It’s democracy, stupid! Part I

By Sven Teschke Ste­schke (Own work) [CC BY-SA 2.0 de (http://​crea​ti​ve​com​mons​.org/​l​i​c​e​n​s​e​s​/​b​y​-​s​a​/​2​.​0​/​d​e​/​d​e​e​d​.en)], via Wiki­me­dia Com­mons

Muss man die AfD ver­tei­di­gen? Bestimmt nicht. Die not­lei­den­de Demo­kra­tie aller­dings, die hat Für­spre­cher drin­gend nötig. Ein Bei­trag über das Demo­kra­tie­ver­ständ­nis von Tei­len der deut­schen Pres­se nach den Land­tags­wah­len 2016.

Er hat­te es fast geschafft. Bei­na­he hät­te Kai Diek­mann es geschafft, mich davon zu über­zeu­gen, dass die BILD eine Zei­tung sei und ihr Her­aus­ge­ber doch ein ernst­zu­neh­men­der Publi­zist. Heu­te, nach den Land­tags­wah­len 2016, ver­mag ich denen, die BILD und Herrn Diek­mann die­se Eigen­schaf­ten abspre­chen, nicht mehr über­zeu­gend zu wider­spre­chen. Scha­de, denn auf eine BILD mit pha­sen­wei­se erkenn­ba­rer Serio­si­tät hät­te ich mich gefreut.

Die ers­te Über­zeu­gung fiel mit der Flücht­lings­kri­se. Seit Sep­tem­ber 2015 ver­such­te die BILD, sich ihr Allein­stel­lungs­merk­mal durch die völ­lig kri­tik­lo­se Über­nah­me der Kanz­le­rin­po­si­ti­on zu ver­schaf­fen. Im Chor der Qua­li­täts­me­di­en, die das Hohe­lied der Vor­sit­zen­den der Ein­heits­re­gie­rung der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Bun­des­re­pu­blik san­gen, erhob sich die ehe­ma­li­ge Pro­jek­ti­ons­flä­che lin­ker Ver­ach­tung des Esta­blish­ments der alten Repu­blik zur ers­ten Stim­me der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Ein­heits­uni­on (CDUSPDGRÜNEFDP, in Tei­len auch DIELINKE) Deutsch­lands.

Die zwei­te Über­zeu­gung wur­de ges­tern, am 14.3.2016, pul­ve­ri­siert. Der Moment, in dem sich Herr Diek­mann zumin­dest vor­läu­fig aus der Gemein­schaft der zurech­nungs­fä­hi­gen Zei­tungs­ma­cher her­aus- und in die Umlauf­bahn der glo­ba­len Aluhut­ge­sell­schaft hin­ein­schoß, liegt jetzt, da die­se Zei­len ent­ste­hen, ca. 16 Stun­den zurück. Völ­lig unver­hoh­len stell­te der Her­aus­ge­ber, also der ers­te Mann der immer noch auf­la­gen­stärks­ten Zei­tung Deutsch­lands, die AfD mit der NSDAP gleich.

Quelle: Eigener Screenshot von Kai Diekmanns Twitteraccount @KaiDiekmann

Diek­manns Para­noia: die AfD als neue NSDAP. Quel­le: Eige­ner Screen­shot von Kai Diek­manns Twit­ter­ac­count @KaiDiekmann

Wie unge­heu­er­lich die­se Rela­ti­vie­rung, Ver­harm­lo­sung, ja nahe­zu schon Leug­nung der wah­ren natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­bre­chen durch Herrn Dieck­mann ist, wird mit einer Über­le­gung deut­lich, die jeder Schü­ler im Geschichts­grund­kurs sofort nach­voll­zie­hen kann.

1930 beherrsch­te die SA die Stra­ßen, Jeder, der offe­ne Augen und Ohren hat­te, konn­te die Grund­zü­ge der kom­men­den NS-Poli­tik erken­nen. Dass Hit­ler die Demo­kra­tie abschaf­fen, die Juden ver­trei­ben, wenn nicht ver­nich­ten und die »Schmach « des Ver­trags von Ver­sailles falls nötig auch mit Waf­fen­ge­walt til­gen woll­te, war abzu­se­hen. Die AfD, deren Per­so­nen und Pro­gram­me in Tei­len durch­aus kri­tik­wür­dig sind, die sich aber in ihrer ganz gro­ßen Mehr­heit klar zur Frei­heit­lich-Demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung beken­nen, mit den Schläch­tern von der NSDAP auf eine Stu­fe zu stel­len, zeugt von einer Para­noia, die selbst den Welt­un­ter­gangs­pro­phe­ten des KOPP-Ver­lags Respekt abnö­ti­gen dürf­te.

Die nahe­lie­gen­de Schluss­fol­ge­rung, PEGIDA und ihre Able­ger sei­en die Stoß­trup­pen der neu­en Natio­nal­so­zia­lis­ten von der AfD, über­führt Diek­manns wir­ren Gedan­ken­gang voll­ends der Absur­di­tät. Regel­mä­ßig wer­den bei PEGIDA-»Aufmärschen«, bei denen übri­gens gar nicht mar­schiert wird, Teil­neh­mer zum Opfer links­fa­schis­to­id moti­vier­ter Gewalt­ta­ten. Aus PEGI­DA-Demons­tra­tio­nen her­aus wur­den hin­ge­gen nahe­zu kei­ne Straf­ta­ten began­gen, kei­ne Flücht­lings­hei­me ange­zün­det, jag­te kein ent­fes­sel­ter Mob unschul­di­ge Men­schen durch die Stra­ßen, beschmier­ten kei­ne rech­ten Hor­den Häu­ser mit frem­den­feind­li­chen Paro­len. Ledig­lich eini­ge not­dürf­tig als Jour­na­lis­ten getarn­te Staats­ko­mi­ker der mitt­ler­wei­le uner­träg­lich gewor­de­nen »Heu­te-Show« wur­den etwas rüder als nötig auf­ge­for­dert, ihre gebüh­ren­fi­nan­zier­te Ver­höh­nung ihnen rhe­to­risch völ­lig unter­le­ge­ner Opfer schleu­nigst ein­zu­stel­len. Hier eine neue SA zu ver­mu­ten, ist gro­tesk.

