Viva Gewitterchor! Essen, Koks und Kohle

Hin­weis: Eini­ge Gesich­ter sind aus Daten­schutz­grün­den ver­pi­xelt. Ich bin aber sicher, dass die Natio­nal Secu­ri­ty Agen­cy und die Government Com­mu­ni­ca­ti­ons Head­quar­ters ohne­hin über unser kon­spi­ra­ti­ves Tref­fen Bescheid wis­sen. Du kannst ren­nen, aber dich nicht verstecken … 🙂

Nicht nur bin ich Mit­glied in der ehren­wer­ten Gesell­schaft der Freun­de Czer­no­wit­zens, auch als Tra­di­ti­ons­ver­band Katho­li­scher Czer­no­wit­zer Pen­nä­ler bekannt. Den noch ehren­wer­te­ren Ver­ein zur För­de­rung der Czer­no­wit­zer Gas­tro­no­mie (Wahl­spruch: manus manum lavat) habe ich 1995 in der Czer­no­wit­zer Gast­stät­te »Ber­lin« des lei­der ver­stor­be­nen Herrn Kup­fer selbst mit­ge­grün­det. Dazu kommt seit 1981 mein Wir­ken in der K.D.St.V. Fran­ko­nia-Czer­no­witz im CV zu Erlan­gen. Das reicht, soll­te man meinen.

Reicht nicht, mei­ne ich. Des­halb berei­chert seit 1986 der Sauer­län­der Gewit­ter­chor mein Leben. Gegrün­det anläss­lich einer Hoch­zeit im Freun­des­krei­se, der seit den frü­hen Sieb­zi­gern aus gemein­sa­mer Schul­zeit ent­stan­den ist, ver­mit­telt der Chor seit bald drei Jahr­zehn­ten im lus­ti­gen Gesang den Gäs­ten und den Ange­hö­ri­gen des Braut­paa­res inti­me und pikan­te Details über das Vor­le­ben der Bin­dungs­wil­li­gen, fein gesetzt in Vers­form und beglei­tet von lieb­li­chem Schal­mei­en- und Lau­ten­spiel. Spä­ter sind run­de Geburts­ta­ge will­kom­me­ner Anlass für Auf­trit­te, eine Tren­nung und ein Todesfall.

Geübt haben wir immer nur wider­wil­lig. Mit sel­te­ner wer­den­den Auf­trit­ten und per­so­nell geschrumpf­ter instru­men­tel­ler Beglei­tung sind die musi­ka­li­schen Limi­ta­tio­nen des Cho­res in den Vor­der­grund gerückt. Kurz und gut: Wir sin­gen etwa so viel wie Trou­ba­dix wäh­rend eines Fest­essens im gal­li­schen Dorf. Da wir – anders als der gal­li­sche Bar­de – frei­wil­lig zu der Erkennt­nis gekom­men sind, dass der Gesang ein Ende haben soll­te, bleibt uns mehr Zeit für das Fest­essen und die dar­um gela­ger­ten Randaktivitäten.

In die­sem Bericht soll davon die Rede sein. Essen bezieht sich hier auf die Stadt (was Krupp in Essen waren wir mal in Trin­ken, auch das lässt nach) und der orts­kun­di­ge Leser wird leicht ver­mu­ten, dass Koks und Koh­le zum Welt­kul­tur­er­be Zollverein

Wegweiser zur schönsten Zeche vonne Welt

Weg­wei­ser zur schöns­ten Zeche von­ne Welt

wei­sen. Stimmt. Wir bege­hen das Jah­res­tref­fen des Gewit­ter­cho­res, und euer treu­er Chro­nist ist der Orga­ni­sa­tor. Da er sich selbst in die­ses Amt ein­ge­setzt hat, ist Mit­leid mit selbst­ver­schul­de­tem Schick­sal nicht angebracht.

