Alltagsbeobachtungen: Handymania im Fitnessstudio

Neu­lich im Fit­ness­stu­dio, genau­er, heu­te. Im Bie­le­fel­der FitX. Eine jun­ge Frau neben mir auf dem Cross­trai­ner. Ihr Tele­fon klin­gelt. Laut, was stört. Immer­hin, sie nimmt das Gespräch sehr schnell an, kein zwei­tes Klin­geln. Die Stö­rung war ja nur kurz, den­ke ich hoff­nungs­voll, jetzt wird sie bestimmt sagen, sie kann gera­de nicht spre­chen und wie­der auf­le­gen. Denks­te, zu früh gehofft. Sie beginnt zu reden. Und zu reden. Immer mehr Bruch­stü­cke ihrer Exis­tenz drin­gen unge­wollt an mein Ohr. Wür­de ich es wol­len, könn­te ich sie zusam­men­set­zen, Lücken mit begrün­de­ten Ver­mu­tun­gen oder (schmut­zi­gen) Fan­ta­si­en fül­len. Ich füh­le mich als unein­ge­la­de­ner Gast in ihrem Leben, emp­fin­de so etwas wie Scham.

Sie hin­ge­gen fühlt sich wie zu Hau­se. Unbe­drängt von stö­ren­dem Scham­ge­fühl oder Rück­sicht­nah­me auf die Mit­men­schen oder gar den alber­nen Regeln des Stu­di­os, die das Tele­fo­nie­ren im Trai­nings­be­reich genau­so strikt unter­sa­gen wie den Tabak­ge­nuss, ver­plau­dert sie Minu­te um Minu­te fröh­lich und unbe­küm­mert, nur um von Zeit zu Zeit dem ande­ren Ende der vir­tu­el­len Lei­tung mit­zu­tei­len, dass die­ses schlecht zu ver­ste­hen sei. Da stört wohl die all­ge­gen­wär­ti­ge Musik.

Sel­ber zu höf­lich, um ihr Gespräch zu unter­bin­den, bin ich ver­sucht, die Wäch­te­rin des Kör­per­tem­pels her­bei­zu­ru­fen und sie zu bit­ten, die Musik lei­ser zu stel­len, auf dass mei­ne Nach­ba­rin ihr Gespräch unge­stört been­den kann. Bei dem Gedan­ken lei­tet mich der Eigen­nutz. Ich bekä­me dann näm­lich mehr mit. Doch es gelingt nicht, die Tem­pel­wäch­te­rin hat Ande­res im Sinn, als mei­nem Win­ken Fol­ge zu leis­ten.

Was ist mir wich­ti­ger, mein Fit­ness­pro­gramm, oder ein Ende der uner­wünsch­ten fern­münd­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on? Ich ent­schei­de mich nach kur­zer Abwä­gung für Ers­te­res, been­de mei­ne Übung und rei­ni­ge vor­schrifts­mä­ßig das Gerät. Dann, als mein Puls zurück im zwei­stel­li­gen Bereich ist und ich mich wie­der ohne Schnapp­at­mung zu arti­ku­lie­ren ver­mag, spre­che ich mei­ne Nach­ba­rin an. Gut 15 Minu­ten hat sie gequatscht und gequatscht, eine Hand am Tele­fon, die ande­re am Cross­trai­ner, was wirk­lich sel­ten albern aus­sieht. Es ent­spinnt sich fol­gen­der Dia­log:

»Guten Mor­gen«

»???« (gro­ße, erstaunt auf­ge­ris­se­ne Augen)

»Sie haben mich jetzt eine geschla­ge­ne Vier­tel­stun­de mit Belang­lo­sig­kei­ten aus Ihrem Leben unter­hal­ten. Ich wäre Ihnen sehr ver­bun­den, wenn Sie zukünf­tig Ihre Tele­fon­ge­sprä­che in einem sozi­al­ver­träg­li­chen Rah­men außer­halb der Trai­nings­flä­che füh­ren woll­ten«

»???« (noch etwas grö­ße­re, erstaunt auf­ge­ris­se­ne Augen)

»Weil, wenn ich inti­me Details aus der Exis­tenz wild­frem­der Men­schen zu erfah­ren wün­sche, schal­te ich ›Big Bro­ther‹ ein, oder das ›Dschun­gel­camp‹«

»???« (Erstaun­lich, wie groß die­se Augen wer­den kön­nen)

Die Augen eines Nage­tiers beim Blick auf den Satz des Pytha­go­ras könn­ten kaum weni­ger Ver­ständ­nis für mei­ne Wor­te aus­drü­cken. Ich wen­de mich ab, mit Grau­sen. Bei der Ver­tei­lung der Sozi­al­kom­pe­tenz und des Restsch­am­ge­fühls ist es augen­schein­lich zu grö­ße­ren Unge­rech­tig­kei­ten gekom­men.

Auf dem Weg zur Umklei­de pas­sie­re ich 3 Hin­weis­schil­der: »Dan­ke, dass Du auf der Trai­nings­flä­che nicht tele­fo­nierst!«

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