The most important science-fiction writer you’ve never heard of. Eine Rezension.

Gute Sci­ence-Fic­tion erahnt zukünf­ti­ge Ent­wick­lun­gen in Gesell­schaft und Tech­nik. Sehr gute Sci­ence-Fic­tion klei­det die kri­tisch rezi­pier­te Ahnung in ein lite­ra­ri­sches Gewand. Exzel­len­te Sci­ence-Fic­tion tut all das, und mehr, sie ist noch nach Jahr­zehn­ten von beklem­men­der Aktua­li­tät. Rapha­el Aloy­si­us Laf­fer­tys »Astro­be, der gol­de­ne Pla­net«, erst­mals 1968 bei Ace Books in New York erschie­nen, zählt zum Bes­ten, was die exzel­len­te Sci­ence Fic­tion zu bie­ten hat.

Es ist 5 nach 12. Das wahr gewor­de­ne Uto­pia, die drit­te Chan­ce der Mensch­heit, hat ein Pro­blem. Sei­ne Zivi­li­sa­ti­on stirbt. Anstatt die Wohl­ta­ten des gol­de­nen Astro­bes zu genie­ßen, wen­den sich die Men­schen ab. Dem unge­trüb­ten Leben im sor­gen­frei­en Luxus zie­hen sie eine Exis­tenz in Not und Elend vor, kurz, schmerz­lich, vol­ler Lei­den, doch selbst­be­stimmt und frei.

The Realm of Rane, by Jero­en van Val­ken­burg.
The shapes they take are both objec­tive and sub­jec­tive. One can shape them a litt­le with one’s own mind.

Unfä­hig, die Lösung selbst zu fin­den, suchen Cos­mos King­ma­ker, Peter Proc­tor und Fabi­an Fore­man, die drei mäch­tigs­ten Män­ner Astro­bes, nach dem neu­en Welt­prä­si­den­ten, der die Krank­heit der Welt dia­gnos­ti­zie­ren und hei­len soll. Sie trach­ten nach einem gro­ßen Mann, der doch nur Sym­bol sein soll. Unbarm­her­zig ver­folgt von den mecha­ni­schen Wäch­tern des Astro­bi­schen Traums, die in Fore­man eine Gefahr sehen, eini­gen sie sich auf einen Kan­di­da­ten aus der Ver­gan­gen­heit der Erde, einen, der einen ein­zi­gen, völ­lig auf­rich­ti­gen und ehren­haf­ten Moment kurz vor sei­nem Ende hat­te: Tho­mas Morus.

Irgend­wann um 1534 holt ein Bote den geis­ti­gen Schöp­fer Uto­pi­as aus sei­nem Haus in Chel­sea ab und bringt ihn in die Welt, die sei­ner Idee so nahe kommt wie kei­ne bis­her von Men­schen geschaf­fe­ne. Und nach einem ful­mi­nan­ten Ein­stieg, der den Leser schon nach den ers­ten Sei­ten atem­los und über­wäl­tigt sich die Augen vor Erstau­nen rei­ben lässt, beginnt eine sur­rea­le Irr­fahrt, die Tho­mas Morus um den hal­ben Pla­ne­ten führt, von der über­ir­di­schen Haupt­stadt Cos­mo­po­lis durch die zivi­li­sier­ten Gebie­te, von den wil­den Regio­nen hin zu den archai­schen Sied­lun­gen Cathead und Bar­rio, in denen die sie­deln, die des gol­de­nen Trau­mes über­drüs­sig gewor­den sind.

Auf der Suche nach der Krank­heit Astro­bes begeg­net Tho­mas skur­ri­len Men­schen, Wesen und Mythen, die ihn mehr ver­wir­ren als unter­schüt­zen, doch oft­mals das Leben ret­ten. Wann immer er glaubt, das Wesen Astro­bes erkannt und die Kur für die Krank­heit gefun­den zu haben, eröff­net sich ihm ein neu­er Aspekt, der sei­ne gewon­ne­ne Gewiss­heit zunich­te macht. Stets mani­pu­lie­ren ihn die Gro­ßen Drei, doch gefähr­li­cher als sie ist der Feind, der das gesam­te mensch­li­che Astro­be ver­nich­ten will.

Ihre beklem­men­de Aktua­li­tät gewinnt die Geschich­te aus der Beschrei­bung der Astro­bi­schen Gesell­schaft: Hier die hoch­ste­hen­de Zivi­li­sa­ti­on, die als Preis für ihre Seg­nun­gen die Auf­he­bung von Indi­vi­dua­li­tät und Pri­vat­sphä­re for­dert. Gesin­nungs­tas­ter erken­nen Wil­len und Ernst­haf­tig­keit der Bür­ger, sie erset­zen die Stim­me bei der Wahl. All­raum­spä­her ermög­li­chen jedem jeder­zeit den Blick in die Woh­nung jedes Men­schen. Dort die Get­tos Cathead und Bar­ria. In einer früh­ka­pi­ta­lis­tisch anmu­ten­den Indus­trie­höl­le schuf­ten sich Men­schen unter lebens­feind­li­chen Umstän­den zu einem frü­hen Tod. Jeder­zeit könn­ten sie zurück in den Luxus Astro­bes, doch sie stel­len die Frei­heit ihrer Ent­schei­dung über alles. Die Kir­che hat ihren Glau­ben ver­ra­ten, wur­de bedeu­tungs­los, und ist vom Staat als folk­lo­ris­ti­sche Kurio­si­tät unter Schutz gestellt. Mecha­ni­sche Wesen, »pro­gram­mier­te Kil­ler«, ver­tei­di­gen den Astro­bi­schen Traum gegen jede Bedro­hung, doch ist nir­gends defi­niert, was genau den Traum ausmacht.

By S64 – Own work, CC BY 3.0, https://​com​mons​.wiki​me​dia​.org/​w​/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​?​c​u​r​i​d​=​1​3​1​9​526
The best time to wri­te a sto­ry is yes­ter­day. The next best time is today.

Par­al­le­len zur Gegen­wart drän­gen sich auf. Zum Insel­volk, das die gol­de­ne Ver­hei­ßung des Frie­dens­pro­jekts EU frei­wil­lig gegen eine unsi­che­re, aber selbst­be­stimm­te Zukunft ein­tauscht. Zu den Ame­ri­ka­nern, die den Seg­nun­gen von gren­zen­lo­ser Tole­ranz und Gen­der­toi­let­ten eine Abfuhr erteilt haben. Zum markt­ge­trie­be­nen Inter­net der Din­ge, das Men­schen ver­führt, für etwas Bequem­lich­keit ihre Pri­vat­heit zu opfern. Zur Evan­ge­li­schen Kir­che, die ihre Fei­ern zum Luther­jahr im Süd­pa­zi­fik mit einer Ablass­zah­lung für Umwelt­sün­den beginnt.

Im Buch­han­del ist Laf­fer­ty ver­grif­fen. Anti­qua­risch lässt sich der von Joa­chim Pen­te lie­be­voll aus dem Ame­ri­ka­ni­schen über­setz­te Roman ver­ein­zelt fin­den: Laf­fer­ty, R.A.: Astro­be, der gol­de­ne Pla­net. München/Zürich: Knaur, 1981

»The most important sci­ence-fic­tion wri­ter you’ve never heard of« nann­te David Bar­nett 2014 Laf­fe­ry im ›Guar­di­an«. Fast 50 Jah­re nach dem Erschei­nen sei­nes wich­tigs­ten Romans ist es Zeit, ihn wie­der wahrzunehmen.

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