Islam und Pekingopern

Twit­ter führt mich zum Face­book-Ein­tra­ges eines Debat­ten­teil­neh­mers, der sich offen­kun­dig bemü­ßigt fühlt, See­ho­fers Aus­sa­ge, der Islam gehö­re nicht zu Deutsch­land, etwas ent­ge­gen­zu­set­zen. Ich belas­se den Urhe­ber im Schutz der Anony­mi­tät. War­um? Nun, las­sen wir ihn ein­fach für sich selbst spre­chen.

Noch ein­mal zum Islam. Wenn er nicht zu Deutsch­land gehört, müss­ten kon­se­quen­ter­wei­se die Mosche­en geschlos­sen und die Reli­gi­ons­aus­übung ver­bo­ten wer­den. Was unse­re Ver­fas­sung jedoch expli­zit aus­schließt. Also ist das Gere­de von CSU und AfD nichts als eine bewuss­te Stim­mungs­ma­che gegen­über fast fünf Mil­lio­nen unse­rer Mit­bür­ger, vie­le davon mit deut­schem Pass. Ja es ist rich­tig. Im Koran steht auch viel Unfug. Dass ist bei der Bibel aber auch der Fall. Mei­ne drin­gen­de Bit­te an die CSU daher, stellt bit­te end­lich mal wirk­lich drin­gen­den The­men in den Focus, zB Alters­ar­mut in Bal­lungs­räu­men, Pfle­ge­not­stand, bezahl­ba­re Mie­ten, Digi­ta­li­sie­rung.…

Unsinn, Dumm­heit oder Bös­ar­tig­keit? Wohl eine toxi­sche Mischung aus allem, gepaart mit grob fahr­läs­si­ger Igno­ranz und einem guten Schuss poli­ti­cal cor­rect­ness. Schließ­lich bren­nen, laut Aiman Mazy­ek, wie­der Mosche­en. Tali­ban, Boko Haram oder Isis sei­en, so Rupert Neu­deck, nicht etwa »radi­kal isla­misch«, son­dern Ver­bre­cher, und sie müs­sen Ver­bre­cher oder Ter­ro­ris­ten genannt wer­den.« Ange­sichts sol­cher Sprach­re­ge­lun­gen kann, darf und will man sich nicht dem Vor­wurf der »Isla­mo­pho­bie« aus­set­zen.

Kom­men wir zur ers­ten Aus­sa­ge.

Wenn er nicht zu Deutsch­land gehört, müss­ten kon­se­quen­ter­wei­se die Mosche­en geschlos­sen und die Reli­gi­ons­aus­übung ver­bo­ten wer­den.

Da ist nicht ein­mal das Gegen­teil rich­tig. Peking-Opern gehö­ren auch nicht zu Deutsch­land. Trotz­dem fin­det sich kein ver­nünf­ti­ger Mensch, der die Auf­füh­rung von Peking-Opern auf deut­schem Boden ver­bie­ten woll­te. Wie auch. Es gibt schlicht kei­ne Rechts­grund­la­ge, nicht zu unse­rer His­to­rie gehö­ri­gen Kul­tur­gü­ter aus Deutsch­land zu ver­ban­nen. Selbst der rechts­äu­ßers­te AfD-Ver­tre­ter wäre ob einer der­ar­ti­gen For­de­rung ent­setzt. (Dass er, eben­so wie der Ver­fas­ser die­ser Zei­len, auf den Besuch einer Peking-Oper eher ver­zich­ten wür­de, steht auf einem ande­ren Blatt).

Etwas ande­res ist das Schlie­ßen von Mosche­en. Ohne Jurist zu sein wage ich die Behaup­tung, dass eine Moschee sehr wohl geschlos­sen wer­den kann, wenn von dort aus eine Gefahr für die öffent­li­che Sicher­heit aus­geht. Die Schlie­ßung der Tai­ba-Moschee im Ham­bur­ger Stadt­teil St. Georg im August 2010 mag dafür die Blau­pau­se abge­ben.

Ein gene­rel­les Ver­bot der Reli­gi­ons­aus­übung ist natür­lich ver­fas­sungs­recht­lich undenk­bar. Das Grund­ge­setz spricht hier eine kla­re Spra­che:

Arti­kel 4 Grund­ge­setz

(1) Die Frei­heit des Glau­bens, des Gewis­sens und die Frei­heit des reli­giö­sen und welt­an­schau­li­chen Bekennt­nis­ses sind unver­letz­lich.

