huegelkinds Avatar

Es ist ein son­ni­ger Tag, der 3. Juni 2014. Um exakt 13:46:20 tref­fe ich SIE. Es ist der Beginn einer gro­ßen Lie­be, doch dass weiß ich zu die­sem Zeit­punkt noch nicht. In die­sem Moment erregt sie ledig­lich mein pro­fes­sio­nel­les Inter­es­se. Für ein Foto­pro­jekt bin ich auf der Suche nach Graf­fi­ti und Auf­kle­bern mit unge­wöhn­li­chen Aus­sa­gen. Am Senne­fried­hof vor­bei­fah­rend war sie mir tags zuvor auf­ge­fal­len, wie sie mir mit ihrem etwas ver­staub­ten Charme eines ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts von dem Ver­tei­ler­kas­ten zuzwin­ker­te, den sie seit kur­zem bewohn­te. Sofort war mir klar, ich wer­de sie mei­ner Samm­lung skur­ri­ler urba­ner Bot­schaf­ten ein­ver­lei­ben. So sit­ze ich also an die­sem strah­len­den Diens­tag auf dem Fahr­rad und ver­su­che mich zu erin­nern, wo genau ihre Adres­se ist. Es gelingt, in erstaun­lich kur­zer Zeit, und was mich meis­ten freut, sie ist zu Hau­se.

So hole ich die OM-D EM-5 aus dem Ruck­sack, neh­me den Objek­tiv­de­ckel vom Pana­so­nic Lumix G 20/F1.7 II (eine nied­li­che Optik mit wun­der­ba­rer Abbil­dungs­qua­li­tät, ein Traum für klas­si­sche Street-Foto­gra­fie ohne Schnick und Schnack!), und nach kur­zem Small­talk wirft sie sich für mich in Pose. Als Model ist sie pro­fes­sio­nell, und so habe ich schnell alle Takes. Unge­schminkt und unge­schönt prä­sen­tiert sie sich so:

Zum ers­tem Mal begin­ne ich, ihre Qua­li­tä­ten wahr­zu­neh­men. Die klas­si­sche Stirn, der Schwung der Brau­en, ihr Blick und natür­lich ihr las­ziv leicht geöff­ne­ter Mund, der das spöt­tisch-distan­zier­te Lächeln nicht ver­ber­gen kann. Ein wenig erin­nert sie mich an klas­si­sche Schön­hei­ten aus den 60ern, wie sie Roy Lich­ten­stein skiz­ziert hat.

Masterpiece, Roy Lichtenstein, 1962

Mas­ter­pie­ce, Roy Lich­ten­stein, 1962. Flickr, by things­wor­th­de­scribing

Wie­der daheim, ich sehe mir die foto­gra­fi­sche Aus­beu­te des Tages an, begin­ne ich das ers­te mal dar­über nach­zu­den­ken, was ich mit der Schön­heit anfan­gen wer­de, die ich mit in mein Heim genom­men habe. Beru­hi­gend ist ja, die bes­te Lebens­ge­fähr­tin von allen hat kei­ner­lei Grund, eifer­süch­tig zu wer­den. Ers­tens ist SIE nicht real, zwei­tens ist ihr rea­les Vor­bild ver­mut­lich tot oder in einem Alter, das mir nur Raum für eine pla­to­ni­sche Lie­be lie­ße.

Wel­che Fas­zi­na­ti­on tote Frau­en auf leben­de Män­ner aus­üben, erklärt musi­ka­lisch wert­voll »Wel­le: Erd­ball«

Wie es im Leben nun mal so ist, nach der ers­ten Eupho­rie kühlt die Begeis­te­rung ab. Die Foto­aus­stel­lung »Urba­ne Bot­schaf­ten« nimmt Gestalt an und hue­gel­kinds Inter­net­prä­senz schmückt sich mit einem Slo­gan, der sel­ten schö­ner prä­sen­tiert wur­de als so:

Doch dann, im Sep­tem­ber 2015, beginnt mei­ne Lei­den­schaft für Twit­ter. Ein Pro­fil­bild muss her. Schließ­lich bin ich zwar das »gel­be vom Ei«, aber ich bin doch kein Ei. Da komm SIE mir in den Sinn. Sex sells, den­ke ich mir, und SIE ist ganz sicher um eini­ges attrak­ti­ver als ich. Wer will schon einen alten, wei­ßen, hete­ro­se­xu­el­len, katho­li­schen Mann auf einem Twit­ter-Pro­fil­bild?

Gesagt, getan. Flugs ist sie zurecht­ge­schnit­ten und pas­send ver­klei­nert. Seit­dem ziert sie mein Twit­ter­pro­fil und ist so sehr ein Teil von mir gewor­den, dass man­che mich hier als »Sehr geehr­te Frau Hügel­kind« anre­den, was die weib­li­che Sei­te mei­ner Per­sön­lich­keit doch erfreut. Im nächs­ten Leben, das habe ich beschlos­sen, kom­me ich als schö­ne Frau auf die Welt.

Seit Anfang des Jah­res ist sie auch Schutz­pa­tro­nin mei­nes Blogs. Das Gel­be vom Ei bin ich zwar immer noch, aber das wis­sen schon alle, auf die es ankommt. Beson­ders beto­nen muss ich es nicht mehr.

Jetzt fehlt Ihr nur noch ein Name. Nach reif­li­cher Über­le­gung habe ich mich ent­schlos­sen, sie Bar­ba­ra zu nen­nen. Ähn­lich­kei­ten mit leben­den oder toten Bar­ba­ras sind rein zufäl­lig. War­um Bar­ba­ra? Das erklärt ver­schmitzt der gro­ße, unver­ges­se­ne Georg Kreis­ler.

So, jetzt wis­sen Sie Bescheid. Machen Sie was draus. Ich kann mich nicht um alles küm­mern.

PS Ihren Ver­tei­ler­kas­ten muss­te Bar­ba­ra lei­der räu­men. Als ich jüngst an ihrer Stras­se ent­lang­fuhr, war kei­ne Spur mehr von ihr zu sehen. Falls Sie wis­sen, wo sie heu­te wohnt, hin­ter­las­sen Sie doch bit­te eine Nach­richt …

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