Eine Zensur findet statt

Zur Fei­er des 50jährigen Bestehens des WDR-Fern­seh­pro­gramm hat der Sen­der die Bevöl­ke­rung in Deutsch­land mit einer bemer­kens­wer­ten Selbst­zen­sur­maß­nah­me reich beschenkt und damit die euphe­mis­tisch zur »Demo­kra­tie­ab­ga­be« hoch­sti­li­sier­te öffent­lich-recht­li­che Zwangs­rund­funk­ge­bühr ad absur­dum geführt. Was ist gesche­hen?

Frank Plasberg 2011-04-23

© Super­bass / CC-BY-SA-3.0 (via Wiki­me­dia Com­mons)

Am 23. März 2015 strahl­te die ARD den Bei­trag »Nie­der mit den Ampel­männ­chen – Deutsch­land im Gleich­heits­wahn« aus der Rei­he »Hart aber fair« aus. Die illus­tre Gäs­te­schar, bestehend aus der Schau­spie­le­rin Sophia Tho­m­al­la (seit Team Ame­ri­ca wis­sen wir, dass Schau­spie­ler zur Ret­tung der Welt beru­fen sind), Wolf­gang Kubicki, dem stell­ver­tre­ten­den Bun­des­vor­sit­zen­den der klei­ne Leu­te Par­tei (klein bezieht sich hier auf die Par­tei, die weni­gen Leu­te, die sie wäh­len, sind in der Regel eher irgend­wie etwas Beson­de­res) F.D.P., der stets #Auf­schrei-berei­ten Anne Wizo­rek, dem Dings, äh, dem (doch, es stand dabei, dem Grü­nen Bun­des­tags­frak­ti­onAnton Hof­rei­tervor­sit­zen­den) Anton Hof­rei­ter und der anti­fe­mi­nis­ti­schen Femi­nis­tin Bir­git Kel­le (das ist des­halb kein Wider­spruch, weil sie einen ande­ren Femi­nis­mus als den offi­zi­el­len gen­der­ge­main­stream­ten lebt), war schon von der Papier­form her für eine leb­haf­te Dis­kus­si­on abseits obso­le­ter Vor­stel­lun­gen wie Sach­lich­keit und Argu­men­ta­ti­on prä­de­sti­niert.

So kam es, wie es kom­men muss­te. Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­tin­nen und Frau­en­ver­bän­de gin­gen erst auf die Bar­ri­ka­den und dann an ihre Schreib­ti­sche, um den Sen­der mit Ein­ga­ben zu über­flu­ten. Auf­grund des mas­si­ven Drucks von geschätzt einem zehn­tel Pro­mil­le der deut­schen Bevöl­ke­rung, die alle­samt in keins­ter Wei­se demo­kra­tisch ermäch­tigt waren, den Wil­len des Vol­kes in poli­ti­sche Akti­on umzu­set­zen, nahm der WDR laut Pres­se­be­rich­ten (hier exem­pla­risch der des Deutsch­land­funks vom 22.8.2015) bereits am Diens­tag, 18.8.15, den Bei­trag aus der Media­thek.

Der Deut­sche Frau­en­rat beju­belt auf sei­ner (oder soll­te es doch bes­ser »ihrer«) Web­sei­te den Sieg über die Pres­se­frei­heit und die Frei­heit der Mei­nungs­äu­ße­rung:

Ohr­fei­ge für Plas­berg: Ampel­männ­chen muss in Gift­schrank

Schau­en wir ein­mal, was die Damen so auf­ge­regt hat und sehen uns ruhig etwas pla­ka­tiv eini­ge der Bean­stan­dun­gen aus der »förm­li­chen Pro­gramm­be­schwer­de« an:

  • Bereits in der Anmo­de­ra­ti­on ver­ließ Herr Plas­berg den Stand­punkt des neu­tra­len Mode­ra­tors, indem er 190 Gen­der­pro­fes­su­ren als „All­tags­wahn­sinn“ bezeich­ne­te
  • Die Aus­wahl der Gäs­te war nicht dazu geeig­net, eine fai­re Dis­kus­si­on über Geschlech­ter­for­schung zu füh­ren. Fach­frau­en bzw. Fach­män­ner aus Wis­sen­schaft oder Ver­wal­tung fehl­ten voll­stän­dig
  • Herr Plas­berg stell­te sei­ne Fra­gen eben­so mani­pu­la­tiv. Bei­spie­le: Er for­dert Frau Wizo­rek auf, die Welt über die Nütz­lich­keit von Unis­ex­toi­let­ten auf­zu­klä­ren, dabei liegt ihre Fach­lich­keit auf dem Gebiet des All­tags­se­xis­mus
  • Frau Tho­m­al­la wur­de anschei­nend ein­ge­la­den, um Spott und Häme zu ver­brei­ten, die Fra­gen die sie erreich­ten, hat­ten kei­nen ande­ren Zweck, als das The­ma unbe­leckt jeder Fach­lich­keit lächer­lich zu machen
  • Frau Kel­le wirk­te wie die Anwäl­tin des Mode­ra­tors, bei dem er sei­ne Mei­nung bestä­tigt bekam
  • Es han­delt sich um einen unge­heu­er­li­chen Macht­miss­brauch des „Mode­ra­tors“, die neu­tra­le Posi­ti­on zu ver­las­sen und auf die­se Art und Wei­se Zuschaue­rIn­nen mani­pu­lie­ren zu wol­len
  • Es schien so, als sol­le der „gesun­de Men­schen­ver­stand“ beschwo­ren und bedient wer­den, der sich seit Mona­ten mon­tags auf der Stra­ße zeigt.
  • Der­art unfai­re Sen­dun­gen mögen viel­leicht im Pay-TV hin­nehm­bar sein, im öffent­lich-recht­li­chen Fern­se­hen dür­fen sie unse­res Erach­tens kei­nen Platz haben

Wow. Star­ker Tobak. Das muss man(n) erst mal sacken las­sen. Frau auch. Was heißt das denn über­setzt? Die Beschwer­de­füh­re­rin­nen (unter ande­ren die Lan­des­ar­beits­ge­mein­schaft kom­mu­na­ler Frauenbüros/ Gleich­stel­lungs­stel­len NRW) stel­len impli­zit doch wohl die­se For­de­run­gen:

  • auch in Talk­shows, die als Unter­hal­tungs­sen­dung kon­zi­piert sind, einen stets neu­tra­len Mode­ra­tor ohne eige­ne Mei­nung zu plat­zie­ren
  • ein Mit­spra­che­recht bei der Aus­wahl von Gäst*innen bei Sen­dun­gen mit frau­en­/gen­der-rele­van­ten The­men (anders kann die For­mu­lie­rung kaum inter­pre­tiert wer­den!)
  • eine Mode­ra­ti­on, die Fra­gen strikt an die jeweils zustän­di­ge Fach­per­sonx rich­tet (Annah­me: ist zu einem spe­zi­el­len The­ma wie Unis­ex­toi­let­ten kei­ne Fach­frau anwe­send, darf die Fra­ge nicht gestellt wer­den. War­um übri­gens die Unis­ex­toi­let­ten plötz­lich nichts mehr mit All­tags­se­xis­mus zu tun haben, geht aus der förm­li­chen Pro­gramm­be­schwer­de nicht her­vor)
  • Frau Tho­m­al­la als zustän­di­ge Fach­frau für Spott und Häme nicht mehr ein­zu­la­den
  • Frau Kel­le als Anwäl­tin des Mode­ra­tors nicht mehr ein­zu­la­den
  • den gesun­den Men­schen­ver­stand schon bei der Kon­zep­ti­on von Sen­dun­gen weg­zu­las­sen (denn der, so haben wir gelernt, zeigt sich seit Mona­ten mon­tags auf der Stra­ße)
  • Als Dis­tink­ti­ons­merk­mal zum Pay-TV nur noch Sen­dun­gen mit dem Güte­sie­gel des Deut­schen Frau­en­ra­tes im Öffent­lich-Recht­li­chen-Rund­funk zu ver­brei­ten.

In das All­tags­deutsch des »Gesun­den Men­schen­ver­stan­des« über­setzt haben uns die Beschwer­de­füh­re­rin­nen mit­ge­teilt: In die­ser mis­ti­gen Talk­show wur­de a) etwas gesagt, von dem wir nicht woll­ten, dass es über­haupt gesagt wird, b) so wie es gesagt wur­de, geht das schon mal gar nicht, c) nicht das gesagt, was wir hören wol­len und d) haben über­haupt nur wir die Hoheit über den Dis­kurs.

Wit­zi­ger­wei­se fin­det sich auf der Web­sei­te die­ser Zens­ur­su­las an pro­mi­nen­ter Stel­le die­ses schö­ne Zitat:

Die ver­zeih­lichs­te Sün­de in unse­rer Gesell­schaft ist die Unab­hän­gig­keit der Gedan­ken.