Frei­tag, 4. Juli 2014

Inde­pen­dence Day. Nicht bei uns. Bei uns geht es gegen Frank­reich. Wie sagt der Brand­ner in der berühm­ten Sze­ne in Auer­bachs Keller?

Man kann nicht stets das Frem­de meiden,
Das Gute liegt uns oft so fern.
Ein ech­ter deut­scher Mann mag kei­nen Fran­zen leiden,
Doch ihre Wei­ne trinkt er gern.

In die­sem Zusam­men­hang deucht es oppor­tun, eines mei­ner Lieb­lings­zi­ta­te anzu­brin­gen. Urhe­ber ist der schot­ti­sche Natio­nal­dich­ter Robert Burns, und die Zei­len ste­hen in dem 1785 ent­stan­de­nen Gedicht »To a mou­se«. Hier das Ori­gi­nal in Burns Mut­ter­spra­che »Scots«:

The best-laid sche­mes o‹ mice an‹ men
Gang aft agley
An’ lea’e us nought but grief an’ pain,
For promis’d joy!

Bekann­ter ist die Ver­si­on in moder­ne­rem Eng­lisch, wo die »sche­mes« durch »plans« ersetzt wer­den, und anstatt »Gang aft agley« liest man dann »go astray«. Am Sinn ändert sich nix. Die Plä­ne gehen den Bach run­ter und es bleibt nichts als Schmerz und Kum­mer an Stel­le der ver­spro­che­nen Freude.

So droht es auch mir zu gehen. Ich pla­ne ein Tref­fen im »Cen­tral im Gril­lo Thea­ter« für den 4. Juli um 19:00 und alle fin­den es toll. Bis den Fuß­ball­göt­tern in einer unbe­greif­li­chen Lau­ne ein­fällt, unse­re Natio­nal­mann­schaft ins Vier­tel­fi­na­le gegen Frank­reich zu schi­cken. Was jetzt folgt, ist leicht abzu­se­hen: Der ers­te Mit­cho­rist ruft an und erkun­digt sich, ob im Cen­tral rudel­ge­kuckt wird. Wer lesen kann ist klar im Vor­teil: Die Tele­fon­num­mer des Lokals habe ich in einer Aus­sen­dung allen Teil­neh­men­den kund­ge­tan, aber es ist ja so viel ein­fa­cher, den Orga­ni­sa­tor zu kon­tak­tie­ren. Kurz und gut, ja, Rudel­kuck fin­det statt. Fast alle tru­deln frü­her als geplant ein, der gemein­sa­me Spa­zier­gang vom Hotel zum Cen­tral fällt aus, König Fuß­ball dik­tiert den Zeit­plan. Der Plan ist »Gang aft aglay«. Dass dann doch nicht »grief an’ pain« die Stim­mung ver­gällt, liegt an drei bemer­kens­wer­ten Zufäl­len: 1. Im Cen­tral ist Platz genug für uns, auch wenn unse­re reser­vier­ten Plät­ze erst ab 19:00 frei wer­den. 2. Alle fin­den hin, nie­mand geht ver­lo­ren. 3. Mats Hum­mels mit der Rücken­num­mer 5 macht in der 13. Minu­te alles klar und der deut­sche Fuß­ball rum­pelt sich zu einem nicht erwar­te­ten Sieg über star­ke Franz­män­ner. Wir trin­ken Bier, in der Mehr­zahl. Die Ner­vo­si­tät des Orga­ni­sa­tors legt sich mit dem zwei­ten Hefe­wei­zen und er beginnt, sei­ne lumo­gra­phi­schen Doku­men­ta­ti­ons­pflich­ten zu erfül­len. Dem Daten­schutz (Asyl für Edward S.!!!) sei geschul­det, dass in die­sem Bei­trag Per­so­nen ver­pi­xelt sind und nicht mit Klar­na­men genannt, sofern überhaupt.

