Kein Tag der Deutschen Einheit, nirgends

3. Okto­ber 2017. Kein Meer von deut­schen Fah­nen. Kei­ne Jubel­stim­mung. Kei­ne Fei­ern mit »nor­ma­len« Bür­gern. Kei­ne Ein­heit, nir­gends. Pres­se und Poli­tik, die spal­tet. Frau­en gegen Män­ner, West gegen Ost, hel­les, auf­ge­klär­te gegen dunk­les, abge­häng­tes Deutsch­land, 87% Anstän­di­ge gegen das Pack, klei­ne Grüpp­chen, die in aggres­si­ver Iden­ti­täts­po­li­tik eifer­süch­tig ihre Pri­vi­le­gi­en ver­tei­di­gen und neue Pfrün­de erobern. Ehe für alle, nicht der Ehe wegen, son­dern wegen des rau­schen­den Hoch­zeits­fes­tes, um dann die ehr­wür­di­ge, gesell­schaf­ter­hal­ten­de Insti­tu­ti­on radi­kal zu dekon­stru­ie­ren.

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Eine Frage des Anstands

Am 15. Janu­ar 2016 habe ich die­se Zei­len get­wit­tert. Heu­te möch­te ich Ihnen erzäh­len, war­um.

Alles beginnt mit einem Todes­fall. Es ist Frei­tag, der 13. Janu­ar, als Dr. Udo Ulfkot­te stirbt und mein Leben betritt. Vor­her, das muss ich zuge­ben, habe ich ihn nicht gekannt. Den Namen, klar, den hat­te ich gehört. Ulfkot­te, der abtrün­ni­ge FAZ-Jour­na­list, Star­au­tor des Kopp-Ver­lags, der Mann, der hin­ter dem Offen­sicht­li­chen das gro­ße Geheim­nis such­te, die Welt­ver­schwö­rung, einer der Stars der glo­ba­len Aluhut­trä­ger­ge­sell­schaft. Wann immer ich sei­nen Namen im Zusam­men­hang mit einer Ver­öf­fent­li­chung sehe, mache ich, dass ich weg­kom­me. Blät­tern Sie wei­ter, es gibt hier nichts zu lesen. Nur Ulfkot­te.

Jetzt ist er tot, und auf Twit­ter ist ein selt­sa­mes Schau­spiel zu beob­ach­ten: wild­frem­de Men­schen sen­den ihre Freu­de, ja, ihren Jubel über Ulfkot­tes Able­ben in die Welt hin­aus. Mit hämi­schen, bösen, geschmack­lo­sen Wor­ten. Die weit mehr als »klamm­heim­li­che Freu­de« erin­nert mich an den Göt­tin­ger »Mes­ca­le­ro«-Text »Buback – ein Nach­ruf« aus dem April 1977:

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Die Eliten schaffen sich ab

Aus der Erfahrung weiß man, daß die Güte der Truppen einzig und aein in dem Werte ihrer Offiziere beſtehe.

Fried­rich der Gro­ße

Es gibt keine leten Mannaen, Mara. Es gibt nur lete Offiziere.

Napo­le­on I. Bona­par­te

In Deutsch­land ist es anders. In Deutsch­land machen die Offi­zie­re kei­ne Feh­ler. Die Defi­zi­te lie­gen bei uns, den Mann­schaf­ten. Sagt Jas­per von Alten­bock­um, bei der FAZ ver­ant­wort­lich für die Innen­po­li­tik, am 31.12.2016 in sei­nem Kom­men­tar zum abge­lau­fe­nen Jahr. Schon beim Lesen der Ein­lei­tung reibt man sich ver­wun­dert die Augen:

Von der Sil­ves­ter­nacht in Köln bis zum Mas­sen­mord in Ber­lin: Es gibt kei­nen Grund, dem Hass­jahr 2016 hin­ter­her­zu­trau­ern. Doch wer ehr­lich ist, muss zuge­ben: Die grö­ße­ren Defi­zi­te lie­gen auf Sei­ten der Bür­ger – nicht der Poli­ti­ker.

