Urbane Botschaften III: Bielefeld, Hannover (Wahlkämpferisches)

Noch so etwas, was ich – genau wie Schmie­re­rei­en, Com­mer­ci­als und Auf­trags­ar­bei­ten eigent­lich aus der Doku­men­ta­ti­on raus­las­sen woll­te: Wahl­kampf. Aber das geht nicht. Ers­tens ist die Trenn­li­nie zu poli­ti­schen Inhal­ten unscharf, zwei­tens sind man­che poli­ti­schen Bot­schaf­ten (beim zwei­ten Hin­se­hen und etwas Nach­den­ken) zu bri­sant, um sie unkom­men­tiert ste­hen zu las­sen. So wie die­se hier aus Bie­le­feld.

Gehen wir erst­mal zu den Pira­ten. Ein Bild hab ich selbst nicht gemacht, des­halb hier nur der Link zur glo­ba­len Sam­mel­stel­le für Web­in­hal­te: Wahl­kampf­pla­kat der Pira­ten in Bie­le­feld, 2014.

Was wol­len uns die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ex­per­ten die­ser Rekord­par­tei (Auf­stieg aus dem Nichts und Wie­der­ab­stieg in die Bedeu­tungs­lo­sig­keit in nur einer Sai­son, das schafft noch nicht ein­mal die Armi­nia!) mit die­sem Pla­kat sagen? Dass nur 42 von ihnen hier wir­ken? Dass 42 Pira­ten genug sind? Dass wir gefäl­ligst selbst her­aus­be­kom­men sol­len, was 42 bedeu­tet? Als Dou­glas Adams Fan der ers­ten Stun­de hab ich Dirk Gent­ly gefragt. Der hat mir gesagt: »42 ist die Ant­wort auf die Fra­ge, wie vie­le Grün­de es gibt, um die Pira­ten­par­tei ein­zu­stamp­fen.« Na denn, wei­ter­hin viel Spaß bei der Selbst­de­mon­ta­ge, ihr Nerds.

Gran­di­os in der ange­wand­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­wei­ge­rungs­hal­tung ist die­ses Klein­od aus dem 2014er OB-Wahl­kampf in Bie­le­feld:

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Who the f*@ck is Klaus?

Wer nach kur­zem Grü­beln an dem Abge­bil­de­ten eine Leh­re­r­at­ti­tü­de erkennt, das Feh­len eines Fahr­rad­helms bemerkt und die Ver­wen­dung eines offen­kun­dig nicht ver­kehrs­si­chern Velos nicht über­sieht, schließt dar­aus mes­ser­scharf, einen Grü­nen vor sich zu haben. Stimmt. Klaus Werau­chim­mer war OB-Kan­di­dat und gab mit die­ser Vor­stel­lung ein leuch­ten­des Bei­spiel für alle Abc-Schüt­zen auf ihrem ers­tem Schul­weg mit dem Fahr­rad ab. Cha­peau!

Wir blei­ben bei den Grü­nen. Die Ver­wei­ge­rung des Dia­logs mit den Wäh­le­rin­nen und Wäh­lern (oder hei­ßen die gen­der­po­li­tisch kor­rekt jetzt »Wäh­len­de«?) ist kein Pri­vi­leg der unter­ge­hen­den Pira­ten:

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Auf dem Niveau der Rechts­po­pu­lis­ten: Die Grü­nen (NRW) im Euro­pa­wahl­kampf

So sim­pel, so ver­füh­re­risch. Ein­fach mal das Hirn­kas­terl abschal­ten und sich len­ken las­sen: Rechts­po­pu­lis­mus = Kack­schei­ße. Wer Rechts­po­pu­list ist, bestim­men im Zwei­fel erst mal wir Grü­nen und behal­ten so die Deu­tungs­ho­heit. Dann kommt ein­fa­che Mathe­ma­tik ins Spiel. Wenn a = b und b = c, dann ist a = c. Poli­tisch funk­tio­niert das so: Rechts­po­pu­lis­mus = Kack­schei­ße. Geg­ner ( AfD, oder auch Sar­ra­zin, Busch­kow­sky, bit­te je nach poli­ti­scher Grund­ein­stel­lung belie­bi­ge wei­te­re Namen oder Orga­ni­sa­tio­nen ein­fü­gen) = Rechts­po­pu­lis­ten. Dar­aus folgt: Geg­ner = Kack­schei­ße. Tref­fer, ver­senkt, das Pro­to­koll ver­merkt brül­len­de Hei­ter­keit im Publi­kum. So ein­fach geht das. Und wozu ist das gut?