Fuß­ball vor­bei, ers­tes Essen in Essen geges­sen, Bie­re getrun­ken. Zufrie­den­heit allent­hal­ben. Vor dem Heim­weg zum Hotel (in Grup­pen, eini­ge wol­len noch nicht heim, ande­re umso eher. Auch das hät­te es frü­her nicht so gege­ben. O quae muta­tio rer­um!) ein paar Wor­te zum Cen­tral im Gril­lo-Thea­ter. Reser­vie­rung: Per­fekt. Sehr freund­li­cher E-Mail- und Tele­fon­kon­takt. Bei schö­nem Wet­ter drau­ßen, bei Regen drin­nen, kein Pro­blem. So wünscht Gast sich das :-). Essen: Fri­sche Kar­te mit fai­ren Prei­sen, schmack­haft zube­rei­tet, optisch anspre­chend und schnell ser­viert. Super. Trin­ken: Nie­mand ist ver­durs­tet. Für alle ist etwas dabei. Klas­se. Bedie­nung: Flott im Pott. Sto­cky hat den Über­blick. Freund­lich, gelas­sen, kom­mu­ni­ka­tiv. Obwohl (teils paar­wei­se) jeder für sich zahlt, geht die Rech­nung auf den Cent auf. Bes­ser geht nicht. Drum­her­um: Poli­zei, Schland-Fans, Stra­ßen­rei­ni­gung, Bett­ler. Ech­tes City-Flair eben. Emp­feh­lung? Sechs von fünf Ster­nen. Hier ist man wirk­lich gut aufgehoben!

Im Central, nach Essen und Fußball

Ent­spannt im Cen­tral, nach Essen und Fußball

Jetzt folgt ein Gewalt­marsch von rund 650m, dann sind wir im Art Hotel Kör­schen an der Hin­den­burg­stra­ße. Orts­kun­di­ge wer­den ver­ständ­nis­los den Kopf schüt­teln: Ins Hotel? Da? Dawos? Da, wos laut und dre­ckig ist, in unmit­tel­ba­rer Bahn­hofs­nä­he? Jau. Genau da. Weil, viel zen­tra­ler geht’s nicht. Weil, mehr Hotel fürs Geld kriegs­te kaum. Weil, so freund­lich und pro­blem­los eine Rei­se­or­ga­ni­sa­ti­on für acht­zehn Per­so­nen sein kann. Aber fan­gen wir am Anfang an. Los geht’s mit dem Stadt­mar­ke­ting Essen. Die Hotel­vor­schlä­ge von der Stan­ge, teu­er und ein­falls­los. Ein sehr freund­li­cher per­sön­li­cher Kon­takt. Aber was nutzt es? Also ab an den Rech­ner, Hotel​.de auf­ge­ru­fen. Für Rei­se­grup­pen gibt es eine per­sön­li­che Betreu­ung. Ech­te Men­schen am Tele­fon. Und die machen ihren Job gut, fin­den ein super Ange­bot, zen­tral gele­gen und preis­wert. Das Art Hotel Kör­schen. Nächs­te Über­ra­schung: Ein Stor­no eines Paa­res für die ers­te Nacht wird völ­lig kom­pli­ka­ti­ons­los bear­bei­tet. Ein paar Wochen vor der Ver­an­stal­tung dann mel­det sich das Hotel selbst mit der Bit­te um Infor­ma­tio­nen zur Anrei­se der Teil­neh­mer. Da alle auf eige­ne Faust gen Essen eilen, bin ich nicht aus­kunfts­fä­hig. Egal. Nie­mand geht ver­lo­ren. Ein­zi­ger Wer­muts­trop­fen: Das Hotel hat einen Begrü­ßungs­schluck avi­siert. Der fällt aus, wg. König Fuß­ball (s.o.). Grief an‹ pain, aber nur ganz wenig.

