Bin ich Charlie?

Das Ent­set­zen über den Anschlag von Paris ver­bie­tet mir eine spon­ta­ne Reak­ti­on, die Trau­er ist still. Jetzt, Tage danach, dre­hen immer noch Gedan­ken Krei­se in mei­nem Kopf, bin ich immer noch fas­sungs­los über die unge­heu­re Bru­ta­li­tät, mit der die Täter sieb­zehn Men­schen im Namen des Pro­phe­ten kalt­blü­tig hin­ge­rich­tet haben. Lan­ge habe ich mit mir gerun­gen, sie mit der Öffent­lich­keit zu tei­len. Schwei­gen jedoch, das wird mir immer kla­rer, ist die fal­sche Reaktion.
Graff à la mémoire de Charlie Hebdo
»Je suis Char­lie« ist die Losung die­ser Tage, und ich fra­ge mich, bin ich das auch. Bin ich Char­lie, kann ich Char­lie sein, darf ich über­haupt Char­lie sein? Je län­ger ich dar­über grü­be­le, umso unsi­che­rer wer­de ich. Wie weit kann die Iden­ti­fi­ka­ti­on gehen, und vor allem, wird sie den Opfern gerecht? Eine all­ge­mein­gül­ti­ge Ant­wort ver­bie­tet sich. Spre­chen kann ich nur für mich. Ich lade Sie ein, mir ein Stück auf dem Weg zu folgen.

Zunächst ein­mal soll­te ich hier geste­hen, dass ich Char­lie Heb­do nicht gekannt habe. Nein, wirk­lich nicht. Bis zu den ers­ten Mel­dun­gen des Ter­ror­an­schlags vom 7. Janu­ar 2015 war mir die Exis­tenz die­ses Blat­tes nicht bewusst. Es gab kei­ne deutsch­spra­chi­ge Aus­ga­be, ich bin des Fran­zö­si­schen nicht mäch­tig, und ich gehö­re nicht zur Zielgruppe.

Ich bin anders. Ich gehö­re der Gemein­schaft der römisch-katho­li­schen Kir­che an. Als Alter Herr einer katho­li­schen Stu­den­ten­ver­bin­dung lege ich auch durch das Tra­gen mei­ner Far­ben Zeug­nis von mei­nem Glau­ben, von mei­ner Zuge­hö­rig­keit zur Kir­che ab. Der Glau­be, die Kir­che ist, so habe ich erfah­ren, oft genug Ziel­schei­be von Char­lies bei­ßen­dem Spott gewesen.

Spott über die Kir­che, ihre Leh­ren, ihre Ver­tre­ter, unse­ren Glau­ben, ist mir ver­traut. 1982 schafft mei­ne Ver­bin­dung einen Video­re­kor­der an. Zu den meist­ge­se­hen Fil­men mei­ner Stu­den­ten­zeit im Krei­se der Bun­des­brü­der zählt das »Leben des Bri­an«. Eini­ge pro­tes­tie­ren, kön­nen die mil­de Blas­phe­mie schwer bis gar nicht ertra­gen. Die Lösung ist ein­fach. Sie schau­en den Film nicht an. Wir Übri­gen hin­ge­gen umso öfter, bis die Kas­set­te ihren Geist auf­gibt. Der Humor ist überwältigend.

Kurz dar­auf kommt Mon­thy Pythons »Sinn des Lebens« in die Kinos und der Kin­der­chor singt »Every sperm is sac­red«. Mir bleibt für einen Moment das Lachen im Hals ste­cken. Die­ser Tobak ist schon här­ter. Doch ich blei­be dabei, und kom­me ins Grü­beln. Wie weit hat sich mei­ne Kir­che schon von der Lebens­wirk­lich­keit ihrer Mit­glie­der entfernt?

Als die Tita­nic in Anspie­lung auf die »Vati­leaks«-Affä­re »Hal­le­lu­ja im Vati­kan – Die undich­te Stel­le ist gefun­den!« titelt und Papst Bene­dikt XVI. mit einem gel­ben Fleck vorn auf der Sou­ta­ne zeigt, sehe auch ich die Gren­zen des Zumut­ba­ren erreicht. Darf Sati­re wirk­lich alles? Hier wird die Wür­de eines alten Man­nes mit Füßen getre­ten. Der Vati­kan sieht das genau­so und erwirkt eine einst­wei­li­ge Ver­fü­gung. Doch der Geist ist aus der Fla­sche, die bereits im Han­del befind­li­chen Hef­te kom­men in den Ver­kauf. Über das Wel­ten­netz und die Medi­en ver­brei­tet sich das Bild unauf­halt­sam. Die Tita­nic erhält unge­wohn­te Auf­merk­sam­keit. Die noch lan­ge nicht auf­ge­klär­ten Miss­brauchs­fäl­le in der Kir­che tra­gen (mit eini­gem Recht!) zur auf­ge­heiz­ten anti­kle­ri­ka­len Stim­mung bei. Viel­leicht, so begin­ne ich ein­zu­se­hen, hät­te der Hei­li­ge Stuhl bes­ser vor der eige­nen Haus­tür gekehrt, die Kari­ka­tur in Demut ertra­gen und für die Redak­ti­on der Tita­nic gebetet.

