#MeToo – ein hinterhältiger Trick, und wie man ihn überlisten kann

Sexis­mus ist, wenn Betroffene/r es so emp­fin­det. Eigent­lich Easy. Sagt die Tages­spie­gel-Redak­teu­rin Lau­ra Hof­mann am 17. Okto­ber 2017 auf Twit­ter.

Sie macht es sich leicht. Easy halt, in die­sem schreck­li­chen Denglish, das ein­fach nicht tot­zu­krie­gen ist. Zu leicht, wie ich fin­de. Viel­leicht begin­ne ich auch des­halb mei­ne Kri­tik ein wenig über­spitzt.

Was für ein Irr­sinn! Wie kann ein Mensch wis­sen, wel­che sei­ner Wor­te und Hand­lun­gen, wel­ches Nicht­sa­gen und Nicht­han­deln wel­che Emp­fin­dun­gen in sei­nem Gegen­über aus­lö­sen? Even­tu­ell, wie in der #MeToo-Debat­te, erst nach zwan­zig, drei­ßig oder noch mehr Jah­ren, wenn sich DIE Betrof­fe­nen – es sind in der Regel kei­ne Män­ner – einer gefühl­ten Krän­kung über­haupt erst bewusst wer­den, sie als sexis­tisch moti­viert ein­ord­nen? Wenn sie die (meist völ­lig ver­än­der­ten!) Maß­stä­be der Gegen­wart auf Ereig­nis­se einer fer­nen Ver­gan­gen­heit anwen­den? Wenn sie, dem Zeit­geist fol­gend, den bewuss­ten Ein­satz ihrer kör­per­li­chen Anzie­hungs­kraft zur För­de­rung ihrer Kar­rie­re im Nach­hin­ein zu einer erlit­te­nen Demü­ti­gung umdeu­ten?

Nein, die rea­le exis­tie­ren­de Aus­nut­zung ihrer Macht­po­si­ti­on durch real exis­tie­ren­de Film­pro­du­zen­ten, durch Män­ner in Macht­po­si­tio­nen über­haupt, will ich nicht klein­re­den. Ganz im Gegen­teil. Das ist ein Kapi­tel der Män­ner­ge­schich­te (und Gegen­wart!), in dem sich mein Geschlecht weiß Gott nicht mit Ruhm bekle­ckert hat. Ich will schlicht­weg dar­auf hin­wei­sen, dass dadurch das ande­re Extrem des sich »Hoch­schla­fens«, oder, all­ge­mei­ner, des ein­ver­nehm­li­chen Sex gegen Gefäl­lig­kei­ten wel­cher Art auch immer, dadurch nicht aus der Welt ver­schwin­det, und dass die nach­träg­li­che Umwid­mung von einem bewuss­ten, akti­ven Tun in das pas­si­ve Erlei­den einer schein­bar sys­tem­im­ma­nen­ten Demü­ti­gung der Sache der selbst­be­wuss­ten, eman­zi­pier­ten Frau einen Bären­dienst erweist. Weil es ihre Glaub­wür­dig­keit unter­mi­niert. Bes­ser, als es jede Mas­ku­lis­ten­pro­pa­gan­da je ver­moch­te.

Lau­ra Him­mel­reichs pünkt­lich zur Bun­des­tags­wahl 2013 insze­nier­ter #Auf­schrei mag als War­nung die­nen. Vor­geb­lich von der Netz­fe­mi­nis­tin Anne Wizo­rek ins Leben ins Leben geru­fen, um All­tags­se­xis­mus sicht­bar zu machen, ver­nich­te­te die Kam­pa­gne die poli­ti­sche Kar­rie­re Rai­ner Brü­der­les voll­stän­dig, bescher­te der FDP erd­rutsch­ar­ti­ge Stimm­ver­lus­te von 9,8 Pro­zent­punk­ten gegen­über der Bun­des­tags­wahl 2009 und ließ sie letzt­lich an der 5%-Hürde schei­tern. Zieht man dazu noch in Betracht, dass Fr. Him­mel­reich sage und schrei­be ein gan­zes Jahr brauch­te, um sich von dem Schock des miss­glück­ten Kom­pli­ments zu erho­len und das Trau­ma des sexis­ti­schen Über­griffs zu ver­ar­bei­ten, bevor sie mit tat­kräf­ti­ger Unter­stüt­zung zum Gegen­schlag aus­hol­te, fällt es schwer, die Exis­tenz einer »hid­den agen­da« hin­ter dem so genann­ten #Auf­schrei zu negie­ren. Der bedau­erns­wer­te Prot­ago­nist Brü­der­le war ohne Chan­ce. Ankla­ge, Ver­fah­ren, Schuld­spruch und Stra­fe waren eins. Es gab kei­ne Ver­tei­di­gung, es gab kei­ne Beru­fungs­in­stanz. Das Spiel war abge­kar­tet, und es war schmut­zig.