(2) Die unge­stör­te Reli­gi­ons­aus­übung wird gewähr­leis­tet.

Aller­dings gibt es bei nähe­rer Betrach­tung sehr wohl Hand­lungs­op­tio­nen, die Teil­men­gen der Reli­gi­on betref­fen: Wenn es sich bei den betref­fen­den Glau­bens­ge­mein­schaf­ten eben nicht um eine Reli­gi­on han­delt, son­dern um Bünd­nis­se mit dem Ziel der Errin­gung der welt­li­chen Herr­schaft und der Instal­la­ti­on eines eige­nen Rechts- und Wer­te­sys­tems. Ein sol­che Bünd­nis könn­te sich kei­nes­falls auf die Frei­heit der Reli­gi­ons­aus­übung beru­fen. Die Hür­den für eine Aberken­nung des Reli­gi­ons­sta­tus lie­gen (zum Glück!) sehr hoch, aber dem Wah­a­bi­tis­mus und dem Sala­fis­mus dür­fen wir gute Chan­cen ein­räu­men, sie zu rei­ßen. Hin­ge­gen blie­ben Sufis und Ahma­diy­ya sicher unbe­hel­ligt (aller­dings wer­den sie von ortho­do­xen Gläu­bi­gen auch nicht als rich­ti­ge Mus­li­me aner­kannt).

Zusam­men­ge­fasst: Auch wenn der Islam genau­so­we­nig zu Deutsch­land gehört wie Peking-Opern, kann er in Deutsch­land blei­ben und in Mosche­en unge­stört aus­ge­übt wer­den. Solan­ge sich sei­ne Anhän­ger an Recht und Gesetz hal­ten. Die ers­te Aus­sa­ge ist also unsin­nig.

Kom­men wir zum 2. State­ment

Also ist das Gere­de von CSU und AfD nichts als eine bewuss­te Stim­mungs­ma­che gegen­über fast fünf Mil­lio­nen unse­rer Mit­bür­ger, vie­le davon mit deut­schem Pass.

Was hat der Pass damit zu tun? Rich­tig. Nichts. Dass der Islam nicht zu Deutsch­land gehört, ist zunächst ein­mal eine Tat­sa­chen­fest­stel­lung. Sie kann über­prüft wer­den. Die ers­te Moschee wur­de 1915 in Ber­lin-Wüns­dorf errich­tet, die ers­te isla­mi­sche Gemein­de 1922 in Ber­lin gegrün­det. Erst mit dem Anwer­be­ab­kom­men von 1961 ström­ten vor­wie­gend tür­ki­sche Mus­li­me in grö­ße­rer Zahl in die Bun­des­re­pu­blik. Ihr Lan­des­va­ter Ata­türk hat­te für den Islam nichts als herz­li­che Ver­ach­tung übrig gehabt. In der WELT vom 10.11.2013 lesen wir zum 75. Todes­tag des »Vaters aller Tür­ken« sei­ne Wor­te:

Der Islam gehört auf den Müll­hau­fen de Geschich­te. Die­se Got­tes­leh­re eines unmo­ra­li­schen Bedui­nen, ist ein ver­we­sen­der Kada­ver, der unser Leben ver­gif­tet.

Reli­gi­on spiel­te in die­sen ers­ten Jah­ren der Migra­ti­on kei­ne Rol­le. Erst mit der 3. Gene­ra­ti­on änder­te sich das, mehr oder weni­ger par­al­lel mit dem Auf­stieg Erdo­gans und der sei­ner streng reli­giö­sen AKP. Erst 2007 wur­de der Koor­di­na­ti­ons­rat der Mus­li­me (KRM) gegrün­det. Vor­her war den Gläu­bi­gen selbst augen­schein­lich die gemein­sa­me Ver­tre­tung ihrer reli­giö­sen Inter­es­sen weni­ger wich­tig.

Hin­ge­gen gehört seit dem frü­hen Mit­tel­al­ter der Abwehr­kampf gegen einen expan­si­ven Islam zur west­eu­ro­päi­schen His­to­rie, begin­nend im 8. Jahr­hun­dert, als die Frei­heit noch nicht am Hin­du­kush ver­tei­digt wur­de, son­dern in Gal­li­en, wo Karl Mar­tell mit sei­nen Fran­ken, unter­stützt von Lan­go­bar­den, Sach­sen und Frie­sen in der Schlacht von Tours und Poi­tiers im Okto­ber 732 die mus­li­mi­schen Mau­ren und Ara­ber unter Abd ar-Rah­man besieg­te. Den Rest ken­nen Sie aus der Geschichts­stun­de.

