Oerlinghauser Waldweisheiten

Tief im Wal­de, so leh­ren uns die über­kom­me­nen Sagen, leben wei­se wur­zel­sam­meln­de Weib­lein, klu­ge kah­le Köh­ler, herrsch­süch­ti­ge häss­li­che Hexen und manisch met­zeln­de Mör­der ein­träch­tig neben tap­fe­ren tugend­haf­ten Tag­träu­mern, wahn­haft wüten­den Wil­de­rern und aller­lei ande­ren Anwoh­nern. Sie alle haben im Lau­fe ihrer teils gefähr­li­chen, teils beschau­li­chen, wenn nicht gar medi­ta­ti­ven Exis­tenz fern­ab mensch­li­cher Gesell­schaft, ihrer Nor­men und Beschrän­kun­gen, immenses Wis­sen, Erkennt­nis und Gelehrt­heit erwor­ben, die das Begriffs­ver­mö­gen gewöhn­li­cher Sterb­li­cher bei Wei­tem über­steigt. Dabei fris­ten sie ihr Dasein häu­fig unbe­merkt ganz in der Nähe mensch­li­cher Ansied­lun­gen. So auch in der beschau­li­chen Berg­stadt Oer­ling­hau­sen. Unbe­ein­druckt vom leb­haf­ten Flug­ver­kehr der rüh­ri­gen Avia­ti­ker des nahe­ge­le­ge­nen welt­be­kann­ten Luft­sport­zen­trums gehen sie ihren klan­des­ti­nen Beschäf­ti­gun­gen nach und mei­den den Kon­takt mit den nur weni­ge Meter ent­fernt woh­nen­den Men­schen. Manch­mal jedoch gelan­gen sie zu der­art fun­da­men­ta­len Ein­sich­ten, dass sie nicht umhin kön­nen, die­se mit uns, den ein­fa­chen Erdenkin­dern, zu teilen.

Bege­ben wir uns in besag­ter idyl­li­scher Berg­stadt, den Wan­der­zei­chen fol­gend, auf den Töns­ber­grund­weg, fin­den wir die Spu­ren ihres Wir­kens. Das fol­gen­de Bild illus­triert die Aus­schil­de­rung des Wanderpfades:

Wegweiser zum Tönsbergrundweg

Weg­wei­ser zum Tönsbergrundweg

Dem Pfei­le fol­gend sehen wir nach weni­gen hun­dert Metern – oder waren es Kilo­me­ter, die Erin­ne­rung ist trü­ge­risch! – rechts am Weges­rand die ers­te Erkennt­nis, von größ­ter Weis­heit zeu­gend und für die Ewig­keit in Bron­ze gegos­sen und mit Fel­sen vermählt:

Die letztgültige Definition der Gerechtigkeit

Der Gerech­te und die Gerechtigkeit

Wir lesen ergrif­fen (der bes­se­ren Les­bar­keit in Groß-Klein­schrei­bung mit Kom­ma­set­zung transkribiert):

Jus­ti­tia – Gerechtigkeit
Der Gerech­te ist dadurch gerecht, dass er den Ande­ren in sei­nem Anders­sein bestä­tigt und ihm zu dem ver­hilft, was ihm zusteht

Ja, da geht uns doch das Herz auf, gel­le? Wir stol­pern gleich über »Der Gerech­te« und »den Ande­ren«. »Die Gerech­te« und »Die Ande­re« wer­den nicht erwähnt. Alle Ande­ren auch nicht. Ein kla­rer Fall von hete­ro­nor­ma­tiv-sup­pres­si­ver Sprach­ge­walt und so ein kla­res NoGo. Und dann die unein­ge­schränk­te Aus­sa­ge, was bedeu­tet sie uns? Sol­len wir den Psy­cho­pa­then in sei­ner dis­so­zia­ti­ven oder anti­so­zia­len Per­sön­lich­keits­stö­rung bestä­ti­gen und ihm zukom­men las­sen, was ihm zusteht? Was wäre das denn bei einem funk­tio­na­len erfolg­rei­chen Psy­cho­pa­then, wie dem Vor­stand einer Groß­bank? Bestär­ken wir »ihn« – »sie« gibt es lei­der bis heu­te nicht in die­ser Posi­ti­on – in sei­nem Anders­sein und sor­gen für 25% Ren­di­te? Steht ihm das zu? Was steht einem zu? Steht einem Gläu­bi­ger die Rate zu oder dem Schuld­ner der Schul­den­schnitt? Steht einem Mör­der die Stra­fe zu oder die Chan­ce auf Reso­zia­li­sie­rung? Einem isla­mis­ti­schen Selbst­mord­at­ten­tä­ter das Para­dies oder das ewi­ge Höl­len­feu­er? Wen man auch fragt, Gläu­bi­ger oder Schuld­ner, Mör­der oder Ange­hö­ri­ge der Opfer, Psy­cho­path oder Gesell­schaft, die Ant­wor­ten wer­den wohl recht unter­schied­lich aus­fal­len. Und zwar in jedem Ein­zel­fall. Und so geste­he ich beschämt, dass ich in einem ers­ten Impuls gehofft hat­te, die Wei­sen des Wal­des hät­ten in einem Satz die Anlei­tung zu gerech­tem Han­deln for­mu­liert. Noch viel beschäm­ter geste­he ich, dass ich über die ent­täusch­te Hoff­nung selbst ent­täuscht war und bit­te­re Trä­nen wei­nen muss­te. Erst jetzt, beim Schrei­ben die­ser Zei­len, erken­ne ich, dass sie einen Scha­ber­nack mit uns trei­ben wol­len. Nur ver­mag ich nicht so recht dar­über zu lachen.