Die Rezep­ti­on der Kam­pa­gne war ent­spre­chend unein­deu­tig. Man darf heu­te getrost kon­sta­tie­ren, dass weder Frau Him­mel­reich, noch Frau Wizo­rek, außer­halb ihrer Sze­ne eine nen­nens­wer­te Repu­ta­ti­on als Ver­tre­te­rin­nen berech­tig­ter Anlie­gen der gro­ßen Mehr­heit der Frau­en genie­ßen. Der #Auf­schrei ist so tot wie ein Raphus cucul­la­tus, vul­go Dodo. Fast genau so tot ist die Glaub­wür­dig­keit des Netz­fe­mi­nis­mus.

Wer­fen wir einen Blick auf die trau­ri­gen Res­te des Netz­fe­mi­nis­mus und sei­ne Metho­den, drän­gen sich Ver­glei­che mit einer der gro­ßen, lei­der fast ver­ges­se­nen Gro­tes­ke der Welt­li­te­ra­tur und der Kine­ma­to­gra­phie auf. Die Älte­ren unter uns ent­sin­nen sich an Joseph Hel­lers gran­dio­sen Roman Catch 22 aus dem Jahr 1961, und an die kon­ge­nia­le Ver­fil­mung durch Mike Nichols (mit Alan Arkin in der Haupt­rol­le) von 1970. Catch-22 ist der hin­ter­häl­ti­ge Trick eines absur­den Sys­tems (ver­kör­pert durch die US-Army Air­force und ihre ver­rück­ten Stabs­of­fi­zie­re), den Ein­zel­nen (ver­kör­pert durch den geis­tig gesun­den [Cap­tain] Yossa­ri­an) immer als Ver­lie­rer daste­hen zu las­sen (Wiki­pe­dia).

Die Par­al­le­len zur Gegen­wart sind unüber­seh­bar.

Die #MeToo-Debat­te ist der hin­ter­häl­ti­ge Trick eines absur­den Sys­tems (ver­kör­pert durch den #Netz­fe­mi­nis­mus und ihre ver­rück­ten Protagonist_innen), den Ein­zel­nen (ver­kör­pert durch alle geis­tig gesun­den (hete­ro­se­xu­el­len cis-) Män­ner) immer als Ver­lie­rer daste­hen zu las­sen.

Die Doku­men­ta­ti­on des rea­len Catch 22 durch den Twit­ter­kol­le­ge @_StultaMundi zieht in ihrer gro­tes­ken Absur­di­tät mit Leich­tig­keit an Hel­lers his­to­risch-fik­tio­na­len Vor­la­ge vor­bei:

Fazit: Wie mann es auch macht, mann macht es ver­kehrt. Es ist sicher kein Aus­druck ver­schwö­rungs­theo­re­ti­schen Den­kens, hin­ter der Kam­pa­gne mit ihren wider­sprüch­li­chen Aus­sa­gen Metho­de zu ver­mu­ten. Geht es doch der Bewe­gung um das Errei­chen ihrer kodi­fi­zier­ten Zie­le und ihrer hid­den agen­da:

  • Dekon­struk­ti­on patri­ar­cha­ler Ver­hält­nis­se, was immer sich im Jah­re des Herrn (Oops, blö­des Wort­spiel!) 2018 tat­säch­lich hin­ter dem Schlag­wort ver­ber­gen mag
  • Auf­bruch von Macht­struk­tu­ren, ob her­bei­fan­ta­sier­ten oder tat­säch­lich vor­han­de­nen, sei ein­mal dahin­ge­stellt.
  • Auf­bau eige­ner Macht­struk­tu­ren. Wer jeder­zeit jeden belie­bi­gen Mann durch den nicht beweis­pflich­ti­gen Vor­wurf einer gefühl­ten Beläs­ti­gung aus Beruf und Gesell­schaft her­aus­ke­geln kann, besitzt umfas­sen­de Macht. „Belie­ve the vic­tim“ heißt eben im Umkehr­schluss „dis­be­lie­ve the accu­sed”, bedeu­tet eben nichts ande­res als die Schlei­fung des ele­men­ta­ren rechts­staat­li­chen Prin­zips der Unschulds­ver­mu­tung. Ver­dacht = Ankla­ge = Schuld­spruch = Urteil = Stra­fe. Catch-22.