Wie­der­um ganz ein­fach. Es erspart die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Geg­ner (das Wesen der Poli­tik, eigent­lich). Mit Kack­schei­ße brau­che ich nicht zu reden. Mit Kack­schei­ße kann man ja auch nicht reden. Kack­schei­ße muss ein­fach nur ent­sorgt wer­den, weg­ge­spült. Run­ter damit ins Klo. Zum Gau­di­um der eige­nen Kli­en­tel. Dif­fa­mie­rung statt Dis­kus­si­on. Neben­bei trifft man die Anhän­ger der Geg­ner­schaft, die sich dann auch als Kack­schei­ße füh­len darf.

Letzt­lich resul­tiert dar­aus also auch die Dif­fa­mie­rung der Bür­ger, die von dif­fu­sen Ängs­ten und Unbe­hag­lich­kei­ten geplagt sind (welch Wun­der auch, in vola­ti­len Zei­ten wie die­sen. Job vola­til, Ver­mö­gen vola­til, Sozi­al­sta­tus vola­til, bis hin zur geho­be­nen Mit­tel­schicht), als poten­zi­el­le Rech­te oder zumin­dest Rechts­po­pu­lis­ten­an­hän­ger. Anders lie­ße sich die Legen­de vom Schoß, der frucht­bar sei noch, aus dem das kroch, nicht auf­recht erhal­ten. Zumal die Zah­len eine ande­re Wahr­heit ver­kün­den. Kommt es zum Schwur, sprich, zur Wahl, ver­lie­ren die wah­ren Volks­ver­het­zer in Deutsch­land. Immer. Selbst, wenn gefahr­los für die eige­ne Poli­tik dem Poli­tik­frust frei­er Lauf gelas­sen wer­den kann. Ein Blick auf die Nach­bar­län­der (Euro­pa­wahl 2014 in D: NPD 1%, Ande­re 1,2%. Selbst die viel­ge­schmäh­te AfD kommt nur auf 7,1% hin­ter der Lin­ken mit 7,4%). Frank­reich: (Mari­ne Le Pen vom FN, mit 24,86%(!) stärks­te Kraft, lässt grü­ßen. Fast dop­pelt soviel wie äuße­re Lin­ke und Rech­te in Deutsch­land zusam­men!) rela­ti­viert die Bedeu­tung des deut­schen Rechts­po­pu­lis­mus dann doch (spä­tes­tens hier bit­te den Vor­wurf anset­zen, ich ver­tei­di­ge Rechts­po­pu­lis­mus, Recht­po­pu­lis­ten und/oder rechts­po­pu­lis­ti­sche Posi­tio­nen …).

Letzt­lich ist die­ses klei­ne Pla­kat erschre­ckend. Zeigt es doch den unbe­ding­ten Wil­len der Grü­nen zur Poli­tik- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­wei­ge­rung. Die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem poli­ti­schen Geg­ner wird auf Fäkal­ni­veau tie­fer­ge­legt. Die Nöte und Sor­gen der Bür­ger ver­schwin­den mit ein paar Blät­tern Papier und etli­chen Litern öko­lo­gisch auf­ge­fan­gen und gefil­ter­tem Regen­was­sers (hof­fent­lich wenigs­tens das) im Abtritt. Was bleibt, ist ein scha­ler Gag für eine offen­sicht­lich als anspruchs­los ein­ge­schätz­te eige­ne Kli­en­tel. Anders ist auch der Pleo­nas­mus »Kack­schei­ße« nicht zu erklä­ren, der sich naht­los ein­reiht in Klas­si­ker wie den wei­ßen Schim­mel, den alten Greis oder die weib­li­che Bun­des­kanz­le­rin 😉

Fra­gen wir die Wis­sen­schaft nach einer Defi­ni­ti­on von Popu­lis­mus:

