »Tiger Spi­ced Chai« (Schwar­zer Tee mit Milch, Kar­da­mom, Zimt und Nel­ken, lecker!) anbie­tet, ist der Weg über den Lein­pfad von Wer­den nach Kett­wig ent­lang der Ruhr eben­so sehens­wert wie die Schlös­ser der Umge­bung, z.B. Schloss Hugen­po­et (sprich: Hugen­poot, was wohl »Krö­ten­pfuhl« bedeu­ten soll).

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Essen-Kett­wig – Alt­stadt

Auf dem Weg von Wer­den nach Kett­wig pas­sie­ren wir die Papier­müh­len­schleu­se und die Eisen­bahn­brü­cke in Kett­wig. Abseits des Aus­flug­drucks der son­ni­gen Sai­son­wo­chen­en­den ein Weg voll Genuss und Ent­span­nung.

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Last­käh­ne an der Papier­müh­len­schleu­se

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Eisen­bahn­brü­cke Kett­wig

Und noch­mal geht es auf Zoll­ver­ein. Mitt­ler­wei­le ist die nächs­te Fas­ten­grup­pe ein­ge­trof­fen, und gemein­sam mit zwei wei­te­ren (männ­li­chen!) Mit­strei­tern neh­me ich die zwei­te Fas­ten­wo­che in Angriff. Das heißt für mich, wie­der auf die Zeche, dies­mal in die Koke­rei. Auch hier wie­der Begeis­te­rung pur. Unser Gui­de erzählt lau­nig und glänzt durch Fach­kom­pe­tenz. Bes­ser geht’s nicht. Kuckt sel­ber:

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600m, 304 Öfen: Die Koke­rei Zoll­ver­ein

Den Besuch auf dem Hügel mag ich auch nicht ver­schwei­gen. Ange­sichts die­ses Mus­ter­bei­spiels sozia­len Woh­nungs­baus kann man ver­ste­hen, war­um der Sozia­lis­mus damals eine ungleich höhe­re Anzie­hungs­kraft ent­fal­te­te als heut­zu­ta­ge. Obwohl, ich hätt um kein Geld der Welt da drin­nen hau­sen wol­len. Nicht wirk­lich.

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Vil­la Hügel – Viel Tep­pich zu sau­gen

Jetzt wird es Zeit, die Fas­ten­lei­te­rin lobend zu erwäh­nen. Rüh­rig, besorgt, immer ansprech­bar, hat sie ein abwechs­lungs­rei­ches Pro­gramm mit vie­len wun­der­schö­nen Wegen durch eine fas­zi­nie­ren­de Kul­tur­land­schaft ent­wor­fen. Was mir zu viel war, ihre gera­de­zu müt­ter­li­che Besorgt­heit, war ande­ren will­kom­men, und so habe ich hier nichts zu kri­ti­sie­ren. Ver­ständ­nis­los, dass aller­dings kann ich nicht erspa­ren, ste­he ich einer ihrer Gaben gegen­über, und wer an die Ent­gif­tung glaubt, neh­me hier mei­nen zwei­ten Warn­hin­weis zur Kennt­nis und ver­las­se umge­hend die­se Sei­te. Es geht um Pads. Nicht um Kaf­fee­pads, Kaf­fee ist pfui, nein, um Detox-Pads. Ino­ki Detox Foot Pads, um genau zu sein:

Unter Füße kle­ben und das Gift los­wer­den – Wirk­lich?

Ich hab mir die Mühe gemacht und den win­zig klei­nen Auf­druck ent­zif­fert:

Natu­ral­ly Clea­ning… While You Sleep! With the Authen­tic KINOKI Detox Foot Patch Exter­nal Clan­sing Pad. Deto­xi­fy Your Body While You Sleep! Japa­ne­se Medi­cal Rese­arch has Revaa­led The Sacrets Of Bam­boo Vine­gar ant its hee­aling and Deto­xi­fy­ing Pro­per­ties On the Body! KINOKI Foot pads Sim­ply App­ly to The Hael Of Your Foot and While You Sleep, Harm­ful Toxins are Remo­ved From The Body. Boost Your Natu­ral Ener­gy Level By Remo­ving Toxins, Impu­ri­ties and Metals From Your Outer Lay­er Of Skin. Com­ple­te­ly Safe And Pain­less. The KINOKI Foot Pads Res­to­re The Natu­ral You While You Sleep.

