Von Blockern und Filterblasen

»Es gibt eine Theo­rie, die besagt, wenn jemals irgend­wer genau her­aus­fin­det, wozu das Uni­ver­sum da ist und war­um es da ist, dann ver­schwin­det es auf der Stel­le und wird durch noch etwas Bizar­re­res und Unbe­greif­li­che­res ersetzt. – Es gibt eine ande­re Theo­rie, nach der das schon pas­siert ist.«

Das Restau­rant am Ende des Uni­ver­sums. Ull­stein, 1994. ISBN 3–548-22492-X. Deut­sche Über­set­zung von Ben­ja­min Schwarz. Sei­te 9 f.

Ähn­lich Bizar­res und Unbe­greif­li­ches spielt sich auch im Wel­ten­netz ab:

»Es gibt mei­ne Theo­rie, dass in den sozia­len Medi­en bestimm­te Krei­se poli­tisch uner­wünsch­te Teil­neh­mer in kon­zer­tier­ten Aktio­nen durch Blo­cken aus­schlie­ßen, um ihnen anschlie­ßend vor­wer­fen zu kön­nen, in Fil­ter­bla­sen von Gleich­ge­sinn­ten zu leben. – Es gibt mei­ne ande­re Theo­rie, dass sich die­se Krei­se so ihre eige­ne Fil­ter­bla­se schaf­fen, ohne es zu bemerken.«

Theo­ri­en und Weis­hei­ten eines hue­gel­kinds. Unver­öf­fent­licht 2016. ISBN irgendwas-ohne-18–39-88-und-was-es-sonst-noch-für-verdächtige-Zahlencodes-gibt. Unüber­setzt, unlek­to­riert, S.42ff

Es geht noch wei­ter. Ist aber nicht lus­tig, nur Twitteralltag. 

Neu­lich bei Twit­ter (da bin ich öfter). Ein Mitt­wit­te­rer weist auf einen inter­es­san­ten Bei­trag hin. Ich will ihn mir anschau­en, doch hopp­la, es geht nicht. Der Ver­fas­ser hat mich geblockt. Das sieht dann so aus:

Von Sasche Lobo geblockt. Quelle: Eigener Screenshot

Quel­le: Eige­ner Screenshot

Jetzt habe ich dem Herrn Lobo (der stets gegen Fil­ter­bla­sen wet­tert) irgend­wann ein­mal wider­spro­chen. Das ver­trägt er nicht, und er hat mich geblockt. Der Block, den ich ein­gangs erwähn­te, war jedoch inter­es­san­ter: der, der mich geblockt hat­te, war mir völ­lig unbe­kannt. Eine schnel­le Suche, ob ich ihn viel­leicht in einem Tweet erwähnt habe, ob ich ihm einen Grund gege­ben habe, mich aus sei­ner Time­li­ne aus­zu­sper­ren, ergibt kei­nen Tref­fer. Nichts. Seltsam.

Doch es bleibt nicht bei Lobo. Immer öfter kann ich zitier­ten Tweets nicht fol­gen, weil deren Urhe­ber mich geblockt haben. Das Selt­sa­me ist nur, ich ken­ne sie nicht. Habe nie zuvor von ihnen gele­sen, geschwei­ge denn, ihnen geant­wor­tet. Was ist da los?

Ich frag­te die Twit­ter­com­mu­ni­ty: Ich hät­te von Block­lis­ten gehört, die im Netz kur­sie­ren, um so gefähr­li­che libe­ral­kon­ser­va­ti­ve Mei­nungs­füh­rer wie mich mit ihren 223 Fol­lo­wern in Schach zu hal­ten, doch das war für mich nie mehr als eine rech­te Ver­schwö­rungs­theo­rie. Blöd­sinn. Gibt’s doch gar nicht.

Hab ich gedacht. Bis ges­tern. Dann schick­te mir ein Piep­matz (deutsch für Twit­te­rer) die­sen Link: Block Toge­ther. Eine kur­ze Recher­che ergibt, Blo­cken ist in. Ich kann alle, die ich geblockt habe, als Lis­te expor­tie­ren, mei­ne Block­lis­ten öffent­lich tei­len, frem­de Block­lis­ten abon­nie­ren, es soll sogar mög­lich sein, alle Fol­lo­wer beson­ders miss­lie­bi­ger Accounts zu blo­cken (wie das gehen soll, hat mir noch nie­mand ver­ra­ten können).

Twitter: BlockTogether

Quel­le: Eige­ner Screenshot

Blo­cken, das habe ich gelernt, ist ein fröh­li­cher Frei­zeit­sport in der Gemein­schaft der Piep­mät­ze. Die Erkennt­nis kommt spät, weil ich mich bis­lang nie dafür inter­es­siert habe. Klar, man blockt schon mal, wenn einen ein Account in die omi­nö­se Lis­te derer ein­trägt, die nach der Revo­lu­ti­on als ers­te an die Wand zu stel­len sind. Wenn man von Voll­dor­schen mit rechts- oder links­ex­tre­men Hass­pa­ro­len zuge­spamt wird, weil die miss­ver­ständ­lich glau­ben, man gehört irgend­wie zu ihrer Bla­se (oder auch nicht) und freut sich über die Ver­stär­kung, oder muss drin­gend umer­zo­gen wer­den. Wha­te­ver. Das sind die Ausnahmen.

Seit ich twit­te­re, habe ich gan­ze 3 Accounts geblockt. Es ist gera­de die Viel­falt der Mei­nun­gen, Ide­en und Ansich­ten, die mich an die­sem Medi­um reizt. War­um soll­te ich die aus­schlie­ßen und mich ein­igeln? Letzt­lich hie­ße das, den Grund­ge­dan­ken eines sozia­len Medi­ums ad Absur­dum zu füh­ren. Genau das aber tun mei­ne spe­zi­el­len Blo­cker­freun­de. Sie füh­ren die sozia­len Medi­en ad Absur­dum. Sie schlie­ßen aus ihrem eli­tä­ren Dis­kurs alle aus, die sie nicht für wür­dig hal­ten, und erklä­ren sie dann für dumm, weil sie sich in ihrer Fil­ter­bla­se dem Dis­kurs verweigern.

Wie nennt man so ein Ver­hal­ten? Wis­sen­schaft­li­che Defi­ni­tio­nen sind gern gese­hen. Auf dum­me Ide­en kom­me ich selber 🙂

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