Es ist an der Zeit, die unse­li­ge Debat­te vom Kopf zurück auf die Füße zu stel­len. Ich habe dazu – als juris­ti­scher Laie, nota bene! – recher­chiert, ob und wie uns das geschrie­be­ne Recht in Deutsch­land Ori­en­tie­rung bei der Bewer­tung und Ahn­dung sexis­ti­scher Über­grif­fe geben kann. Jeder Über­griff ist genau einer zu viel. Gera­de dar­um darf die wirk­li­che Tat nicht in der Flut klein­li­cher Befind­lich­kei­ten von Men­schen unter­ge­hen, deren See­len für ein Bestehen in der rea­len Welt viel zu fein jus­tiert sind. Fün­dig gewor­den bin ich im Straf­recht, beim Tat­be­stand der Bedro­hung. Auch, und viel­leicht sogar, weil längst nicht alle sexis­ti­schen Über­grif­fe straf­wür­dig sind, bie­tet der §241 mit­samt sei­ner ein­schlä­gi­gen Kom­men­tie­rung und regel­mä­ßi­gen Anwen­dung wert­vol­le Ori­en­tie­rung.

Nun ist die Bedro­hung ein lei­der häu­fi­ges und in der Rea­li­tät wesent­lich unan­ge­neh­me­res Delikt als das unter her­ab­las­sen­der Männ­lich­keit auf­ge­dräng­te unauf­ge­for­der­te aus-dem-Man­tel-hel­fen oder gar Tür­auf­hal­ten. Wie also kann ein Para­graph des Straf­rechts hier Hand­rei­chung sein? Schau­en wir ihn uns ein­mal näher an:

§ 241 StGB, Bedro­hung
(1) Wer einen Men­schen mit der Bege­hung eines gegen ihn oder eine ihm nahe­ste­hen­de Per­son gerich­te­ten Ver­bre­chens bedroht, wird mit Frei­heits­stra­fe bis zu einem Jahr oder mit Geld­stra­fe bestraft.
(2) Eben­so wird bestraft, wer wider bes­se­res Wis­sen einem Men­schen vor­täuscht, daß die Ver­wirk­li­chung eines gegen ihn oder eine ihm nahe­ste­hen­de Per­son gerich­te­ten Ver­bre­chens bevor­ste­he.

Greif­bar wird der Wert der Anre­gun­gen des §241 mit der Erläu­te­rung durch den fach­lich kom­pe­ten­ten Anwalt. So schreibt Rechts­an­walt Stef­fen Diet­rich auf straf​rechts​blog​ger​.de dazu:

Die Dro­hung muss objek­tiv dazu geeig­net sein, den Ein­druck der Ernst­lich­keit zu erwe­cken. Dies ist der Fall, wenn die Dro­hung einen nor­mal emp­fin­den­den Men­schen ernst­lich beun­ru­hi­gen kann. Ob der Adres­sat die Dro­hung hin­ge­gen wirk­lich ernst nimmt, spielt kei­ne Rol­le. Regel­mä­ßig wird es jedoch an dem Ein­druck der Ernst­lich­keit feh­len, wenn der Erklä­ren­de schlicht­weg auf­ge­bracht war und in einer sol­chen Situa­ti­on droht. Hier spricht man ledig­lich von einer blo­ßen Ver­wün­schung oder Beschimp­fung. Uner­heb­lich ist, ob der Täter die Tat aus­füh­ren kann oder will. Die Bedro­hung kann grund­sätz­lich durch ein aus­drück­li­ches Ver­hal­ten, aber auch kon­klu­dent, etwa durch einen Schreck­schuss, erfol­gen. Ent­schei­dend ist, dass mit einem Ver­bre­chen gedroht wird.