Sams­tag, 5. Juli 2014

Nach dem uner­war­te­ten, doch genos­se­nem Höhe­punkt am Frei­tag (wir erin­nern uns, der Sieg über die Fran­zen – wenn die­ses Wort nicht vom Dich­ter­fürs­ten höchst­selbst stam­men wür­de, ich wür­de nicht wagen, es zu ver­wen­den!), wol­len wir den ers­ten kul­tu­rel­len Gip­fel Essens erklim­men. Der famo­se Orga­ni­sa­tor (das bin ich, für den Fall, dass ihr es schon ver­ges­sen habt) hat dafür die Zeche Zoll­ver­ein aus­er­ko­ren. Heu­te geht kein sche­me aft aglay. Pünkt­lich um 9:47 bringt uns die – unge­wöhn­li­cher­wei­se nicht über­füll­te – Kul­tur­li­nie 107

Kulturlinie 107

Logo der Kul­tur­li­nie 107

(für Land­ei­er und Nicht-Esse­ner: Das ist eine Stra­ßen­bahn) in flot­ten 16 Minu­ten zur Hal­te­stel­le Zoll­ver­ein. Wie soll­te sie auch sonst hei­ßen. Durch den Haupt­ein­gang, bewacht von zwei (unbe­setz­ten) Pfört­ner­häus­chen, frü­her Tabu für den ein­fa­chen Arbei­ter und Besucher

Nur für VIP's. Betreten des Rasens verboten (Damals. Heute darf man)

Nur für VIP’s. Betre­ten des Rasens ver­bo­ten (Damals. Heu­te darf man)

und ledig­lich den Besit­zern, Direk­to­ren und höchst­ran­gi­gen Besu­chern vor­be­hal­ten, lau­fen wir stram­men Schrit­tes auf das Are­al A [Schacht XII], Koh­len­wä­sche [A14] zu

Hier könnt ihr parken

Hier könnt ihr par­ken (Für ÖPNV-Verweigerer)

und rol­len über die längs­te Roll­trep­pe Deutsch­lands (58m) zum Ruhr­mu­se­um, dem aus­ge­mach­ten Treff­punkt. Die längs­ten unun­ter­bro­che­nen Roll­trep­pen der Welt sind übri­gens mit jeweils 137 Metern die vier Roll­trep­pen der Metro-Sta­ti­on Admi­ralt­eis­ka­ja in Sankt Peters­burg. Die Fahrt­dau­er beträgt cir­ca 2 Minu­ten und 50 Sekun­den. An die­ser Stel­le ein herz­li­ches Dan­ke­schön an die Klug­schei­ßer­le von der Wikipedia!

Treff­punkt, da war doch noch was. Wir sol­len hier unse­ren Füh­rer tref­fen. Also gehe ich fro­hen Mutes zum Info­tre­sen, nes­te­le die Ange­bots­be­stä­ti­gung der Stif­tung Zoll­ver­ein aus der Tasche und wer­de mit der Erkennt­nis kon­fron­tiert: Wer lesen kann ist klar im Vor­teil. Wie ich es selbst wei­ter oben in die­sem Bei­trag bereits geschrie­ben habe. Jetzt bin ich sel­ber Gegen­stand mei­nes Spot­tes: Nicht in A14 tref­fen wir uns, nein, in Hal­le A2. Dop­pelt ärger­lich, denn 1. hab ich die Infor­ma­ti­on schwarz auf weiß und 2. hab ich die fal­sche Infor­ma­ti­on in vol­ler Über­zeu­gung, sie wäre kor­rekt, an alle Gewit­ter­cho­ren­den ver­teilt. Ein Segen, dass ich den Zeit­plan nicht kurz auf knapp gestrickt habe. Wir haben noch reich­lich Zeit bis zum Beginn der Füh­rung, die getrennt Anrei­sen­den wer­den pro­blem­los ein­ge­fan­gen, die Hal­le A2 ist leicht zu fin­den und hin­ein geht’s in zwei indus­trie­kul­tur­his­to­ri­sche Lehr­stun­den voll von ver­ba­len, visu­el­len, hap­ti­schen und akus­ti­schen Ein­drü­cken. Kurz, alle Sin­ne wer­den ange­spro­chen und auch der Intel­lekt kommt nicht zu kurz.