Mit Popu­lis­mus [wird] eine Hal­tung umschrie­ben, die für das soge­nann­te ‚ein­fa­che‘ Volk und gegen die herr­schen­den gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Eli­ten Par­tei ergreift. Haupt­we­sens­merk­mal des Popu­lis­mus ist mit­hin sei­ne Anti-Esta­blish­ment-Ori­en­tie­rung.“

(Decker, Frank: Demo­kra­ti­scher Popu­lis­mus und/ oder popu­lis­ti­sche Demo­kra­tie? Bemer­kun­gen zu einem schwie­ri­gem Ver­hält­nis. In: Wielen­ga, Friso/ Hart­leb, Flo­ri­an (Hrsg.): Popu­lis­mus in der moder­nen Demo­kra­tie. Die Nie­der­lan­de und Deutsch­land im Ver­gleich. Müns­ter: Wax­mann Ver­lag: 40 Her­vorh. im Ori­gi­nal)

Schau­en wir mal auf die The­men­fel­der des Recht­po­pu­lis­mus:

Themenfelder des Rechtspopulismus. (Quelle: Rechtspopulismus in Niedersachsen und Bremen. Preuß, Madlen/ van de Wetering, Denis/ Zick, Andreas (2014): Rechtspopulismus in Niedersachsen und Bremen. Eine Analyse der Agitation und Verbreitung rechtspopulistischer Orientierungen in der Bevölkerung. Institut für Konflikt und Gewaltforschung (IKG): Bielefeld.

The­men­fel­der des Rechts­po­pu­lis­mus. (Quel­le: Rechts­po­pu­lis­mus in Nie­der­sach­sen und Bre­men. Preuß, Madlen/ van de Wete­ring, Denis/ Zick, Andre­as (2014): Rechts­po­pu­lis­mus in Nie­der­sach­sen und Bre­men. Eine Ana­ly­se der Agi­ta­ti­on und Ver­brei­tung rechts­po­pu­lis­ti­scher Ori­en­tie­run­gen in der Bevöl­ke­rung. Insti­tut für Kon­flikt und Gewalt­for­schung (IKG): Bie­le­feld.)

Und jetzt zu den Nach­rich­ten mit den aktu­el­len Bezugs­punk­ten zu rechts­po­pu­lis­ti­schen The­men­fel­dern: Boko Haram ent­führt christ­li­che Mäd­chen und zwangs­kon­ver­tiert sie zum Islam. Im Syrisch-Ira­ki­schen Raum ver­folgt der Stein­zei­t­is­la­mis­mus des IS, der in sei­ner Radi­ka­li­tät nur mit Pol Pot ver­gli­chen wer­den kann, die Errich­tung eines isla­mi­schen Got­tes­staa­tes. Isla­mis­ten bedro­hen in Her­ford Jesi­den. Ebo­la tobt. Mil­lio­nen Men­schen, vor­wie­gend aus Afri­ka, flie­hen vor Bür­ger­krieg und vor allem vor Armut. Die Finanz­kri­se bedroht Exis­ten­zen und Lebens­pla­nung. Das Frei­han­dels­ab­kom­men TTIP wird hin­ter ver­schlos­se­nen Türen ver­han­delt und Chlor­hühn­chen sind da nur die Spit­ze des Eis­bergs. Gewalt­tä­ti­ge Jugend­li­che prü­geln Men­schen ins Koma oder gleich zu Tode und die Auf­klä­rungs­quo­te bei Woh­nungs­ein­brü­chen ist, bei immer mehr Ein­brü­chen, seit Jah­ren im Sink­flug. Die Zusam­men­hän­ge kom­plex zu nen­nen wäre ein Euphe­mis­mus ers­ten Gra­des. Und jetzt kom­men Leu­te, grei­fen die The­men auf, die vie­le bewe­gen und bie­ten ein­fa­che Ant­wor­ten auf kom­ple­xe Fra­gen. Hey, geil, die wähl ich! Nein. Ist nicht so ein­fach. Tun bei uns kei­ne zehn Pro­zent. Die ande­ren quä­len sich mit dem Rin­gen um Ant­wor­ten. Und brau­chen kei­ne Kack­schei­ße.