Jetzt trans­fe­rie­ren wir die­se Vor­aus­set­zung zur Straf­wür­dig­keit der Bedro­hung auf den

§218 StGB, Sexu­el­le Beläs­ti­gung und öffent­li­che geschlecht­li­che Hand­lun­gen
1) Wer eine Per­son durch eine geschlecht­li­che Hand­lung
1. an ihr oder
2. vor ihr unter Umstän­den, unter denen dies geeig­net ist, berech­tig­tes Ärger­nis zu erre­gen,
beläs­tigt, ist, wenn die Tat nicht nach einer ande­ren Bestim­mung mit stren­ge­rer Stra­fe bedroht ist, mit Frei­heits­stra­fe bis zu sechs Mona­ten oder mit Geld­stra­fe bis zu 360 Tages­sät­zen zu bestra­fen.
(1a) Nach Abs. 1 ist auch zu bestra­fen, wer eine ande­re Per­son durch eine inten­si­ve Berüh­rung einer der Geschlechts­sphä­re zuzu­ord­nen­den Kör­per­stel­le in ihrer Wür­de ver­letzt.
(2) Eben­so ist zu bestra­fen, wer öffent­lich und unter Umstän­den, unter denen sein Ver­hal­ten geeig­net ist, durch unmit­tel­ba­re Wahr­neh­mung berech­tig­tes Ärger­nis zu erre­gen, eine geschlecht­li­che Hand­lung vor­nimmt.
(2a) Wer wis­sent­lich an einer Zusam­men­kunft meh­re­rer Men­schen teil­nimmt, die dar­auf abzielt, dass eine sexu­el­le Beläs­ti­gung nach Abs. 1 Z 1 oder Abs. 1a began­gen wer­de, ist, wenn es zu einer sol­chen Tat gekom­men ist, mit Frei­heits­stra­fe bis zu einem Jahr oder mit Geld­stra­fe bis zu 720 Tages­sät­zen zu bestra­fen.

(2b) Wer eine sexu­el­le Beläs­ti­gung nach Abs. 1 Z 1 oder Abs. 1a mit min­des­tens einer wei­te­ren Per­son in ver­ab­re­de­ter Ver­bin­dung begeht, ist mit Frei­heits­stra­fe bis zu zwei Jah­ren zu bestra­fen.

(3) Im Fal­le der Abs. 1 und 1a ist der Täter nur mit Ermäch­ti­gung der ver­letz­ten Per­son zu ver­fol­gen.

Bezo­gen auf die Zif­fern 1 und 1(a) müss­te also ledig­lich gel­ten:

Die Hand­lung muss objek­tiv dazu geeig­net sein, den Ein­druck der Ernst­lich­keit zu erwe­cken. Dies ist der Fall, wenn die Hand­lung einen nor­mal emp­fin­den­den Men­schen ernst­lich in sei­ner Wür­de ver­let­zen kann. Die Hand­lung kann grund­sätz­lich durch ein aus­drück­li­ches Ver­hal­ten, aber auch kon­klu­dent, etwa durch einen Griff an Busen, Po oder Intim­be­reich, erfol­gen. Ent­schei­dend ist, dass mit der Absicht sexu­el­ler Demü­ti­gung gehan­delt wird.

Schon wäre die Kuh vom Eis. So easy ist das.

And now I decla­re the dis­cus­sion open.

Mon­tag, 22.1.2018, 19:09: Adden­dum. Manch­mal steckt man so fest im eige­nen Gedan­ken­ge­fü­ge, dass man gar nicht merkt, kurz vor dem Ziel ste­hen­ge­blie­ben zu sein:

Natür­lich muss die­se Defi­ni­ti­on auf j e d e n Vor­wurf des Sexis­mus ange­wen­det wer­den, um die Kuh vom Eis zu bekom­men. Hät­te man gleich von Anfang an die­sen Maß­stab ange­legt, Frau Him­mel­reich wäre auf­recht mit Hut unter der Sexis­mus-Lat­te (schon wie­der so ein blö­des Wort­spiel!) hin­durch­mar­schiert, ohne sie auch nur zu berüh­ren. Statt eines #Auf­schreis hät­ten wir ein ver­schäm­tes Hüs­teln ver­nom­men, die FDP wäre im Bun­des­tag geblie­ben, und wer weiß, ob Frau #Mer­kel in einer schwarz-gel­ben Koali­ti­on ohne Par­la­ments­be­schluss die Gren­zen hät­te öff­nen kön­nen.

Stoff für einen Roman einer alter­na­ti­ven, und viel­leicht bes­se­ren Rea­li­tät. Aber wer schreibt sowas schon.

 

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