Die Eliten schaffen sich ab

Aus der Erfahrung weiß man, daß die Güte der Truppen einzig und aein in dem Werte ihrer Offiziere beſtehe.

Fried­rich der Gro­ße

Es gibt keine leten Mannaen, Mara. Es gibt nur lete Offiziere.

Napo­le­on I. Bona­par­te

In Deutsch­land ist es anders. In Deutsch­land machen die Offi­zie­re kei­ne Feh­ler. Die Defi­zi­te lie­gen bei uns, den Mann­schaf­ten. Sagt Jas­per von Alten­bock­um, bei der FAZ ver­ant­wort­lich für die Innen­po­li­tik, am 31.12.2016 in sei­nem Kom­men­tar zum abge­lau­fe­nen Jahr. Schon beim Lesen der Ein­lei­tung reibt man sich ver­wun­dert die Augen:

Von der Sil­ves­ter­nacht in Köln bis zum Mas­sen­mord in Ber­lin: Es gibt kei­nen Grund, dem Hass­jahr 2016 hin­ter­her­zu­trau­ern. Doch wer ehr­lich ist, muss zuge­ben: Die grö­ße­ren Defi­zi­te lie­gen auf Sei­ten der Bür­ger – nicht der Poli­ti­ker.

So beginnt der Ein­stieg in eine Recht­fer­ti­gung der poli­ti­schen Eli­ten, wie sie sich der amtie­ren­de Regie­rungs­spre­cher nicht schö­ner aus der Feder hät­te schüt­teln kön­nen. Ein Hass­jahr sei 2016 gewe­sen, jam­mert uns von Alten­bock­um vor, und nimmt die ste­te media­le Erwäh­nung von Hass­aus­brü­chen, Hass­re­den, Het­ze und „Hate Speech“ zum Beleg sei­ner Kla­ge, wohl­weis­lich unter­schla­gend, wer so eil­fer­tig die (oft unsach­li­che) Kri­tik an den Regie­ren­den mit dem Gott sei Dank (noch) nicht jus­ti­zia­blen, doch ver­ru­fe­nen Odeur des Has­ses über­zieht. Ein außer Kon­trol­le gera­te­nes »Inter­net, in dem die Echo­kam­mern und Fil­ter­bla­sen jeden mode­ra­ten Zwi­schen­ton zerkli­cken«, und »publi­zis­ti­sche Agi­ta­to­ren, die fun­dier­ten Ein­blick vor­ge­ben, aber auf den Schaum der Het­ze noch die Kro­ne der Arro­ganz set­zen« schü­ren in sei­ner Welt­sicht die Pola­ri­sie­rung der Gesell­schaft, die »mit­un­ter schon die Form einer Mas­sen­hys­te­rie ange­nom­men hat«. Die Kro­ne der eige­nen Arro­ganz setzt von Alten­bock­um selbst auf den Schaum sei­ner Phil­ip­pi­ka gegen die Bür­ger, wenn er schreibt:

… Der Hass ist die unpo­li­ti­sche Über­stei­ge­rung von Wut über not­ge­drun­gen Unvoll­kom­me­nes. Die Leu­te, die den Mund so hass­erfüllt voll neh­men, sind des­halb mit Sicher­heit die Leu­te, die schon beim ers­ten Ver­such schei­tern, ihren Wil­len und ihre Vor­stel­lun­gen durch­zu­set­zen. Das aber ist die Kunst, das ist Poli­tik.
Wer ehr­lich ist, muss des­halb zuge­ben: Die grö­ße­ren Defi­zi­te lie­gen auf Sei­ten der Bür­ger, nicht auf Sei­ten der Poli­ti­ker …

Nein, das ist nicht rich­tig, und Herr von Alten­bock­um müss­te das wis­sen. Es ist nicht die Auf­ga­be der Bür­ger, es bes­ser zu machen als die Berufs­po­li­ti­ker. Es ist die Auf­ga­be der Berufs­po­li­ti­ker, Poli­tik zur Zufrie­den­heit der von ihnen Regier­ten zu gestal­ten. Gelingt ihnen das nicht, müs­sen sie sich ihrer Ver­ant­wor­tung stel­len. Das heißt, ihre Poli­tik zu ändern, oder die Kon­se­quen­zen ihrer ver­fehl­ten Poli­tik zu tra­gen, zurück­zu­tre­ten und den Weg für not­wen­di­ge Ver­än­de­run­gen frei zu machen.

Es ist das Wesen unse­rer Gesell­schaft, dass wir Auf­ga­ben an jene über­tra­gen, die die bes­ten Vor­aus­set­zun­gen mit­brin­gen, sie zu erle­di­gen. Sind die Auf­ga­ben kom­plex, die Vor­aus­set­zun­gen hoch und die Ver­ant­wor­tung schwer­wie­gend, nen­nen wir die Best­qua­li­fi­zier­ten, denen wir ihre Erle­di­gung anver­trau­en, Éli­te.