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Die fetten Jahre sind vorbei

Die fetten Jahre sind vorbei
Im zwei­ten Spiel­film des öster­rei­chi­schen Regis­seurs Hans Wein­gart­ner bre­chen die Möch­te­gern-Revo­lu­tio­nä­re Jan (Dani­el Brühl) und Peter (Sti­pe Erceg) in bür­ger­li­che Vil­len ein. Statt etwas zu steh­len hin­ter­las­sen sie Bot­schaf­ten wie „Die fet­ten Jah­re sind vor­bei“ oder „Sie haben zu viel Geld. Die Erzie­hungs­be­rech­tig­ten“. Sie wol­len die Vil­len­be­sit­zer ver­un­si­chern. Das gelingt ihnen spie­lend.

Tho­mas Lin­de­mann ist der Erzie­hungs­be­rech­tig­te der FAZ. Er bricht in die Gedan­ken­ge­bäu­de der auto­chtho­nen Bevöl­ke­rung ein. Anstatt etwas zu steh­len, ver­rückt er die Wer­te und Nor­men der Eigen­tü­mer. Er will ver­un­si­chern. Das gelingt ihm spie­lend.

Auch das, so Lin­de­mann, sei Neu­kölln. Doch die Idyl­le trügt. Ein Klick auf das Bild führt zum Arti­kel der FAZ. Nach der Lek­tü­re ver­blieb bei mir erst ein­mal Rat­lo­sig­keit. Was genau ist das Modell, dass uns hier ver­kauft wer­den soll?

Ein FAZ-Autor zieht in Ber­lin um. Nichts unge­wöhn­li­ches, soll­te man glau­ben, wäre da nicht das Ziel. Neu­kölln. Und wäre da nicht die Wei­ge­rung des Autors, den Bezirk als das anzu­se­hen, was er ist: ein Pro­blem­be­zirk. Das wirk­li­che Pro­blem, belehrt uns der Erzie­hungs­be­rech­tig­te, ist die »tief sit­zen­de Lebens­lü­ge der libe­ra­len Mit­tel­schicht«:

Obwohl alle für die gute Sache sind, ergibt es sich wie durch ein Wun­der, dass die krea­ti­ve Bohe­me sich in Stadt­tei­len sam­melt, in denen Trin­ker, Hartz-IV-Emp­fän­ger und Aus­län­der eben kei­ne Rol­le spie­len. Ber­lin-Prenz­lau­er Berg ist, so pein­lich das klingt, prak­tisch genau das, was der rechts­ra­di­ka­le Kampf­be­griff „natio­nal befrei­te Zone“ meint.

Kein Pro­blem sind, so scheint es, die übri­gen Zustän­de. Wer­fen wir ein­mal einen Blick in den Sozi­al­be­richt 2016 des Bezirks Neu­kölln:

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Rote Karte: Weber, Weselsky und Merkel vom Platz!

Ich, das Volk, zei­ge in mei­ner Eigen­schaft als selbst­er­nann­ter Schieds­rich­ter im Spiel Deut­sche Bahn AG gegen die Gewerk­schaft der Loko­mo­tiv­füh­rer, zu Beginn der 9. Run­de wegen fort­ge­setz­ten Foul­spiels in Ver­bin­dung mit völ­li­ger Nicht­ein­sichts­fä­hig­keit, bei­den Kon­tra­hen­ten die rote Kar­te, eben­so der Ring­rich­te­rin Ange­la Mer­kel wegen vor­sätz­li­chem Nicht­ein­schrei­ten.

Platzverweis!

Rote_Karte

Jungs, run­ter vom Platz. Mädel, Du auch. Eure Fouls tref­fen nicht den Geg­ner, son­dern die Zuschau­er. Uns. Und ich bin es leid.

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Die Weselsky-Versteher, oder Grundrechte in Gefahr. Gehts nicht né Nummer kleiner?

Im »Stern« schreibt der Kolum­nist Micky Bei­sen­herz:

Viel wich­ti­ger aber: Das Streik­recht ist ein kost­ba­res Gut, eine wich­ti­ge zivi­li­sa­to­ri­sche Errun­gen­schaft, die es auch unter Schmer­zen zu schüt­zen gilt. In einem Land, das im Arbeits­nie­der­le­gungs-Index übri­gens ganz weit hin­ten liegt. Das in Erin­ne­rung zu rufen, fällt mir in einem 15 km Stau mor­gens auf der A1 aber nicht immer leicht, das gebe ich gern zu. Vor allem, wenn gera­de Nickel­back im Radio läuft.… ver­damm­ter Weselksy!