Die Gruppe scharrt sich um den Führer

Die Grup­pe scharrt sich um den Führer

Das zeigt sich in den regen Fra­gen der Grup­pe. Doch die Ant­wor­ten … »Las­sen Sie die Fra­ge mal, dazu kom­men wir spä­ter noch.« Erstaun­lich ist nicht, wie Fra­gen des gespannt an den Lip­pen des Füh­rers hän­gen­den Audi­to­ri­ums ein- ums ande­re Mal mit Bestimmt­heit abge­blockt wer­den. Erstaun­lich ist, dass es in den meis­ten Fäl­len schon genügt, die Fra­ge nur anzu­deu­ten, um stets glei­che Ant­wort zu erhal­ten. Nach kur­zer Zeit über­neh­men die ers­ten Grup­pen­mit­glie­der bereit­wil­lig die Rol­le unse­res Füh­rers und zischeln jeden Fra­gen­den an: »Dazu kom­men wir spä­ter noch!«. In ste­tem Auf- und Ab ver­fol­gen wir, beglei­tet von aus­gie­bi­gen Erklä­run­gen, den Weg der Koh­le von der Zeche über die Koh­len­wä­sche bis zur Ver­la­dung und erhal­ten eine vage Idee von der Unge­heu­er­lich­keit der Anla­ge in ihren Hoch­be­triebs­zei­ten und den teils unmensch­li­chen Arbeits­be­din­gun­gen, doch auch von der Groß­ar­tig­keit der Tech­nik und der Effi­zi­enz des Betriebs. Was Chap­lin in »Modern Times« ange­deu­tet hat, hier wur­de es per­fek­tio­niert. Der Mensch in die­ser Anla­ge, nichts als ein Werk­zeug, das genau so gut zu funk­tio­nie­ren hat­te wie sei­ne stäh­ler­nen Nach­barn. Die fol­gen­den Bil­der ver­mö­gen nur unzu­rei­chend die gesam­mel­ten Ein­drü­cke zu visualisieren …

Am Modell der Kohlenwäsche

Am Modell der Kohlenwäsche

Letzt­lich bleibt die Erkennt­nis, dass wir im Ver­gleich zu den Män­nern von Zoll­ver­ein (ob Frau­en dort gear­bei­tet haben, ist mir nicht bekannt) Weich­ei­er sind und Luxus­pro­ble­me schau­keln. Über unse­ren heu­ti­gen Arbeits­schutz hät­te man sich sche­ckig gelacht, am Berg­manns­tod gezo­gen (selbst­ge­dreh­ter Schwar­zer Krau­ser), kurz den Koh­len­staub abge­hus­tet (es war der Gesteins­staub, der die wirk­lich gefähr­li­che Sili­ko­se ver­ur­sach­te, die Koh­le ist unschul­dig) und wäre zurück an den Arbeits­platz gegan­gen, um sich bei uner­träg­li­cher Hit­ze, Lärm und Staub dem Ende eines kur­zen Lebens ent­ge­gen zu schuf­ten. Wir Heu­ti­gen haben es schon ver­dammt gut …

Blick in die Ferne vom Dach der Kohlenwäsche

Blick in die Fer­ne vom Dach der Kohlenwäsche

Mit­tags­pau­se. Mahl­zeit. But­ter­zeit. Genau dort lie­fert uns der Füh­rer ab. In der But­ter­zeit, dem Selbst­be­die­nungs­re­stau­rant der Zeche. Es reg­net in Strö­men, doch der Regen ist zumin­dest warm. Die But­ter­zeit errei­chen wir, ohne dass die Natur­ge­wal­ten ein Opfer for­dern. Unse­re Plät­ze sind reser­viert, es ist warm, schwül und sti­ckig, aber es gibt Ein­topf und lecker Pils­ken. Herz, was wills­te mehr!

