Liebe Lokführer, liebe Bahn … #bahnstreik

Als Wert­kon­ser­va­ti­ver habe ich einen hohen Respekt vor unse­ren grund­ge­setz­lich garan­tier­ten Frei­hei­ten und Rech­ten. Ganz selbst­ver­ständ­lich zäh­le ich die Koali­ti­ons­frei­heit dazu – die Frei­heit von Arbeit­neh­mern und Arbeit­ge­bern, sich zur Wah­rung und För­de­rung der Arbeits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen zusam­men­zu­schlie­ßen, das Koali­ti­ons­recht - das Recht, Gewerk­schaf­ten und Arbeit­ge­ber­ver­bän­de zu grün­den und sich die­sen anzu­schlie­ßen – und das Streik­recht - das Recht zur kol­lek­ti­ven Arbeits­nie­der­le­gung zur Errei­chung tarif­po­li­ti­scher Zie­le – abge­lei­tet aus der Koali­ti­ons- und Ver­ei­ni­gungs­frei­heit laut Grund­ge­setz Art. 9 Abs. 3.

Solan­ge das berech­tig­te Inter­es­se der Beschäf­tig­ten im Mit­tel­punkt der Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Arbeit­neh­mern und Arbeit­ge­bern steht, ist der Streik als Ulti­ma Ratio eines Arbeits­kamp­fes schlicht­weg hin­zu­neh­men, mit allen Unan­nehm­lich­kei­ten und Erschwer­nis­sen, die auch Unbe­tei­lig­te Drit­te erlei­den müs­sen. Bis auf unver­bes­ser­li­che Neo­li­be­ra­le und Tea-Par­ty-Enthu­si­as­ten wird kein zum selbst­stän­di­gen Den­ken fähi­ger Mensch allen Erns­tes die sozia­len Errun­gen­schaf­ten bestrei­ten, die die Gewerk­schaf­ten im Lau­fe von Jahr­zehn­ten den Arbeit­ge­bern und der Gesell­schaft abge­trotzt haben. Belohnt wor­den sind wir – auch Dank letzt­lich ein­sich­ti­ger Arbeit­ge­ber und einer auf Aus­gleich bedach­ten Nach­kriegs­po­li­tik – mit einem nach­hal­ti­gen sozia­len Frie­den und der völ­li­gen Abwe­sen­heit von poli­ti­schen Arbeits­nie­der­le­gun­gen, wor­um uns vie­le unse­rer Nach­barn in Euro­pa klamm­heim­lich beneiden.

Jetzt aller­dings müs­sen wir mit Schre­cken mit­er­le­ben, wie eine klei­ne Spar­ten­ge­werk­schaft in wahn­haf­ter Über­schät­zung der eige­nen Bedeu­tung (oder ist das nur ein spe­zi­fi­sches Wesens­merk­mal ihres Vor­sit­zen­den?) die gesell­schaft­lich tief ver­an­ker­te Akzep­tanz der gesam­ten deut­schen Gewerk­schafts­be­we­gung in gröbs­ter Fahr­läs­sig­keit aufs Spiel setzt. Nie­man­dem außer­halb der GDL kann auch nur ansatz­wei­se ver­mit­telt wer­den, wel­che Zie­le für die Bahn­be­schäf­tig­ten mit den völ­lig sinn­be­frei­ten Lok­füh­rer­streiks vom Okto­ber und Novem­ber 2014, den Warn­streiks im März, den bis­her längs­ten Streiks im April und den jetzt ange­kün­dig­ten 100stündigen Streiks ab dem 5. Mai über­haupt erreicht wer­den sol­len. Wenn wenigs­tens – wie im Ärz­te­streik 2006 – Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen einer Berufs­grup­pe auf Kos­ten aller Ande­ren durch­ge­setzt wer­den soll­ten, wäre das zwar mora­lisch bedenk­lich, doch gäbe es letzt­end­lich wenigs­tens eine klei­ne Cli­que lachen­der Gewin­ner. Doch nicht ein­mal die­ser ver­werf­li­che, wenn­gleich ver­ständ­li­che Ego­is­mus, den aus­zu­le­ben die eige­ne Wir­kungs­macht gestat­tet, ist ansatz­wei­se zu erken­nen. Nein, es geht um viel weniger.