Micky ist wenigs­tens ehr­lich.

»Links sein muss man sich leis­ten kön­nen«

ver­kün­det Jan Fleisch­hau­er am Diens­tag etwas pro­vo­kant im Spie­gel.

»Der Klas­sen­kampf ist kei­ne Uto­pie, wenn der eine ein Haus besitzt, der ande­re hin­ge­gen nur die Tuber­ku­lo­se«, hat Maxim Gor­ki in sei­nem »Klim Sam­gin« geschrie­ben.«

kon­tert Jakob Aug­stein am heu­ti­gen Don­ners­tag nicht min­der pla­ka­tiv.

Wer hat nun recht?
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Alltagsbeobachtungen: Die Telefonvertragskündigung

Der Wech­sel von einer Tele­fon­ge­sell­schaft zur ande­ren ist manch­mal von klei­nen Hür­den erschwert. So auch die­ser. Vom Pre­paid zum Lauf­zeit­ver­trag. Mit Ruf­num­mern­mit­nah­me. Das »War­um« wol­len wir nicht beach­ten. Ich könn­te unfrei­wil­lig ohne mate­ri­el­le Gegen­leis­tung Wer­bung trei­ben, und das will ich nicht. Schließ­lich bin ich käuf­lich, und das ist auch gut so. Die Anbie­ter nen­nen wir Cong­star (»Du willst es. Du kriegst es.«), von dem ich weg will, und 1&1 (»Das 1&1 Prin­zip«), zu dem ich hin gehe. Der Pro­blem­bär ist, wär hät­te das gedacht, die Tele­kom-Toch­ter Cong­star (»Du willst es. Du kriegst es.«). Aber der Rei­he nach.

Vor den Wech­sel haben die Göt­ter die Kün­di­gung gesetzt. Das geht bei Cong­star (»Du willst es. Du kriegst es.«) recht ein­fach per Web-Kon­takt­for­mu­lar. War­um ich dort, obwohl ein­ge­loggt, alle mei­ne Daten (Name, Adres­se, Kun­den- und Tele­fon­num­mer) erneut ein­ge­ben muss, ist nur den all­mäch­ti­gen Pro­zess­de­si­gnern des Rosa Rie­sen ein­sich­tig. Mir nicht. Ers­ter Ärger baut sich auf.
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Alltagsbeobachtungen: Handymania im Fitnessstudio

Neu­lich im Fit­ness­stu­dio, genau­er, heu­te. Im Bie­le­fel­der FitX. Eine jun­ge Frau neben mir auf dem Cross­trai­ner. Ihr Tele­fon klin­gelt. Laut, was stört. Immer­hin, sie nimmt das Gespräch sehr schnell an, kein zwei­tes Klin­geln. Die Stö­rung war ja nur kurz, den­ke ich hoff­nungs­voll, jetzt wird sie bestimmt sagen, sie kann gera­de nicht spre­chen und wie­der auf­le­gen. Denks­te, zu früh gehofft. Sie beginnt zu reden. Und zu reden. Immer mehr Bruch­stü­cke ihrer Exis­tenz drin­gen unge­wollt an mein Ohr. Wür­de ich es wol­len, könn­te ich sie zusam­men­set­zen, Lücken mit begrün­de­ten Ver­mu­tun­gen oder (schmut­zi­gen) Fan­ta­si­en fül­len. Ich füh­le mich als unein­ge­la­de­ner Gast in ihrem Leben, emp­fin­de so etwas wie Scham.

Sie hin­ge­gen fühlt sich wie zu Hau­se. Unbe­drängt von stö­ren­dem Scham­ge­fühl oder Rück­sicht­nah­me auf die Mit­men­schen oder gar den alber­nen Regeln des Stu­di­os, die das Tele­fo­nie­ren im Trai­nings­be­reich genau­so strikt unter­sa­gen wie den Tabak­ge­nuss, ver­plau­dert sie Minu­te um Minu­te fröh­lich und unbe­küm­mert, nur um von Zeit zu Zeit dem ande­ren Ende der vir­tu­el­len Lei­tung mit­zu­tei­len, dass die­ses schlecht zu ver­ste­hen sei. Da stört wohl die all­ge­gen­wär­ti­ge Musik.
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