Butterzeit, leicht verfremdet

But­ter­zeit, leicht verfremdet

Wir genie­ßen die Pau­se und machen uns nach ange­mes­se­ner Zeit auf zur nächs­ten vol­len Wis­sens­dröh­nung. Zur Kokerei.

Die Kokerei in voller Länge. 304 Koksöfen in einer Reihe über 600m!

Die Koke­rei in vol­ler Län­ge. 304 Koks­öfen in einer Rei­he über 600m!

Der Treff­punkt Are­al C [Koke­rei], Misch­an­la­ge [C70] ist schnell gefun­den. Nach einer kur­zen Erklä­rung, was der Gewit­ter­chor sei (die Zoll­ver­ei­ner sind neu­gie­rig wie der Geheim­dienst!) nimmt uns unser Gui­de Hr. Baum­gar­ten in Emp­fang und in einer fan­tas­ti­schen Tour, die von der Erfah­rung des lang­jäh­ri­gen Koke­rei­ex­per­ten getra­gen wird, erfah­ren wir alles über den Weg der Koh­le vom Koks, die Arbeits­be­din­gun­gen (auf ihre Art nicht weni­ger beschis­sen als die auf Zeche) über Betrieb und Still­le­gung der gigan­ti­schen Anla­ge (über 600m lang!) bis hin zur Umwand­lung zum Muse­um und zur Krö­nung als Weltkulturerbe.

Die letzten Meter der Kohle vor dem Koksofen. Die Transportbänder sind demontiert. Wir gehen zu Fuß .

Die letz­ten Meter der Koh­le vor dem Koks­ofen. Die Trans­port­bän­der sind demon­tiert. Wir gehen zu Fuß .

Beein­dru­ckend. Auch hier über­wiegt am Ende der Tour die Freu­de über die Tat­sa­che, dass wir unse­re Bröt­chen nicht in die­sem Arbeits­um­feld ver­die­nen muss­ten. Der Sta­tis­tik fol­gend wäre bei der damals übli­chen Lebens­er­war­tung für Koke­rei­ar­bei­ter die Hälf­te von uns schon über die Wup­per gegan­gen. Ein unbe­hag­li­cher Gedanke …

Über den Koksöfen. Heute gemütlicher als damals

Über den Koks­öfen. Heu­te gemüt­li­cher als damals

Ein­kehr im Koke­rei­ca­fe (etwas gestress­tes, eher unko­ope­ra­ti­ves Per­so­nal) und Abwar­ten der hef­ti­gen Regenschauer.

Der Biergarten des Kokereicafés. Leer, weil Regen.

Der Bier­gar­ten des Koke­rei­ca­fés. Leer, weil Regen.

Rück­marsch zur Stra­ßen­bahn­hal­te­stel­le trotz der War­nung eines San­ges­freun­des, das Regen­ra­dar sei­ner Wet­ter-App wür­de erst in einer Stun­de Tro­cken­heit mel­den. Wie­der glückt der Trans­fer, ohne dass den Ele­men­ten Opfer gebracht wer­den müs­sen. Eine eben­so miss­ver­ständ­li­che wie defek­te elek­tro­ni­sche Aus­kunfts­ta­fel lässt uns rät­seln, wann die Bahn kommt. Ver­läss­lich ist, wär hät­te das gedacht, der papie­re­ne Fahr­plan. Old­school halt, aber zuverlässig.

Ankunft im Hotel, und Über­ra­schung, der für den Frei­tag ver­spro­che­ne und dem Fuß­ball­gott geop­fer­te Begrü­ßungs­schluck war­tet! Jubel! Bier und Pro­sec­co wer­den gern und freu­dig genom­men. Stöß­chen, Schluck, ab zum Duschen und Umzie­hen und fer­tig­ma­chen zum gesel­li­gen Zusam­men­sein im Löwen am Kopstadtplatz.

Ein- oder zwei Wor­te zur Loka­li­tät sind angebracht.

