timeo Danaos et dona ferentes

In einem Inter­view mit der ZEIT am 5. Janu­ar 2016 äußert sich der Phi­lo­soph Wil­helm Schmid zur Flücht­lings­kri­se und den Hand­lungs­mo­ti­ven der Kanzlerin:

Doch was sich jetzt voll­zieht, ist Ver­än­de­rung. Gott sei Dank, möch­te ich mit unse­rer Kanz­le­rin sagen. Die hat es her­bei­ge­sehnt. Sie war seit Jah­ren beun­ru­higt über die Selbst­zu­frie­den­heit der Deut­schen, die sich in ihrem Wohl­stand ein­ge­rich­tet haben und glau­ben, alles sei getan. Und jetzt kommt von außen geschenkt die gro­ße Her­aus­for­de­rung, die es unmög­lich macht, dass wir gleich blei­ben. Und so sehe ich es auch: Es ist ein Gottesgeschenk.

Das Trojanische Pferd - Lovis Corinth
Ich erlau­be mir, aus einem ande­ren Blick­win­kel auf die Ereig­nis­se zu sehen. Es ist ein Dana­er­ge­schenk. Ein Geschenk, das sich als unheil­voll und scha­den­stif­tend für den Beschenk­ten erweist. Der Pries­ter Lao­koon sagt in Ver­gils Aen­eis (Buch II, Vers 48–49): »timeo Dana­os et dona feren­tes.« Ich fürch­te die Dana­er, auch wenn sie Geschen­ke brin­gen. Je nach­dem, wel­chen Mythos man befragt, war es der Seher Kal­chas, Odys­seus oder Hele­nos, der nach 10-jäh­ri­gem ver­geb­li­chen Krieg der Grie­chen gegen Tro­ja die bis heu­te legen­dä­re List ersann. Ein höl­zer­nes Pferd wur­de gebaut, dar­in Sol­da­ten ver­steckt. Der Grie­che Sinon mach­te den Tro­ja­nern weis, das Pferd sei ein Geschenk an die Göt­tin Athe­ne. Sie dürf­ten es kei­nes­falls zer­stö­ren, das wäre ein böser Fre­vel gegen die Göt­tin und wür­de bestraft. Aber wenn sie es in die Stadt bräch­ten, stün­den sie unter dem Schutz der Göt­tin. Die Tro­ja­ner wuss­ten nichts bes­se­res zu tun, als den Holz­zos­sen in die Stadt zu schlep­pen. Nachts schli­chen die Sol­da­ten her­aus und öff­ne­ten die Stadt­to­re. Die Grie­chen fie­len in die Stadt ein und zer­stör­ten sie, nicht ohne diver­se Fre­vel- und Greu­el­ta­ten zu bege­hen (unter ande­rem ver­ge­wal­tig­te Ajax die Kas­san­dra). Der Rest ist Geschichte.

Eben­falls legen­där ist die Sehe­rin Kas­san­dra, Toch­ter des Königs Pria­mos. Sie warn­te die Tro­ja­ner vor der List der Grie­chen. Ihre Seher­ga­be ver­dank­te sie dem Gott Apol­lon. Dum­mer­wei­se hat­te sie die Lie­be des Got­tes zurück­ge­wie­sen. Der ver­fluch­te sie, auf dass nie­mand ihren Vor­her­sa­gen Glau­ben schenkte.

Aias Kassandra Louvre G458

Wer will, kann Par­al­le­len zu dem Got­tes­ge­schenk aus dem Maghreb und dem Nahen Osten zie­hen. Kas­sand­ren hat es genug gegeben.

Wir wis­sen nicht, wann das Inter­view ent­stan­den ist, und ob die Nach­rich­ten vom Köl­ner Haupt­bahn­hof zu die­sem Zeit­punkt auch Herrn Schmid bekannt waren.