Im Spie­gel-Online vom 9. Janu­ar erhebt sich ein wie ent­fes­selt auf­schrei­ben­der Georg Diez zu einer wüten­den Tira­de gegen Religionen:

»Reli­gio­nen sind gefähr­lich. Sie för­dern die Ver­blen­dung. Sie för­dern den Fana­tis­mus. Sie haben einen Hang zur Über­erfül­lung, das ist ihr Wesen.

»Reli­gio­nen spal­ten. Sie set­zen sich selbst ins Recht und über ande­re. Sie tei­len die Welt, davon erzählt die Bibel im Alten Tes­ta­ment sehr aus­führ­lich, in die, die herr­schen, und die, die beherrscht wer­den. Der Gott der drei Buch­re­li­gio­nen Juden­tum, Chris­ten­tum, Islam, ist des­halb in vie­lem auch ein grau­sa­mer, ein zyni­scher, ein lau­ni­scher, ein men­schen­ver­ach­ten­der Gott, ein Gott der Angst und der Rache.«

»Reli­gio­nen muss man des­halb immer bekämp­fen, das war die Über­zeu­gung von Cabu, von Wolin­ski, von Charb und all den ande­ren Zeich­nern von »Char­lie Heb­do«, man muss sie zei­gen als das, was sie sind: lächerlich.«

Wer jetzt stolz Char­lie Heb­dos Fah­ne vor sich her­trägt, mag sich selbst ein­mal auf den Prüf­stand stel­len, sich fra­gen, ob Reli­gio­nen immer bekämpft wer­den müs­sen, also auch die eige­ne, sich fra­gen, wie weit die Frei­heit des Den­kens ande­rer erträg­lich ist, wenn sie sich gegen einen selbst rich­tet. Wer­fen wir noch einen Blick in die Kolum­ne von Georg Diez:

»Es ist eine unge­heu­re Frei­heit des Den­kens, die aus die­sen Bil­dern spricht, eine Lust dar­an, sich nichts vor­schrei­ben zu las­sen, sich nichts und nie­man­dem zu unter­wer­fen – weil das gera­de das Wesen des Men­schen ist, sei­ne Bestim­mung, für man­che ein Fluch: frei zu sein.

Nicht alle hal­ten das aus.

Aber Reli­gi­on, die­se »mit­tel­al­ter­li­che Form der Unver­nunft«, wie es Sal­man Rush­die nach dem Anschlag for­mu­lier­te, muss mit »Kri­tik, Sati­re und, ja, muti­ger Respekt­lo­sig­keit« kon­fron­tiert werden.«

Sei­en Sie ehr­lich mit sich selbst. Erset­zen Sie den Isla­mis­ten, den Pro­phe­ten, den katho­li­schen Geist­li­chen, den christ­lich-fun­da­men­ta­len Pre­di­ger der Kari­ka­tu­ren, erset­zen Sie die­se Ziel­schei­ben ätzen­den Spot­tes durch Ihr eige­nes Ant­litz. Ertra­gen Sie den Spott? Ertra­gen Sie sich selbst? Dann, viel­leicht, sind Sie Char­lie. Ein biss­chen, zumindest.

Wenn Spieß­bür­ger und Poli­ti­ker – aus unter­schied­li­chen Moti­ven – schein­hei­lig ein medi­en­wirk­sa­mes Sym­bol ver­ein­nah­men und mit­lau­fen in der Mas­se, die so öffent­lich Soli­da­ri­tät bekun­det, ver­bleibt ein scha­les Gefühl. Wenn die selbst­er­nann­ten Char­lies der CSU nach ihrem Bekennt­nis zur Pres­se­frei­heit unge­niert und gewohnt pol­ternd die For­de­rung nach einer Ver­schär­fung des Blas­phe­mie Para­gra­phen in die auf­ge­heiz­te Debat­te wer­fen, ent­steht Beklem­mung. Wenn heu­te Mil­lio­nen in selbst­ge­rech­ter Empö­rung ein Sati­reblatt kau­fen, das sie eine Woche zuvor noch nicht ein­mal als Toi­let­ten­pa­pier benutzt hät­ten, mag ich mich nicht mit ihnen gemein machen.