(Emma Gold­mann, US-ame­ri­ka­ni­sche Frie­dens­ak­ti­vis­tin, Femi­nis­tin und Anar­chis­tin, 1869–1940)

Die Ver­mu­tung drängt sich auf, dass die Abso­lu­ti­on für die­se Sün­de nur für unab­hän­gi­ge frie­dens­ak­ti­vis­ti­sche, femi­nis­ti­sche und anar­chis­ti­sche Gedan­ken erteilt wer­den darf. Wer die Abso­lu­ti­on ertei­len darf? Sie­he unten, Lis­te der Beschwer­de­füh­re­rin­nen.

Emma Goldman -- mugshot from Chicago, Sept 10, 1901

Emma Gold­man – mugshot from Chi­ca­go, Sept 10, 1901. By Chi­ca­go Poli­ce Depart­ment [Public domain], via Wiki­me­dia Com­mons

Und was sagt der WDR dazu? Nix. zumin­dest nicht auf der eige­nen Web­sei­te. Ich hab jeden­falls bei der Suche auf ARD und WDR mit den Stich­wor­ten Plas­berg, Ampel­männ­chen oder Zen­sur nichts gefun­den. OK, viel­leicht lie­gen die ent­spre­chen­den Ein­trä­ge auch nur auf Alpha Cen­tau­ri.

Zwi­schen­durch zum Auf­lo­ckern ein Kom­men­tar der/des Usen­den ata­la­ya in der poli­tisch höchst unver­däch­ti­gen TAZ vom 3. Mär, 17:53

An(n)o 2050 sacht die Fri­sie­ren­de zum/zur Frie­siert­wer­den­den: »da sagt doch eins mei­ner Kin­dern­den zu mir: Mut­ter­n­de, wenn ich mal groß bin, wer­de ich Fri­seu­se!«

Mis­si­on erfüllt, Niveau tie­fer­ge­legt, wei­ter geht’s. Jetzt hab ich die Pres­se­mit­tei­lung des WDR vom 24.8. ent­deckt. Der Pro­gramm­ver­ant­wort­li­che Jörg Schö­nen­born sagt:

Der Vor­wurf der Zen­sur oder Selbst­zen­sur ist so gra­vie­rend, dass man ihn nicht leicht­fer­tig erhe­ben soll­te. Für den WDR wei­se ich das ent­schie­den zurück. … Sie wur­de vor allem in den Wochen nach der Aus­strah­lung breit dis­ku­tiert und intern ana­ly­siert, durch­aus selbst­kri­tisch. Sie nach einem hal­ben Jahr aus der Media­thek zu neh­men, wo sie kaum mehr abge­ru­fen wur­de, war eine sou­ve­rä­ne Ent­schei­dung der Pro­gramm­ver­ant­wort­li­chen. Sie erfolg­te vor der Sit­zung des Rund­funk­rats.«

Wow. Der Rund­funk­rat schreibt in sei­nem News­let­ter vom 21.8., dass er emp­foh­len hat, die Sen­dung aus der Media­thek zu neh­men, und Herr Schö­nen­born kommt die­ser Emp­feh­lung zuvor? Wie geil ist das das denn? Der ist ja sogar stolz auf sei­ne Sche­re im Kopf!

Was lehrt uns der Vor­gang?

  • Es gibt eine sehr klei­ne, sehr laut­star­ke Min­der­heit im öffent­li­chen Leben der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, die ohne demo­kra­ti­sches Man­dat mas­siv Ein­fluss auf die Pro­gramm­ge­stal­tung des Öffent­lich-Recht­li­chen Rund­funks nimmt
  • Kann sie die Aus­strah­lung einer Sen­dung nicht ver­hin­dern oder die Gäs­te­lis­te wunsch­ge­mäß zusam­men­stel­len, beginnt das Minis­te­ri­um für Wahr­heit (Mini­wahr), die Rea­li­tät an das Wunsch­bild des Dis­kur­ses anzu­pas­sen, indem es unlieb­sa­me Pro­gramm­bei­trä­ge dem Zugriff der Öffent­lich­keit ent­zieht
  • Rund­funk­rat und Pro­gramm­ver­ant­wort­li­cher leis­ten dem Mini­wahr Amts­hil­fe
  • Arti­kel 5 GG (»Die Pres­se­frei­heit und die Frei­heit der Bericht­erstat­tung durch Rund­funk und Film wer­den gewähr­leis­tet. Eine Zen­sur fin­det nicht statt.«) wird durch die Orga­ni­sa­tio­nen der Beschwer­de­füh­re­rin­nen außer Kraft gesetzt.
  • Der Rund­funk­bei­trag ist seit dem 18.8.2015 de fac­to obso­let. Der Rund­funk­bei­trag garan­tiert laut ARD-Web­sei­te

… eine von wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Inter­es­sen unab­hän­gi­ge Bericht­erstat­tung …

Von die­sem Grund­satz haben sich ARD und WDR aus eige­nem Wil­len abge­wen­det. Eine wei­te­re Erhe­bung des Rund­funk­bei­tra­ges ist wegen feh­len­der Geschäfts­grund­la­ge recht­lich, ethisch und mora­lisch nicht zu ver­tre­ten.