In unse­rer par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie über­tra­gen wir die Ver­ant­wor­tung an von uns gewähl­te Poli­ti­ker. Macht uns, das Staats­volk, der Akt der Wahl ver­ant­wort­lich für die Taten der von uns gewähl­ten? Doch kei­nes­falls! Wir ken­nen kein impe­ra­ti­ves Man­dat. Wir wäh­len kei­ne kon­kre­ten Vor­ha­ben. Wir wäh­len mit unse­rer Erst­stim­me Men­schen, mit unse­rer Zweit­stim­me Par­tei­en, und hof­fen, dass sie das, was sie uns in ihren Reden, ihren Pro­gram­men, ihren Anzei­gen und Pla­ka­ten ver­spre­chen, auch ein­hal­ten. Ver­ant­wort­lich sind die­se, dem Buch­sta­ben und Geist unse­rer Ver­fas­sung gemäß, ihrem Gewis­sen. In Rea­li­ter wer­den sie getrie­ben von Loya­li­tä­ten viel­fäl­ti­ger Art, die uns meist ver­bor­gen blei­ben. Ein­mal gewählt, kön­nen wir nicht kor­ri­gie­rend ein­grei­fen. Erst zum Ablauf der Legis­la­tur­pe­ri­ode gibt uns die Wahl als kon­sti­tu­ie­ren­des Ele­ment des demo­kra­ti­schen Rechts­staa­tes die Macht, sie im Amt zu bestä­ti­gen oder neue Köp­fe in die Ver­ant­wor­tung zu stel­len. Nicht weni­ger Macht haben wir, aber auch nicht mehr.

»Die Eli­ten sind gar nicht das Pro­blem, die Bevöl­ke­run­gen sind im Moment das Pro­blem …« Joa­chim Gauck, ARD-Inter­view »Bericht aus Ber­lin«, 19. Juni 2016

Unse­re Wor­te, in Leser­brie­fen, auf Twit­ter oder Face­book geschrie­ben, auf Demons­tra­tio­nen geru­fen, den gewähl­ten Poli­ti­kern im Wahl­kreis per Brief oder per­sön­lich über­bracht, sind zwi­schen zwei Wah­len alles, was wir, der Sou­ve­rän, haben, um den von uns Beauf­trag­ten unse­ren poli­ti­schen Wil­len zu erklä­ren. Die­se Wor­te abzu­qua­li­fi­zie­ren als Hys­te­rie, Wut, oder gar Hass, ist nichts als der Ver­such, Kri­tik an den Ver­hält­nis­sen zu unter­bin­den. Der Funk­ti­ons­eli­te der Poli­tik stellt Alten­bock­um einen Per­sil­schein aus. Sie ver­sagt nicht. Das unge­bühr­li­che Volk ver­kennt nur ihre wah­re Grö­ße und Güte.

Falls Herr von Alten­bock­um ver­ges­sen haben soll­te, auf wel­cher Grund­la­ge unser demo­kra­ti­scher Rechts­staat beruht, soll­te er sich von dem ers­ten sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Prä­si­den­ten der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land dar­an erin­nern las­sen. Ich bin sicher, er hät­te es gern getan.

Die Grund­la­ge der Demo­kra­tie ist die Volks­sou­ve­rä­ni­tät und nicht die Herr­schafts­ge­walt eines obrig­keit­li­chen Staa­tes. Nicht der Bür­ger steht im Gehor­sams­ver­hält­nis zur Regie­rung, son­dern die Regie­rung ist dem Bür­ger im Rah­men der Geset­ze ver­ant­wort­lich für ihr Han­deln. Der Bür­ger hat das Recht und die Pflicht, die Regie­rung zur Ord­nung zu rufen, wenn er glaubt, dass sie demo­kra­ti­sche Rech­te miss­ach­tet.“

Wir sol­len es bes­ser machen? Dann müss­ten wir uns die Macht holen, in der Form von direk­ter Demo­kra­tie. Volks­ab­stim­mun­gen und direk­te Bür­ger­be­tei­li­gun­gen auf allen Ebe­nen, die Par­la­men­te weit­ge­hend ent­mach­tet, die Poli­ti­ker als unmit­tel­ba­re Voll­stre­cker eines täg­lich neu ver­kün­de­ten Volks­wil­lens. Dann, genau dann, ergä­be die Kri­tik des Herrn von der FAZ tie­fen, unmit­tel­ba­ren Sinn.

Wenn wir wei­ter­hin einer Éli­te die Ver­ant­wor­tung für unser Deutsch­land, für das Staats­volk, für unser aller Wohl­erge­hen und Sicher­heit im Rah­men einer reprä­sen­ta­ti­ven, par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie über­tra­gen wol­len (was ich befür­wor­te!), dann muss sich die­se Éli­te ihrer Ver­ant­wor­tung auch stel­len. Sie muss Kri­tik zulas­sen. Sie darf sich nicht mit einem pam­pi­gen »ja und? Dann machs doch bes­ser« in den Schmoll­win­kel zurück­zie­hen. Eine sol­che »Éli­te« ist über­flüs­sig. Sie schafft sich ab.

Viel­leicht hat sich Herr von Alten­bock­um auch für die Nach­fol­ge des Regie­rungs­spre­chers Stef­fen Sei­bert bewor­ben. Dann aller­dings hat er alles rich­tig gemacht.

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