Noch ein wei­te­res Klein­od der Erkennt­nis durf­te ich bewun­dern, gleich dem Ers­ten in har­tes Metall getrie­ben und an den Fel­sen geschmie­det. Lest und staunet!

Von der Sünde der ungesunden Ernährung

Von der Sün­de der unge­sun­den Ernährung

Auch die­sen Text habe ich in bes­ser les­ba­re Groß-Klein­schrei­bung für Euch transkribiert:

Pru­den­tia Klugheit
Jeder der unge­sund lebt – also sün­digt – ist unklug

Hier stellt sich im Umkehr­schluss zunächst die Fra­ge, ob ein gesun­des Leben allein »Klug­heit« aus­macht. Es hat in der Ver­gan­gen­heit so man­che Men­schen gege­ben, deren Klug­heit nie­mand ernst­haft in Zwei­fel zie­hen konn­te. Heming­way könn­te man nen­nen, oder Har­ry Roh­wolt, gro­ße Trin­ker vor dem Herrn. Aber unklug? Die gera­de begon­ne­ne Lis­te lie­ße sich leicht fort­set­zen. Erspart mir die Mühe. Danke!

Dann soll­ten wir uns fra­gen, wer die Deu­tungs­ho­heit über »gesun­de Lebens­füh­rung« hat. Die Ernäh­rungs­wis­sen­schaf­ten, die bestän­dig als gesi­chert gel­ten­de Erkennt­nis­se revi­die­ren müs­sen? Die Pres­se, die in Fol­ge die­ser Revi­sio­nen gefühlt im Wochen­rhyth­mus eine neue Sau des ulti­ma­tiv gesun­den Lebens­stils durchs glo­ba­le Dorf treibt? Die Medi­zi­ner, die nach Nor­mal- und Ide­al­ge­wicht das Herr­schafts­in­stru­ment des BMI erfan­den, nur um jetzt klein­laut zurück­zu­ru­dern und den leicht »Über­ge­wich­ti­gen« eine län­ge­re Lebens­er­war­tung als den Hun­ger­ha­ken zu attes­tie­ren? Die Vege­ta­ri­er, die Vega­ner, die Fle­xi­ta­ri­er, die Orthor­ex­ia­ner, die Fru­ta­ri­er, die Paläo-Diät-Jün­ger, die Glu­ten­ver­wei­ge­rer, die Lac­to­se­frei­en? Sind 6.000 Schrit­te am Tag genug, oder müs­sen es 12.000 sein? Wer setzt die Regeln, wer über­wacht sie , wer sank­tio­niert bei Nicht­ein­hal­tung? Unge­sund leben ist Sün­de. Kei­ne Sün­de ohne Stra­fe, ohne täti­ge Reue, ohne Ver­ge­bung. Rund um das Gol­de­ne Kalb Gesund­heit ent­wi­ckelt sich gera­de eine Kir­che, die für die eta­blier­ten christ­li­chen Reli­gio­nen, die sich mehr und mehr mar­gi­na­li­sie­ren, als Ersatz ein­springt. Die­sem Tanz kann sich auf Dau­er kei­ner ent­zie­hen. An Stel­le der Tod­sün­den tre­ten jetzt Über­ge­wicht und Bewe­gungs­man­gel. Statt Höl­le und Fege­feu­er dro­hen die Indi­vi­dua­li­sie­rung von Gesund­heits­ri­si­ken und höhe­re Kran­ken­kas­sen­bei­trä­ge bei einem BMI über 25.

Laut WHO ist Gesund­heit ein Men­schen­recht und kei­ne indi­vi­du­el­le Men­schen­pflicht. Schon 1948 wur­de postuliert:

»Gesund­heit ist ein Zustand völ­li­gen psy­chi­schen, phy­si­schen und sozia­len Wohl­be­fin­dens und nicht nur das Frei­sein von Krank­heit und Gebre­chen. Sich des best­mög­li­chen Gesund­heits­zu­stan­des zu erfreu­en ist ein Grund­recht jedes Men­schen, ohne Unter­schied der Ras­se, der Reli­gi­on, der poli­ti­schen Über­zeu­gung, der wirt­schaft­li­chen oder sozia­len Stellung.«

Wir schlie­ßen mes­ser­scharf: Wer sich nicht im Zustand völ­li­gen psy­chi­schen, phy­si­schen und sozia­len Wohl­be­fin­dens befin­det, muss wohl unge­sund leben, ist ein daher ein Sün­der und somit unklug.

TL; DR: Die geis­ti­gen Gaben sind nicht gerecht ver­teilt, und nur sel­ten ist eine unge­sun­de Lebens­füh­rung schuld dar­an, dass die Welt über­wie­gend von Unklu­gen bevöl­kert wird. Eini­ge von die­sen hau­sen im Oer­ling­hau­ser Wald und häm­mern Sprü­che in Metall­plat­ten, die sie dann auf Stei­ne nageln.

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