RUNDFUNKBEITRAG ABSCHAFFEN! SOFORT!

Ihr lie­ben, stets empö­rungs­wil­li­gen, vom Patri­ar­chat geknech­te­ten Frau­en, die ihr all­zu schnell bereit seit, im Namen aller Unter­drück­ten und Unbe­ach­te­ten die­ser Erde zu spre­chen und zu kämp­fen, auch wenn die­se euch kein Man­dat dafür gege­ben haben oder, schlim­mer noch, noch nicht ein­mal ein Pro­blem sehen, Ihr Jean­ne d’Arcs des Femi­nis­mus, Ihr Don Qui­jo­tin­nen, die ihr auf Euren Rosi­nan­tin­nen in den Kreuz­zug für eine gerech­te­re Welt rei­tet, Ihr, die ihr dem ehr­wür­di­gen Mott­to des Ursa-Minor-Ver­lags (Ihr wisst schon, der mit dem Anhal­ter durch die Gala­xis) treu seid (Bei allen Irr­tü­mern ist stets die Wirk­lich­keit schuld!), schreibt euch das hin­ter die Ohren:

Eine Zen­sur fin­det nicht statt!

Jedes The­ma darf mit ganz nor­ma­len Bür­ge­rin­nen und Bür­gern so dis­ku­tiert wer­den, dass es nor­ma­le Bür­ge­rin­nen und Bür­ger ver­ste­hen!

Wer für ande­re spre­chen will, soll sich gefäl­ligst demo­kra­tisch legi­ti­mie­ren!

Der pene­tran­te Ein­satz der Nazi­keu­le zur Dis­kre­di­tie­rung unlieb­sa­mer Mei­nun­gen ist so was von Schei­ße!

Lie­ber gesun­den Men­schen­ver­stand als künst­li­che Intel­li­genz!

Mir reichts jetzt.

Der Voll­stän­dig­keit hal­ber hier die Lis­te der Beschwer­de­füh­re­rin­nen (Anru­fung des Rund­funk­rats gemäß § 10 Abs. 2 WDR-Gesetz zur Pro­gramm­be­schwer­de ‚Hart aber fair‘: „Nie­der mit den Ampel­männ­chen – Deutsch­land im Gleich­heits­wahn?“, Das Ers­te, 2. März 2015). Das Pro­to­koll der Sit­zung war bis zum Onlinestel­len die­ses Bei­trags auf der Web­sei­te des Rund­funk­ra­tes nicht zu fin­den. Es gibt aber unweit von Alpha Cen­tau­ri einen News­let­ter, in dem erläu­tert wird, dass der Rund­funk­rat die Sen­dung als unse­ri­ös betrach­tet und emp­foh­len hat, sie aus der Media­thek zu neh­men.

a.) Mit Schrei­ben der LAG Lan­des­ar­beits­ge­mein­schaft kom­mu­na­ler Frau­en­bü­ros und Gleich­stel­lungs­stel­len NRW, Frau Chris­tel Stey­la­ers

b) Mit Schrei­ben der AGbaF Alli­anz der Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten der außer­uni­ver­si­tä­ren Forschungsorganisationen/Fraunhofer IWM, Frau Dr.-Ing. Bär­bel Thieli­cke

c) Mit Schrei­ben von Frau Ange­li­ka Ohse

d) Mit Schrei­ben des Lan­des­frau­en­rat Nie­der­sach­sen e.V., Frau Cor­ne­lia Klaus

e) Mit Schrei­ben des Frau­en­not­ruf Mainz, Frau Vanes­sa Kuschel

f) Mit Schrei­ben der Bun­des­spre­che­rin Femi­nis­ti­sche Par­tei DIE FRAUEN, Frau Mar­got Mül­ler

Es wäre wirk­lich span­nend zu erfah­ren, wie vie­le Men­schen in Deutsch­land sich durch die­sen mas­si­ven Auf­schrei der selbst­er­nann­ten Opfer von unfai­ren Talk­shows ver­tre­ten füh­len. By the way, laut Bun­des­wahl­lei­ter erhiel­ten DIE FRAUEN bei der Bun­des­tags­wahl 2013 12.148 Zweit- und kei­ne ein­zi­ge Erst­stim­me. Soviel zur demo­kra­ti­schen Ermäch­ti­gung der Zen­so­rin­nen für ihr Tun.

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