Für mich als bis­lang Unbe­tei­lig­ten kris­tal­li­siert sich ein ein­zi­ges Ziel her­aus: die eige­ne Macht­ba­sis durch Aus­wei­tung der Ver­tre­tungs­be­fug­nis auch auf bis­lang von der Kon­kur­renz­or­ga­ni­sa­ti­on Eisen­bahn- und Ver­kehrs­ge­werk­schaft (EVG) ver­tre­te­ne Mit­ar­bei­ten­de zu ver­grö­ßern. In die­sem inner­ge­werk­schaft­li­chen Hah­nen­kampf wird es aus­schließ­lich Ver­lie­rer geben. Nicht ein­mal die Bahn als Arbeit­ge­ber kann Gewinn dar­aus zie­hen, wenn sich die Gewerk­schaf­ten gegen­sei­tig kan­ni­ba­li­sie­ren. Ich wage ein­mal eini­ge Vorhersagen:

Als Ers­tes wird die Soli­da­ri­tät der Arbeit­neh­mer auf der Stre­cke blei­ben. Der Mar­bur­ger Bund hat es 2006 vor­ge­macht: Wozu sich mit Kran­ken­pfle­gen­den, MTA’s, RTA’s, Medi­zin­tech­ni­kern, Emp­fangs­kräf­ten, Ver­wal­tungs­mit­ar­bei­ten­den und Raum­pfle­gen­den soli­da­ri­sie­ren, wenn man inner­halb der Orga­ni­sa­ti­on Kran­ken­haus für die eige­ne Kli­en­tel ein Mehr­fa­ches an Ein­kom­mens- und Arbeits­ver­bes­se­run­gen her­aus­schla­gen kann? Der Damm ist gebro­chen, die Tarif­ein­heit zur Rand­no­tiz der Arbeits­welt­ge­schich­te degra­diert. Jeder nimmt sich vom Kuchen, was er bekom­men kann. Bloß, der Kuchen wird nicht grö­ßer, nur die ver­blei­ben­den Stü­cke klei­ner. Auf der Stre­cke blei­ben die, deren Streik nie­man­den inter­es­siert. Küchen­hil­fen, abge­scho­ben in bil­li­ge DEHO­GA-Ver­trä­ge, out­ge­sourc­te Ste­ri­li­sa­ti­ons­ab­tei­lun­gen, Rei­ni­gung und Des­in­fek­ti­on als Domä­ne akkord­leis­ten­der Leih­kräf­te. Das Bei­spiel macht Schule.

Als Zwei­tes wird die Soli­da­ri­tät der Arbeit­neh­me­rin­nen und Arbeit­neh­mer auf der Stre­cke blei­ben. Wie, das hat­ten wir schon? Nein, denn als neu­es, ent­so­li­da­ri­sie­ren­des Moment wird das Gewerk­schaft­shop­ping hin­zu­kom­men. So, wie man heu­te zu der Kran­ken­kas­se wech­selt, die mar­gi­na­le Rand­leis­tun­gen wie wir­kungs­lo­se Homöo­pa­thie oder uner­heb­li­che Rück­zah­lun­gen ver­spricht, wer­den die Arbeit­neh­men­den zu der Gewerk­schaft wech­seln, die kurz­fris­tig die lukra­ti­ve­ren Tarif­ab­schlüs­se in Aus­sicht stellt. Egal, um wel­chen Preis.

Habe ich schon erwähnt, dass als Drit­tes die Soli­da­ri­tät auf der Ste­cke blei­ben wird? Wie soll­te es ande­res sein, wenn der laten­te indi­vi­du­el­le Ego­is­mus insti­tu­tio­na­li­siert wird? Wozu sich für die Belan­ge der Kol­le­gin ein­set­zen? Die hat doch ihre eige­ne Gewerk­schaft. Wie, die wol­len nicht strei­ken, plä­die­ren für Kon­sens? So ein Blöd­sinn, soll sie doch wech­seln. Sel­ber schuld, wer nicht nimmt, was er bekom­men kann.