Papier­form: Pri­ma, ers­te Sah­ne. Guter Web­auf­tritt, net­te Spei­se­kar­te, alles gut.

Besuch zum Ken­nen­ler­nen und zur Reser­vie­rung: Ers­te Ein­schrän­kun­gen. Die Gesamt­an­mu­tung des Lokals ist etwas abge­grif­fen. Man will nicht für drau­ßen reser­vie­ren. Ansons­ten bleibt es ein freund­li­cher Kon­takt und die Reser­vie­rung, drei Mona­te vor­ab ins dicke Buch ein­ge­tra­gen, hat vor­züg­lich geklappt.

Der Abend: Eine (sub­op­ti­mal auf­ge­stell­te) Lein­wand fürs Rudel­kuck, pri­ma. Das Per­so­nal ist hin­rei­chend freund­lich, flott aber geht, in Anbe­tracht der über­schau­ba­ren Gäs­te­zahl, anders. Sehr ärger­lich ist der mensch­li­che Sprech­au­to­mat in der Toi­let­ten­an­la­ge, der für jeden Besuch vor­wurfs­voll einen Obo­lus erwar­tet und nach Ein­wurf der Mün­ze sein Dan­ke­schön mur­melt. Jetzt mal ehr­lich, geht’s noch? Ein Bezahl­klo in einer Knei­pe? Habt ihr noch alle Schwei­ne im Ren­nen? Ihr habt ganz nor­ma­le Bier- und Essens­prei­se. Jeder ande­re Wirt ist in der Lage, dar­aus den Betrieb sei­ner Toi­let­ten­an­la­ge zu refi­nan­zie­ren. Dafür extra zu kas­sie­ren ist eine Unver­schämt­heit. Wird der Abtritt dem­nächst an Sani­fair vermietet?

Das Ende: Beim Bezah­len geht die Rech­nung nicht auf. Die Bedie­nung wird pam­pig. Dass der Gast König ist, hat man im Löwen nicht wirk­lich ver­in­ner­licht. Der Besuch endet unhar­mo­nisch. Kei­ne Wer­bung für die Esse­ner Gas­tro­no­mie und nur eine Emp­feh­lung für den Löwen: Weg­blei­ben.

Rück­sturz zum freund­li­chen Hotel und trotz beleb­ter Lage pro­blem­lo­ser Schlaf bei offe­nem Fens­ter. Ein Zim­mer zum Hof ist Gold wert.

Sonn­tag, 6. Juli 2014

Schluss mit lus­tig. Aus­klang. Aus und vor­bei? Nicht gleich. Erst geht’s noch zum Bal­dri­an­see, so genannt in Was­ser­sport­ler­krei­sen wegen sei­ner idyl­li­schen Ruhe.

Wegweiser zum Baldeneysee

Weg­wei­ser zum Baldeneysee

Die größ­te der sechs Ruhr­tal­sper­ren ent­stand ab Juli 1931 als Arbeits­be­schaf­fungs­maß­nah­me im FAD, dem frei­wil­li­gen Arbeits­dienst. Wie frei­wil­lig die Teil­nah­me für die rund 2000 Arbei­ter war, dar­über lässt sich nur spe­ku­lie­ren. Anders als heu­ti­ge Arbeits­be­schaf­fungs­maß­nah­men hat­te die Errich­tung des Bal­de­ney­sees eine Sinn, er dien­te als Absetz­be­cken für Schweb­stof­fe zur Selbst­rei­ni­gung der Ruhr. Die­sen Zweck erfüllt er auch heu­te noch, und die Ruhr hat hier Trink­was­ser­qua­li­tät. Eben­falls bis heu­te wird am Stau­wehr Strom (zwei Kaplan­tur­bi­nen mit bis zu zehn Mega­watt Leistung)erzeugt.

