Wir müssen uns Martin von Tours als pragmatischen Menschen vorstellen

An einem Win­ter­tag, um 334 nach Chris­tus, im damals heid­ni­schen Ami­ens, traf Mar­ti­nus, Offi­zier der kai­ser­li­chen Gar­de, auf einen höchst unzu­rei­chend beklei­de­ten Bett­ler. Er teil­te sei­nen Man­tel mit der schar­fen Klin­ge sei­ne Schwer­tes in zwei Tei­le und bedeck­te mit der einen Hälf­te den Armen. Wir dür­fen getrost davon aus­ge­hen, dass er ihn damit vor dem unmit­tel­ba­ren Käl­te­tod bewahrt hat.

unbe­kann­ter Künst­ler; foto­gra­fiert von Sebas­ti­an Sig­ler – Archiv Sebas­ti­an Sig­ler

Mar­ti­nus, zu die­ser Zeit noch kein Christ, han­del­te nach den Wor­ten Jesu ( Mat­thä­us 25,36 – »Ich bin nackt gewe­sen und ihr habt mich geklei­det« und Mat­thä­us 25,40 »Was ihr getan habt einem von die­sen mei­nen gerings­ten Brü­dern, das habt ihr mir getan.«). Sei­ne selbst­lo­se Tat hat ihn in die ers­te Rie­ge der katho­li­schen Hei­li­gen kata­pul­tiert.

War­um eigent­lich?

Gemes­sen am Mer­kel­schen Impe­tus »Wir schaf­fen das!«, der in Wahr­heit eher ein brä­si­ges »Jetzt schafft das gefäl­ligst!« aus­drückt, war Mar­tins Gabe beschei­den: Ein hal­ber Man­tel. Als Gar­de­of­fi­zier dürf­te er zumin­dest ein hal­bes Dut­zend die­ser Klei­dungs­stü­cke beses­sen haben. Die Ent­fer­nung vom Stadt­tor zu sei­nem Haus dürf­te – es ist nicht über­lie­fert, ob er stadt­ein- oder stadt­aus ritt – zumal zu Pfer­de über­schau­bar gewe­sen sein. Es hät­te also nichts dage­gen gespro­chen, dem Bett­ler den gan­zen Man­tel zu über­las­sen und ihn dar­über hin­aus in die eige­ne Woh­nung mit heim­zu­neh­men und ihn auf inde­fi­ni­te Zeit zu beher­ber­gen und zu ver­kös­ti­gen.

All das tat Mar­ti­nus nicht. Er han­del­te über­aus prag­ma­tisch. Er teil­te in kal­ter Nacht sei­nen Man­tel und behielt eine Hälf­te für sich, nicht etwa, um nicht selbst zu erfrie­ren, son­dern ein­fach nur, um nicht zu frie­ren. Er half dem Frem­den in sei­ner unmit­tel­ba­ren Not, aber er tat nicht mehr als das, was in die­sem Augen­blick nötig, rich­tig und gebo­ten war. Er half, aber er über­nahm kei­ne Ver­ant­wor­tung für den Bett­ler. Nega­tiv betrach­tet muss man einen ekla­tan­ten Man­gel an Für­sor­ge und Empa­thie kon­sta­tie­ren. Posi­tiv gese­hen war es Hil­fe zum Über­le­ben.

Die Katho­li­sche Kir­che ver­ehrt Mar­tin von Tours dafür als Hei­li­gen.

Eini­ge kur­ze Leh­ren aus der Geschich­te:

  • Selbst­lo­se Hil­fe ist die authen­tischs­te Form der Nächs­ten­lie­be.
  • Selbst­lo­sig­keit heißt nicht Selbst­auf­op­fe­rung
  • Prag­ma­tis­mus im Han­deln schmä­lert nicht das Ver­dienst um die Mit­men­schen.

»Wir schaf­fen das« um den Preis des Zer­falls der Gesell­schaft in immer klei­ne­re Inter­es­sen­grup­pen, um den Preis des Ver­lus­tes an Wohl­stand, der uns über­haupt erst zur Hil­fe für Ande­re befä­higt, um den Preis der Zunah­me an archai­scher, von kei­nem men­schen­lie­ben­den Glau­ben gezü­gel­ter Gewalt ist nicht christ­lich, nur dumm. St. Mar­tin hät­te wohl den Kopf geschüt­telt.

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