Letzt­lich ist durch den drei­fa­chen Ver­lust der Soli­da­ri­tät auch erklärt, war­um die Bahn nicht als lachen­der Drit­ter aus dem gewerk­schafts­in­ter­nen Wett­streit her­vor­geht: bleibt doch der mög­lichst fol­gen­rei­che Streik mit maxi­ma­len, nicht erfüll­ba­ren For­de­run­gen das ein­zi­ge Dis­tink­ti­ons­merk­mal der ansons­ten unun­ter­scheid­ba­ren (ehe­ma­li­gen) Spar­ten­ge­werk­schaf­ten. Ehe­ma­lig? Klar doch, eine Lok­füh­rer­ge­werk­schaft, die das Recht bean­sprucht, auch Lok­ran­gier­füh­rer, Spei­se­wa­gen­mit­ar­bei­ten­de und Zug­be­glei­ten­de zu ver­tre­ten, ist kei­ne Spar­ten­ge­werk­schaft mehr. Vom Wahn­sinn, dass für Mit­ar­bei­ten­de mit exakt iden­ti­schen Tätig­kei­ten unter­schied­li­che Tarif­ver­trä­ge mit unter­schied­li­chen Bezah­lun­gen gel­ten wer­den, aus­ge­han­delt von unter­schied­li­chen Gewerk­schaf­ten, ganz zu schweigen.

Auch die Mit­ar­bei­ten­den wer­den ver­lie­ren: immer und immer wie­der dann, wenn ihre Ver­tre­tung im Wett­streit von For­de­run­gen und Streiks den Kür­ze­ren zieht. Denn, der Ärz­te­streik hat es allen übri­gen Mit­ar­bei­ten­den in Kran­ken­häu­sern und Uni­kli­ni­ken gezeigt: der Kuchen wird nicht grö­ßer. Für die Ver­lie­rer blei­ben halt nur die Krümel.

Wir Bahn­kun­den, pri­va­te und geschäft­li­che, Per­so­nen und Fir­men, wer­den zu Dau­er­ver­lie­ren. Die streik­be­ding­ten Zug­aus­fäl­le (zukünf­tig Nor­mal­fall, kei­nes­wegs Aus­nah­me!), die Lie­fe­run­gen, Ter­mi­ne, Geschäfts, Urlaubs- und Pri­vat­rei­sen ver­zö­gern oder ganz unmög­lich machen, wer­den Preis­er­hö­hun­gen in immer kür­ze­ren Zyklen bedin­gen, um den Wahn­sinn für die Bahn über­haupt finan­zier­bar machen. Vom gesamt­wirt­schaft­li­chen Scha­den in hun­dert­fa­cher Mil­lio­nen­hö­he ganz zu schweigen.

Ver­glei­che mit der Geschich­te der bri­ti­schen Gewerk­schafts­be­we­gung drän­gen sich auf. Der »Win­ter of Dis­con­tent«, des­sen mona­te­lan­ge Streiks die Geduld des Vol­kes und der Regie­ren­den erschöpf­te, die dar­aus fol­gen­de Wahl der »Eiser­nen Lady« Mar­gret That­cher, die Zer­schla­gung der Gewerk­schaf­ten, deren Fol­gen bis heu­te die Gesell­schaft Groß­bri­tan­ni­ens prä­gen. Nur, wozu es im Win­ter 1978 – 79 der ver­sam­mel­ten Gewerk­schafts­macht des King­doms mit Mil­lio­nen Strei­ken­der bedurf­te und die Arbeits­nie­der­le­gun­gen selbst die Toten­grä­ber mit ein­be­zo­gen, so dass nicht ein­mal die Ver­stor­ben bestat­tet wer­den konn­ten, die­se völ­lig über­zo­ge­ne Inan­spruch­nah­me eines Grund­rechts, die die Bevöl­ke­rung auf Jahr­zehn­te von den Gewerk­schaf­ten ent­frem­de­te und den Schul­ter­schluss mit Labour Geschich­te wer­den ließ, die­se ver­häng­nis­vol­le Ent­wick­lung ver­ant­wor­tet im Deutsch­land des Jah­res 2015 ganz allei­ne eine klei­ne Spar­ten­ge­werk­schaft mit gera­de ein­mal 34.000 Mitgliedern.

Mein Fazit: ein Streit, der nur, und wirk­lich nur Ver­lie­rer pro­du­ziert, soll­te been­det wer­den Sofort. Ohne mit dem Fin­ger auf den jeweils Ande­ren zu zei­gen. Das gilt übri­gens auch für Herrn Weber (bekannt­lich Per­so­nal­vor­stand bei der Bahn), nicht nur für Herrn Weselsky. Schlich­tet. Been­det das Ritu­al, bevor die Schä­den irre­pe­ra­bel sind!

PS Ich bin für star­ke Gewerk­schaf­ten. Ich set­ze mich ein für Soli­da­ri­tät unter Arbeit­neh­me­rin­nen und Arbeit­neh­mern. Ich will nicht, dass wir eng­li­sche Ver­hält­nis­se bekom­men. Tarif­ein­heit ist toll 🙂

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