Es ist so gut drei Jahr­zehn­te her, da kämpf­ten die Grü­nen um ihren Platz im demo­kra­ti­schen Sys­tem unse­rer Repu­blik. Als »Anti-Par­tei­en-Par­tei« (sie­he auch Ruth A. Bevan: Petra Kel­ly: Die ande­re Grü­ne. In: Grü­nes Gedächt­nis 2008. her­aus­ge­ge­ben von der Hein­rich-Böll-Stif­tung, Ber­lin 2007, S. 20 u.ö.), und somit in einer klas­sisch popu­lis­ti­schen Aus­rich­tung, zumin­dest bezo­gen auf die eige­ne Kli­en­tel. Die Geg­ner waren zahl­reich, unter Ande­rem auch Hol­ger »Dach­lat­ten« Bör­ner („Ich bedaue­re, dass es mir mein hohes Staats­amt ver­bie­tet, den Ker­len selbst eins auf die Fres­se zu hau­en. Frü­her auf dem Bau hat man sol­che Din­ge mit der Dach­lat­te erle­digt.“) Damit hat­te er zwar die Start­bahn-West-Geg­ner gemeint, aber die Anti-Start­bahn-Bewe­gung war der Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkt der deut­schen Umwelt­be­we­gung. Grü­ne durf­ten sich da gern mit gemeint füh­len. Heu­te ist man selbst Teil des Esta­blish­ments und ver­tei­digt sei­nen Platz (Im Hes­sen Hol­ger Bör­ners!) Seit an Seit mit der Uni­on! an den Fut­ter­trö­gen des Sys­tems mit Zäh­nen und Klau­en gegen nach­rü­cken­de »Anti-Parteien«-Parteien (die sich dann im Lau­fe der Zeit selbst im Esta­blish­ment eta­blie­ren und die Nach­fol­ger bekämp­fen, wg. Platz an den Fut­ter­trö­gen …). Der bes­te Weg, Rechts­po­pu­lis­ten und Nazis aus­zu­brem­sen, scheint übri­gens, die­se Leu­te in die Par­la­men­te zu wäh­len. Die NPD bla­miert sich dann regel­mä­ßig selbst und die Demo­kra­ten fin­den Mit­tel und Wege, mit popu­lis­ti­schen Vor­stö­ßen wie Zwangs­kas­tra­ti­on für Sexu­al­straf­tä­ter umzu­ge­hen. Die Wei­ma­rer Ver­hält­nis­se sind, nicht zuletzt dank der 5%-Hürde, erfreu­lich weit weg.

Nicht, dass die so genann­ten »Volks­par­tei­en« bes­ser wären. Spa­cki­ge Gesich­ter mit Namen und Par­tei­zu­ge­hö­rig­keit auf unge­zähl­ten Pla­ka­ten erset­zen poli­ti­sche Inhal­te. Par­tei­ta­ge ver­kom­men zu durch­cho­reo­gra­phier­ten Jubel­ver­an­stal­tun­gen nach US-Ame­ri­ka­ni­schem Vor­bild, inner­par­tei­li­che Wah­len enden mit Volks­kam­mer­er­geb­nis­sen und statt leben­di­ger Dis­kus­sio­nen erle­ben wir fest geschlos­se­ne Rei­hen und Frak­ti­ons­dis­zi­plin. Poli­tik fin­det mehr und mehr außer­halb der bür­ger­li­chen Erfah­rungs­welt statt. Wie Wal­ter Scheel schon sag­te: »Wirk­lich wich­ti­ge Ent­schei­dun­gen wer­den aus­nahms­los in Gre­mi­en getrof­fen, die es nicht gibt.«

tl;dr: Die Fäka­li­sie­rung geg­ne­ri­scher Posi­tio­nen ver­mei­det inhalt­li­che Aus­ein­an­der­set­zung, lässt die Bür­ge­rIn­nen mit ihren Anlie­gen allein, taugt man­gels Inhalt nicht zur nach­hal­ti­gen Bin­dung des eige­nen Wäh­ler­stamms und soll­te des­halb als Kack­schei­ße ins Klo gespült wer­den.

Ver­dammt, immer die­se Poli­tik. Der Arti­kel ist jetzt schon dop­pelt so lang gewor­den, wie geplant, und es sind noch etli­che Fund­stü­cke unkom­men­tiert. Ent­spannt euch jetzt wie­der, lest die übri­gen Bei­trä­ge zu den Urba­nen Bot­schaf­ten und erfreut euch an den Bil­dern. Kom­men­ta­re seh ich übri­gens gern 🙂

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