Seit den Zei­ten des gro­ßen Feld­herrn mit dem Chap­lin­bart (genau­er gesagt, seit dem 1. Mai 1933) erfreut die Wei­ße Flot­te Bal­de­ney (damals Ver­kehrs­ge­sell­schaft Bal­de­ney) die Gäs­te mit Bootsfahrten.

Regatttaturm am Baldeneysee. Unten ist der Fahrkartenverkauf der Weißen Flotte

Regatt­ta­turm am Bal­de­ney­see. Unten ist der Fahr­kar­ten­ver­kauf der Wei­ßen Flotte

Auch wir genie­ßen zwei Stun­den lang die Idyl­le und die Tat­sa­che, dass alle trotz herr­lichs­tem Wet­ter (ange­sagt waren Sturm und Regen) einen Park­platz in unmit­tel­ba­rer Nähe des Anle­gers gefun­den haben. Ma hat ma Glück (ma hat ma Pech, ma hat ma Ghandi).

Bootsanleger der Weißen Flotte

Boots­an­le­ger der Wei­ßen Flotte

Pech und Ghan­di hat­ten wir heu­te nicht. Schön ists auf dem See und beson­de­re Mel­dun­gen sind nicht zu berichten.

Bootsfahrt

Boots­fahrt

See­luft macht bekannt­lich hung­rig. Hoch über dem See thront das grie­chi­sche Restau­rant von Ioan­nis und Anto­ni­os Kok­ki­ni­dis, das Hügo­loss. Schlech­te Wort­spie­le sind kein deut­sches Privileg …

Hügoloss über dem Baldeneysee

Hügo­loss über dem Baldeneysee

Das Restau­rant selbst bie­tet trotz des alber­nen Namens nicht nur eine typisch reich­hal­ti­ge Spei­se­kar­te, auch das Per­so­nal ist freund­lich und das Essen mun­det (der grie­chi­sche Wein und der Ouzo sowie­so). Der Blick über den See ist idyl­lisch, die Über­da­chung des Gar­tens schützt vor dem kur­zen Schau­er, die Tem­pe­ra­tu­ren sind erträg­lich. Euer Bericht­erstat­ter ent­spannt sich, alles vor­bei, nichts kann mehr schief­ge­hen. Tut es auch nicht.

Eingang zum Hügoloss

Ein­gang zum Hügoloss

Trä­nen­rei­cher Abschied, Rück­fahrt. Wir, die bes­te Lebens­ge­fähr­tin von allen und ich, wer­den bis zum Esse­ner Bahn­hof mit­ge­nom­men. Ein Zug zurück ist als­bald gefun­den, drin­nen, nach einer kur­zen Pha­se des Ste­hens, auch zwei Sitz­plät­ze. Abseits aller Kli­ma­ti­sie­rung zwar, doch, was solls. Wir sitzen.

Die Schutzheilige der besten Lebensgefährtin von allen (unverpixelt)

Die Schutz­hei­li­ge der bes­ten Lebens­ge­fähr­tin von allen (unver­pi­xelt)

Bie­le­feld, end­lich. Heim, Kof­fer lee­ren, aus­ru­hen. Schön wars. Nächs­te Jahr wer­den wir genie­ßen, dass ein Ande­rer die Arbeit hat. Wir sind gespannt, wo und der Weg hin­füh­ren wird 🙂

Glück Auf!

One Reply to “Viva Gewitterchor! Essen, Koks und Kohle”

  1. Henke, Stephanie

    Lie­ber Freund,
    zur Ver­voll­komm­nung Dei­ner Chronik
    Der Grün­dungs­tag des Sauer­län­der Gewit­ter­chors jährt sich mor­gi­gen Tags zum 28. Mal

    Ansons­ten.…. schön geschrie­ben – so kön­nen wir Zurück­ge­blie­be­nen uns wenigs­tens ein leb­haf­tes Bild vom ent­gan­ge­nen Aus­flug machen.

    Dan­ke für Dei­ne Arbeit.
    Lie­be Grüs­se (auch von mei­nem Ehegesponst)
    Stephanie

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