Zur Erin­ne­rung, Herr Diek­mann: Der NSDAP unter ihrem GröFaZ »ver­dan­ken« wir die Shoa mit über 6 Mil­lio­nen getö­te­ten Juden, einen Welt­krieg, der 60 – 70 Mil­lio­nen Opfer kos­te­te, die ver­such­te Aus­rot­tung von eth­ni­schen Min­der­hei­ten, Homo­se­xu­el­len, Kran­ken und Benach­tei­lig­ten, unend­li­che Not und Ver­trei­bung, schlicht­weg die bis­lang größ­te Mensch­heits­ka­ta­stro­phe. Ein Par­force­ritt in den Welt­un­ter­gang, fana­tisch beju­belt von Mil­lio­nen Deut­schen und wil­lig ins Reich heim­ge­kehr­ten Öster­rei­chern. Den Auf­stieg einer in Tei­len frag­los unse­riö­sen AfD mit ihren wenig cha­ris­ma­ti­schen Schein­rie­sen Höcke, Gau­land, Petry und von Storch auf eine Stu­fe mit der mensch­heits­ge­schicht­lich sin­gu­lä­ren Erhe­bung der Mons­tro­si­tä­ten Hit­ler und NSDAP zu stel­len, ist purer Irr­sinn.

Kon­kret hät­te auch ein Ver­gleich der Wahl­pro­gram­me von AfD und NSDAP auf­ge­zeigt, wie ver­stie­gen eine der­ar­ti­ge Gleich­set­zung ist. Ein­fach mal lesen.

Dass Herr Diek­mann erns­te Pro­ble­me mit demo­kra­ti­scher Mei­nungs­fin­dung abseits der von sei­nem Blatt pro­pa­gier­ten Staats­ideo­lo­gie hat, wur­de am Mor­gen des 13. März über­deut­lich. Der Mann, der erst die Auf­la­ge der Bild mehr als hal­bier­te und sie dann genau­so erfolg­reich »mer­ke­li­sier­te«, wie es die Kanz­le­rin mit der ehe­mals christ­de­mo­kra­ti­schen CDU gelun­gen war, ent­blö­de­te sich nicht, noch vor Schlie­ßung der Wahl­lo­ka­le den demo­kra­tie­ver­ach­ten­den »Fra­ge­bo­gen für besorg­te Bür­ger« des DGB zu twit­tern.

Demokratie a la DGB und Diekmann: Bürger, du hast doch alles. Wozu dann die Unbotmäßigkeit einer eigenen Meinung? Quelle: Eigener Screenshot von Kai Diekmanns Twitteraccount @KaiDiekmann

Demo­kra­tie à la DGB und Diek­mann: Bür­ger, du hast doch alles. Wozu dann die Unbot­mä­ßig­keit einer eige­nen Mei­nung? Quel­le: Eige­ner Screen­shot von Kai Diek­manns Twit­ter­ac­count @KaiDiekmann

Zusam­men­ge­fasst steht da, Bür­ger, du hast Woh­nung, Essen, Arbeit oder Staats­kne­te? Dann halt die Fres­se, Idi­ot. Noch men­schen­ver­ach­ten­der kann man mit abwei­chen­den Mei­nun­gen nur noch in einer Dik­ta­tur wie der DDR oder Nord­ko­rea umge­hen. Aber viel­leicht wün­schen sich das ja Eini­ge im DGB, oder auch Herr Diek­mann. Es erspart die ermü­den­den Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit Anders­den­ken­den.

Auch wenn es es eine schwe­re Erkennt­nis ist, zur Demo­kra­tie gehört die Plu­ra­li­tät von Par­tei­en und Pro­gram­men, von Mei­nun­gen und Ide­en. Solan­ge alles auf dem Fun­da­ment des Grund­ge­set­zes ruht, ist Platz für Viel­falt. Es ist auch Platz für Streit. Der darf auch def­tig wer­den. Brot und Spie­le gehö­ren zur Show. Die Nazi­keu­le, die lasst ste­cken. So oft wur­de in den letz­ten Mona­ten Faschis­musalarm geschla­gen, dass ihn kei­ner mehr hören mag. Erhebt sich dann wie­der ein(e) Weltenbrandstifter*in, wer­den die dann berech­tig­ten War­nun­gen garan­tiert über­hört.

BILD dir dei­ne Mei­nung? Die­se Zei­ten sind vor­bei.

TL;DR: Mit wel­cher Lei­den­schaft der lei­den­schaft­li­che Zei­tungs­ma­cher Diek­mann an der Abschaf­fung der Mei­nungs­plu­ra­li­tät arbei­tet, ist für mich als lei­den­schaft­li­chen Demo­kra­ten unfass­bar.

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