Nach ers­ter Inau­gen­schein­nah­me hal­ten wir fest: Wäh­rend der Kampf gegen den expan­si­ven Islam seit nahe­zu 1300 Jah­ren zu Deutsch­land und Euro­pa gehört, umfasst die Geschich­te des Islam in Deutsch­land gera­de gut 100 Jah­re. Erst in jüngs­ter Zeit ist das reli­giö­se Selbst­ver­ständ­nis in den mus­li­mi­schen Gemein­den gewach­sen. So rich­tig gehört der Islam also noch nicht dazu. Wir haben es also mit einer nicht ganz unbe­rech­tig­ten Fest­stel­lung zu tun, und nicht pri­mär mit »Stim­mungs­ma­che«.

Wich­ti­ger als die Fra­ge, ob der Islam zu Deutsch­land gehört, fän­de ich die­se Über­le­gun­gen:

  • Was muss der Islam tun, um in dem Deutsch­land hei­misch zu wer­den, in dem wir (noch) halb­wegs gut und ger­ne leben?
  • Wol­len sich die hier leben­den Mus­li­me in ein Deutsch­land mit sei­nen tra­dier­ten Nor­men und Ver­hal­tens­re­geln, sei­nem Rechts-, Wer­te- und Wirt­schafts­sys­tem, sei­ner west­li­chen und welt­li­chen Ori­en­tie­rung wirk­lich inte­grie­ren?
  • Wol­len wir, die wir schon etwas län­ger hier leben, wirk­lich eine Kon­ver­genz zwi­schen unse­rem und einem mus­li­misch gepräg­ten Gesell­schafts­sys­tem?

Damit zum Drit­ten:

Ja es ist rich­tig. Im Koran steht auch viel Unfug. Dass ist bei der Bibel aber auch der Fall.

Hier erhe­be ich Ankla­ge wegen grob fahr­läs­si­ger Igno­ranz und Reli­gi­ons­re­la­ti­vis­mus. Abge­se­hen davon, dass sich selbst mit böses­tem Wil­len kein ein­zi­ger Krieg aus dem (für uns Chris­ten maß­geb­li­chen) Neu­en Tes­ta­ment recht­fer­ti­gen lässt: Es gibt genau eine Stel­le in der Bibel, die den fun­da­men­ta­len Unter­schied zwi­schen Bibel und Koran belegt, Johan­nes 18,36.

Jesus ant­wor­te­te: Mein Reich ist nicht von die­ser Welt. Wäre mein Reich von die­ser Welt, mei­ne Die­ner wür­den kämp­fen, daß ich den Juden nicht über­ant­wor­tet wür­de; aber nun ist mein Reich nicht von dan­nen. (Luther­bi­bel, 1912)

Im Ange­sicht des Todes ver­zich­tet Jesus auf welt­li­chen Bei­stand und auf welt­li­che Macht. Jesus will nicht die Welt erobern, son­dern die Her­zen der Men­schen. Allah und Moham­med sind die Her­zen der Men­schen gleich­gül­tig. Sie ver­lan­gen Unter­wer­fung im Hier und Jetzt.

Nein, Bibel und Koran sind nicht gleich, und auch nicht gleich­wer­tig. 

Last but not least, zum Vier­ten.

Mei­ne drin­gen­de Bit­te an die CSU daher, stellt bit­te end­lich mal wirk­lich drin­gen­den The­men in den Focus, zB Alters­ar­mut in Bal­lungs­räu­men, Pfle­ge­not­stand, bezahl­ba­re Mie­ten, Digi­ta­li­sie­rung…

Ist das klei­ne Wunsch­kon­zert wirk­lich wich­ti­ger als sich mit einer müh­sam als Reli­gi­on mas­kier­ten Welt­er­obe­rungs­sek­te aus­ein­an­der­zu­set­zen, die ihren Fuß in unse­re Tür gesetzt hat, mit Macht in unse­re Gesell­schaft drängt und sie nach ihren Vor­stel­lun­gen umge­stal­ten will? Echt jetzt? Eines ist sicher, die 57 isla­mi­schen Län­der der Erde haben alle­samt ande­re Prio­ri­tä­ten. 

Und jetzt zurück zu den wirk­lich wich­ti­gen Din­gen des Lebens.

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