Aus mei­nen Zei­len eine Pau­schal­ver­däch­ti­gung aller zu uns Geflüch­te­ten als isla­mis­ti­sche Erobe­rer oder poten­zi­el­le Ver­ge­wal­ti­ger her­aus­zu­le­sen ist eben­so ver­füh­re­risch ein­fach wie falsch. Sie ent­hal­ten nur die bit­te­re Erkennt­nis, dass uns eben nicht nur Ärz­te und moti­vier­te, gut aus­ge­bil­de­te Fach­ar­bei­ter geschenkt wur­den. Es ist eine neue Qua­li­tät an Ver­ach­tung unse­res Rechts- und Gesell­schafts­sys­tems bei uns ein­ge­wan­dert, die allen Rela­ti­vie­rern zum Trotz bis­lang nicht ein­mal in den Hoch­bur­gen des frau­en­ver­ach­ten­den Patri­ar­chats der Schüt­zen- und Okto­ber­fes­te oder der Faschings- und Karnevals(un)kultur beob­ach­tet wer­den konnte.

PS Auf dem Lan­des­bil­dungs­ser­ver Baden-Würt­tem­berg fin­den wir die Inhalts­über­sicht zum Buch 2 der Aen­eis. Zu den Ver­sen 40–54 heißt es:

Lao­koon warnt vor dem Pferd. Das fatum und ›lae­va mens‹ (unbe­son­ne­ner Geist) ver­hin­dern eine Einsicht.

PPS Im oben erwähn­ten Inter­view fragt die ZEIT:

Die Ter­ror­at­ta­cken von Paris waren auch ein Angriff auf unse­re Art zu leben. Was ver­tei­di­gen wir? Es heißt, wir ver­tei­di­gen unse­ren Lebens­stil, aber wor­in besteht er?

Schmid ant­wor­tet:

… Es ist ein Krieg gegen die Moder­ne, und wir wer­den gezwun­gen sein, die­se Kriegs­er­klä­rung anzu­neh­men. Es ist unan­ge­nehm, das zu sagen – aber zum Teil wird die­se Fra­ge mili­tä­risch ent­schie­den werden.

Ist der Krieg gegen die Moder­ne auch ein Teil des »Got­tes­ge­schen­kes«? Wir hat­ten solch ver­quas­tes Wunsch­den­ken schon mal. Der Thea­ter­re­gis­seur und lang­jäh­ri­ge Inten­dant der Ber­li­ner Volks­büh­ne, Frank Cas­torf, sag­te damals, 1995,

»etwas Bewe­gung, sprich: ein neu­es Stahl­ge­wit­ter oder eine net­te klei­ne Apo­ka­lyp­se, könn­ten uns nicht scha­den. Er erweck­te den Ein­druck, dass jede Bewe­gung und jede Marsch­rich­tung ihm lie­ber sei­en als unse­re Welt aus »Waren­haus, Ren­ten­ver­si­che­rung und Schmerztablette«.«

(ZEIT Online vom 27.4.2000), oder

»daß vie­le Hun­nen zu uns kom­men oder der Ama­zo­nas über uns hereinbricht.«

(Der SPIEGEL vom 16.01.1995). Nun, ich per­sön­lich freue mich, wenn es im Waren­haus noch etwas zu kau­fen gibt, die Hun­nen daheim blei­ben, der Ama­zo­nas in sei­nem Bett und ich der­einst von mei­nen Zah­lun­gen in die Ren­ten­kas­se etwas zurück­be­kom­me. Zum Glück ist die Wirk­mäch­tig­keit von abge­dreh­ten Thea­ter­leu­ten auf das Feuil­le­ton beschränkt und ver­schont (meis­tens) die real exis­tie­ren­de Welt. Ein bekann­ter GröFaZ, der angeb­lich wie­der da ist, soll 1942 übri­gens gesagt haben:

»Dafür wer­de ich sor­gen, dass die­se Jugend her­um­ge­wir­belt wird. Es muss immer was los sein.«

Née. Muss nicht.

PPPS Im ZEIT­ma­ga­zin Nr. 52/2015 schreibt Eli­sa­beth Rae­ther in ihrer Kolum­ne »Die trin­ken­de Frau«:

Alko­hol ist näm­lich ent­ge­gen einer weit­ver­brei­te­ten Mei­nung immer noch das bes­te Mit­tel gegen Pes­si­mis­mus. Medi­tie­ren und Yoga hel­fen sicher auch gegen schlech­te Gedan­ken. Aber ein Glas Wein genügt meis­tens, damit der Tag, der mies war, doch noch sehr schön endet.

Dem ist nichts hin­zu­zu­fü­gen. Prost. 

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