Eine Frage des Anstands

Am 15. Janu­ar 2016 habe ich die­se Zei­len get­wit­tert. Heu­te möch­te ich Ihnen erzäh­len, war­um.

Alles beginnt mit einem Todes­fall. Es ist Frei­tag, der 13. Janu­ar, als Dr. Udo Ulfkot­te stirbt und mein Leben betritt. Vor­her, das muss ich zuge­ben, habe ich ihn nicht gekannt. Den Namen, klar, den hat­te ich gehört. Ulfkot­te, der abtrün­ni­ge FAZ-Jour­na­list, Star­au­tor des Kopp-Ver­lags, der Mann, der hin­ter dem Offen­sicht­li­chen das gro­ße Geheim­nis such­te, die Welt­ver­schwö­rung, einer der Stars der glo­ba­len Aluhut­trä­ger­ge­sell­schaft. Wann immer ich sei­nen Namen im Zusam­men­hang mit einer Ver­öf­fent­li­chung sehe, mache ich, dass ich weg­kom­me. Blät­tern Sie wei­ter, es gibt hier nichts zu lesen. Nur Ulfkot­te.

Jetzt ist er tot, und auf Twit­ter ist ein selt­sa­mes Schau­spiel zu beob­ach­ten: wild­frem­de Men­schen sen­den ihre Freu­de, ja, ihren Jubel über Ulfkot­tes Able­ben in die Welt hin­aus. Mit hämi­schen, bösen, geschmack­lo­sen Wor­ten. Die weit mehr als »klamm­heim­li­che Freu­de« erin­nert mich an den Göt­tin­ger »Mes­ca­le­ro«-Text »Buback – ein Nach­ruf« aus dem April 1977:

Mei­ne unmit­tel­ba­re Reak­ti­on, mei­ne ‚Betrof­fen­heit‘ nach dem Abschuß von Buback ist schnell geschil­dert: Ich konn­te und woll­te (und will) eine klamm­heim­li­che Freu­de nicht ver­heh­len. Ich habe die­sen Typ oft het­zen hören. Ich weiß, daß er bei der Ver­fol­gung, Kri­mi­na­li­sie­rung, Fol­te­rung von Lin­ken eine her­aus­ra­gen­de Rol­le spiel­te.“

Nun ist Ulfkot­te – anders als der dama­li­ge Gene­ral­bun­des­an­walt Buback – nicht als höchs­ter Staats­an­walt der Bun­des­re­gie­rung bei einem Ter­ror­an­schlag einer lin­ken Ter­ro­ris­ten­grup­pe ums Leben gekom­men. Auch war er weder Dik­ta­tor eines faschis­ti­schen Rei­ches, noch stand er in Diens­ten eines sol­chen. Soweit mir bekannt ist, kleb­te an sei­nen Hän­den kein Blut. Es ist also schwer ver­ständ­lich, dass der Tod eines außer­halb der Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker­sze­ne völ­lig unbe­ach­te­ten Jour­na­lis­ten so vie­le Men­schen, vor­nehm­lich jün­ge­re aus dem sehr weit links ori­en­tier­ten Lager, zu der­ar­ti­gen Begeis­te­rungs­stür­men hin­reißt.
Beson­ders merk­wür­dig wird die­ses Ver­hal­ten, wenn man sich dar­an erin­nert, dass die, die den Tod des Ulfkot­te beju­beln, für ihre Mei­nungs­kon­tra­hen­ten eine poli­ti­cal cor­rect­ness als ver­pflich­ten­des sprach­li­ches Rah­men­werk ein­for­dern, das sie kei­nes­wegs als ein­engend, son­dern als simp­len Anstand ver­ste­hen, wie Robin Detje bis­sig am 23.11.2014 in der ZEIT schreibt:

Selt­sa­mer­wei­se lässt sich das, was Poli­ti­cal Cor­rect­ness will, immer auch als Anstand beschrei­ben. Mit dem Schmäh­be­griff der Poli­ti­cal Cor­rect­ness wird Anstand dann belegt, wenn Men­schen sich über ihn stel­len wol­len – ein­fach des­halb, weil sie Män­ner sind, weiß oder alt oder alles zusam­men.

Bös­ar­tig gele­sen inter­pre­tie­re ich die­se Aus­sa­ge so, dass pc die für wei­ße, alte Män­ner ver­pflich­ten­de Anstands­re­gel ist. Für Jun­ge, Nicht­wei­ße und Frau­en gilt sie nicht.

Ein klei­nes Bei­spiel sei stell­ver­tre­tend gezeigt:

Quel­le: Eige­ner Screen­shot

Machen Sie sich selbst ein Bild. Hier der Link zum Twit­ter-Hash­tag #Ulfkot­te.
Eine Twit­te­rin, die einen beson­ders »geschmack­vol­len« Text zum Tode Ulfkot­tes ver­fasst hat, macht mich mit ihrem Twit­ter-Hand­le neu­gie­rig. Anglo­phon aus­ge­spro­chen mei­ne ich, »hatin‹ jews« her­aus­zu­hö­ren. Da habe ich doch vor eini­gen Mona­ten ein Bild zu gese­hen, den­ke ich. Goog­le hilft:

 photo death_to_all_juice.jpg

Quel­le: pho­to­bu­cket. Infor­ma­tio­nen zu Ort, Datum und Anlass des Bil­des lie­gen mir nicht vor. Wer kann hel­fen?

Dass die abge­bil­de­ten jun­gen Her­ren einen unschul­di­gen Saft töten wol­len, hal­te ich für unwahr­schein­lich. Eher sind sie der eng­li­schen Spra­che nur ein­ge­schränkt mäch­tig.

Für mich scheint die Sache klar. Die, die da twit­ter­te und sich ihrer Arbeit für den Jugend­a­b­le­ger eines bekann­ten Nach­rich­ten­ma­ga­zins rühmt, hegt Juden gegen­über kei­ne freund­schaft­li­chen Gefüh­le. Das gebe ich auch klar und deut­lich als einer der ers­ten mit zwei poin­tier­ten Tweets zu Pro­to­koll. Dann, es ist spät, gehe ich schla­fen.

Am ande­ren Mor­gen mel­det sich das Gewis­sen. Ob ich nicht pro­fes­sio­nel­ler twit­tern wol­le? Ja. Was mir ein­fie­le, ohne Über­prü­fung ein – durch­aus miss­ver­ständ­lich bis unap­pe­tit­li­ches – Twit­ter­hand­le als Hin­weis auf Anti­se­mi­tis­mus zu neh­men? Äh. Ob ich so wohl kei­nen Deut bes­ser sei als die, die auf Num­mern­schil­dern von Kin­de­ka­rus­sell­au­tos Nazi­codes sehen? Ver­dammt, ja, du hast recht.

Kurz und gut, am Kno­chen mei­ner Behaup­tung ist kein Fleisch. Aus einer pho­ne­tisch beding­ten Ver­mu­tung auf Anti­se­mi­tis­mus bei der Auto­rin zu schlie­ßen ist nicht bes­ser, als die 88 auf dem Num­mern­schild eines Karus­sell-Feu­er­wehr­au­tos zum Beleg für die Hit­leraf­fi­ni­tät des Schau­stel­lers zu neh­men. Wenn ich Anstand – wirk­li­chen, kei­ne poli­ti­cal cor­rect­ness! – bei Ande­ren ein­for­de­re, habe ich selbst in Vor­leis­tung zu gehen. Alter­na­tiv muss ich mei­ne Behaup­tung zwei­fels­frei bele­gen kön­nen.

Also lösche ich die Tweets. Ich bin es mir schul­dig.

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