Die Schreib­feh­ler hab ich übri­gens nach bes­tem Wis­sen und Gewis­sen über­tra­gen :-). Kein Hin­weis auf die tat­säch­li­chen Inhalts­stof­fe. kein Hin­weis zum Her­stel­ler, zum Her­stel­lungs­da­tum, Char­gen­num­mer, Halt­bar­keits­dau­er. Man muss schon wirk­lich sehr gläu­big sein, um eine Wir­kung zu ver­spü­ren. Leu­te, lasst es blei­ben. Gebt euer Geld dem Sand­ler (frän­kisch, bay­risch und öster­rei­chisch für Obdach­lo­se) eures Ver­trau­ens, dem Kin­der­schutz­bund oder der Hos­piz­ver­ei­ni­gung, da tut ihr wirk­lich was Gutes. Wer mehr wis­sen will, kuckt hier (Pdf in eng­li­scher Spra­che). Selbst Bri­git­te ist schon skep­tisch, und das will was hei­ßen 🙂

Vom Ölzie­hen will ich erst gar nicht reden. Jetzt, wo ich weiß, wel­che Gift­höh­le mein Mund ist, mag ich mei­ne Liebs­te nim­mer küs­sen. Doch halt, die Ret­tung naht. Öl. Ein Ess­löf­fel voll Bio-Son­nen­blu­men­öl, eini­ge Minu­ten im Mund hin- und her bewegt und durch die Zäh­ne gezo­gen, befreit die Mund­höh­le von allen Schad­stof­fen. Zuver­läs­sig und schnell, von füh­ren­den Geist­hei­le­rin­nen bestä­tigt. Nur mein Oli­ven­öl soll ich nicht neh­men.

Den Mund damit aus­spü­len und das Gift als Son­der­müll aus­spu­cken

Née. Da mach ich nicht mit. Trotz dring­li­cher Ermah­nung, das Ölzie­hen nicht zu ver­ges­sen. Im Öster­rei­chi­schen Stan­dard hab ich einen hüb­schen Arti­kel aus 2011 dazu gefun­den. Und gleich die pas­sen­de Ant­wort der Ako­ly­then dazu:

jaja­ja weil ja der Meid­zi­ner Peter Franz. Lei­ter der HNO, soviee­e­e­e­el in sei­ner Medi­zi­ner Aus­bil­dung über Ener­ge­ti­sche Metho­den und Schwin­gungs­me­di­zin gelernt hat! des­we­gen ist ja alles Schwach­sinn! gel­le? sei­ne, auf das Phar­ma­kar­tel­le zuge­schnit­te­ne BIl­dung ist ihm ein­zig allein ein gro­ßes Brett vor dem Kopf… der Mensch ist ein sys­te­mi­sches Gan­zes, Zäh­ne kor­re­spon­die­ren mit dem gan­zen Kör­per, über die Meri­dia­ne, die die fein­stoff­li­che Ener­gie wei­ter­lei­ten, wel­che, wenn man stirbt, ja den Kör­per wie­der ver­lässt, aber die sieht man ja nicht, also kann es sie ja auch nicht geben!!! Des­we­gen wird die Spu­cke im scha­ma­ni­schen ritu­al auch ver­brannt, damit die ver­brauch­te Ener­gie trans­for­miert wer­den kann, und was kann bes­ser trans­for­mie­ren als Feu­er?