Jetzt habe ich die Ant­wort auf mei­ne Fra­ge. Nein. Ich bin nicht Char­lie. Ich kann nicht Char­lie sein. Ich stel­le mich gegen zu vie­le von Char­lies Ansich­ten. Zu sagen, ich bin Char­lie, wäre Heu­che­lei. Im Übri­gen stel­le ich mich auch gegen vie­le Mei­nun­gen von Mon­thy Python, der Tita­nic, von Georg Diez. Und noch so manch ande­rer muss ohne mei­nen begeis­ter­ten Applaus auskommen.

Ich bin auch nicht Ahmed Mera­bet. Ich hät­te nie den Mut gehabt, mich den Mör­dern in den Weg zu stel­len. »Je suis Ahmed« steht mir nicht zu. Aus dem­sel­ben Grund, aus dem mir »Je suis Char­lie« nicht zusteht. Für mei­ne Über­zeu­gun­gen den Tod in Kauf zu neh­men, lie­ber auf­recht ster­ben als auf den Kni­en leben wol­len, da ist mein Über­le­bens­in­stinkt vor.

Wie kön­nen wir ein glaub­wür­di­ge­res Zei­chen der Soli­da­ri­tät set­zen? Ich weiß es nicht. Wir soll­ten Ruhe ein­keh­ren las­sen, genug Ruhe, dass wir wie­der begin­nen, unse­re Gedan­ken zu hören. Soll­ten unse­re eige­ne Rat­lo­sig­keit zum Aus­gangs­punkt für die Über­le­gun­gen zu den Kon­se­quen­zen des Anschlags machen, wie Sascha Lobo in sei­nem bemer­kens­wer­ten Kolum­nen­bei­trag im Spie­gel-Online vom 14. Janu­ar. Wir soll­ten die Opfer des welt­wei­ten Ter­rors in unse­re Auf­merk­sam­keit zurück­ho­len und unse­re euro­zen­tri­sche Blick­wei­se zu einer ganz­heit­li­chen Welt­sicht auf­wer­ten. Das ist eine Auf­ga­be der Gemeinschaft.

Eine ande­re Auf­ga­be geht jeden Ein­zel­nen an. Ertra­gen wir uns. Zur Not zäh­ne­knir­schend, aber immer ohne Ver­bo­te, Hass­re­den, Fäus­te, Mes­ser, Pis­to­len, Sturm­ge­schüt­ze, Spreng­stoff­gür­tel, Gra­na­ten. Ertra­gen wir die Moschee im Vier­tel, den Gebets­ruf des Muez­zins, das Leu­ten der Glo­cken, die Fron­leich­nams­pro­zes­si­on, den dun­kel­häu­ti­gen Asyl­be­wer­ber, die ver­schlei­er­te Mus­li­ma. Hal­ten wir uns aus, uns und unse­re Mei­nun­gen. Den­ken wir dar­an, dass Gott und sei­ne Pro­phe­ten viel zu groß sind, als dass wir Sterb­li­chen sie belei­di­gen könn­ten. Das wäre ein Anfang. Mutua­ler Respekt wäre ein Fortschritt.

Die Bestim­mung des Men­schen, schreibt Diez, ist es, frei zu sein. Man­che wäh­len aus der Frei­heit her­aus den Glau­ben. Wie alle ande­ren ver­die­nen sie es, ertra­gen, oder bes­ser noch, respek­tiert zu wer­den. Auch von den Kämp­fern gegen die Reli­gio­nen, die im Glau­ben die Quel­le allen Unheils sehen. Tole­ranz mag das unbe­hag­li­che Gefühl sein, der ande­re kön­ne auch recht haben.

Mein beschei­de­ner Bei­trag besteht dar­in, euch alle aus­zu­hal­ten und manch­mal sogar zu respek­tie­ren: die häu­fig ach so prä­pu­ber­tär-infan­ti­le Tita­nic. Die Sati­re­par­tei CSU, deren bevor­zug­tes und allei­ni­ges Ziel sie sel­ber ist. Die wüten­den Reli­gi­ons­ver­äch­ter. Den muti­gen, gal­lig-gars­ti­gen Char­lie Heb­do. Das gan­ze Spek­trum der Lebens­ent­wür­fe, Ansich­ten, Reli­gio­nen, Über­zeu­gun­gen halt. Auch, wenn es schwer­fällt. Ob ich wirk­lich mein Leben geben wür­de, damit ihr das blei­ben könnt, was ihr sein wollt? Fragt mich, wenn es so weit ist.

Für euch: Phi­lip Bra­ham, Franck Brinso­laro, Frédé­ric Bois­seau, Jean Cabut, Elsa Cayat, Ste­pha­ne Char­bon­nier, Yohan Cohen, Yoav Hattab, Phil­ip­pe Hono­ré, Cla­ris­sa Jean-Phil­ip­pe, Ber­nard Maris, Ahmed Mera­bet, Mus­ta­pha Our­rad, Michel Ren­aud, François-Michel Saa­da, Ber­nard Verl­hac, Geor­ges Wolinski.

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