Noch Fra­gen? Ich nicht mehr. Des­halb ist jetzt hier auch Schluss mit dem The­ma. Ein letz­tes Wort zum Fas­ten. Was hats mir gebracht? Das Fas­ten­hoch? Mehr Ener­gie? Erkennt­nis oder ein höhe­res Bewusst­sein? Zunächst mal in 12 Tagen einen Gewichts­ver­lust von knapp 6 Kilo, von denen 2 schon wie­der drauf sind. Wie so vie­len vor mir wegen den durch den Nah­rungs­ent­zug geschwäch­ten Abwehr­kräf­ten eine dicke Erkäl­tung mit reich­lich Hus­ten. Aber auch 12 Tage abseits des All­tags­stres­ses, 12 Tage in einer herr­li­chen Land­schaft, mit fan­tas­ti­schen Tou­ren, in der Beglei­tung wun­der­vol­ler Men­schen. Und die­ser zuletzt erwähn­te Umstand war alle Mühen wert. Dan­ke! Dan­ke auch für Kom­men­ta­re, zum Arti­kel und zu den Bil­dern.

2 Replies to “Fastenwandern – Eine Selbsterfahrung”

  1. Annette

    Lie­ber Micha­el, alles wun­der­bar, schö­ne, sehr schö­ne Fotos und ein Text, der wirk­lich sehr ange­neh­me Erin­ne­run­gen an eine erhol­sa­me und erfah­rungs­rei­che Woche her­vor­ruft (Ruhr­tal – ein Traum) – ich habe jetzt auch einen Ent­saf­ter 😉

    Vie­le Grü­ße aus Ber­lin
    Annet­te

    Antwort
  2. Wolfgang Hopp

    Also Micha­el, der Block ist klas­se, weil er so eigen­wil­lig ist.

    Eine wirk­lich tol­le Beschrei­bung, unter­legt mit sehr guten Fotos.

    Da mir der Stuhl­kreis, der Abends von der Fas­ten­lei­te­rin erzwun­gen wur­de, noch nach­geht, lie­fe­re ich die­se Beschrei­bung als Block­bei­trag nach:

    Das sich eine Grup­pen­lei­te­rin nach dem Emp­fin­den der ein­zel­nen Men­schen wäh­rend des Fas­ten­pro­zes­ses täg­lich erkun­digt ist üblich, sogar not­wen­dig.

    Das die­se Befind­lich­keits-Infor­ma­tio­nen aber in einem psy­cho­the­ra­peu­ti­schen Rah­men (also Stuhl­kreis) zele­briert wer­den muss­ten, obwohl die meis­ten Teil­neh­mer die­se Infor­ma­tio­nen nach der Abend­was­ser­sup­pe auch bei Tisch sehr selbst­ver­ständ­lich gege­ben hät­ten, mach­te mich doch sehr ärger­lich.

    Vor allen Din­gen des­halb, weil die Fas­ten­lei­te­rin nicht in der Lage war, die Wün­sche der Teil­neh­mer, am Tisch sit­zen­blei­ben zu wol­len, berück­sich­ti­gen zu kön­nen und gleich­zei­tig mit der Bot­schaft unter­wegs war, Sie sei ja für die Grup­pe da.
    (Gut gemeint ist immer noch das Gegen­teil von Gut gemacht)

    Schließ­lich gehe ich auch nicht zur Ehe­be­ra­tung, um mei­ner Frau die Fra­ge zu stel­len, wie es ihr gera­de geht.

    Hier passt die Inten­ti­on der Fra­ge­stel­lung nicht zum auf­ge­zwun­ge­nem Set­ting.

    Völ­lig hilf­los, weil die Fas­ten­lei­te­rin Ihrer Stuhl­kreis-Struk­tur, wie eine Wöl­fin ver­tei­dig­te, flüch­te­te ich in die Iro­nie und schrieb in Anleh­nung an Lori­ot

    »Ein Leben ohne Stuhl­kreis ist mög­lich, aber sinn­los«.

    Die Vil­la Hügel als ein Mus­ter­bei­spiel sozia­len Woh­nungs­baus zu beschrei­ben, ist ein treff­lich gelun­ge­ner Euphe­mis­mus.

    Ich habe Trä­nen gelacht.

    Dan­ke für den Text, der mir auch Anre­gun­gen für mei­ne eige­nen Rei­se­be­rich­te gege­ben hat.

    Lie­be Grü­ße
    Wolf­gang

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