Die fetten Jahre sind vorbei

Die fetten Jahre sind vorbei
Im zwei­ten Spiel­film des öster­rei­chi­schen Regis­seurs Hans Wein­gart­ner bre­chen die Möch­te­gern-Revo­lu­tio­nä­re Jan (Dani­el Brühl) und Peter (Sti­pe Erceg) in bür­ger­li­che Vil­len ein. Statt etwas zu steh­len hin­ter­las­sen sie Bot­schaf­ten wie „Die fet­ten Jah­re sind vor­bei“ oder „Sie haben zu viel Geld. Die Erzie­hungs­be­rech­tig­ten“. Sie wol­len die Vil­len­be­sit­zer ver­un­si­chern. Das gelingt ihnen spie­lend.

Tho­mas Lin­de­mann ist der Erzie­hungs­be­rech­tig­te der FAZ. Er bricht in die Gedan­ken­ge­bäu­de der auto­chtho­nen Bevöl­ke­rung ein. Anstatt etwas zu steh­len, ver­rückt er die Wer­te und Nor­men der Eigen­tü­mer. Er will ver­un­si­chern. Das gelingt ihm spie­lend.

Auch das, so Lin­de­mann, sei Neu­kölln. Doch die Idyl­le trügt. Ein Klick auf das Bild führt zum Arti­kel der FAZ. Nach der Lek­tü­re ver­blieb bei mir erst ein­mal Rat­lo­sig­keit. Was genau ist das Modell, dass uns hier ver­kauft wer­den soll?

Ein FAZ-Autor zieht in Ber­lin um. Nichts unge­wöhn­li­ches, soll­te man glau­ben, wäre da nicht das Ziel. Neu­kölln. Und wäre da nicht die Wei­ge­rung des Autors, den Bezirk als das anzu­se­hen, was er ist: ein Pro­blem­be­zirk. Das wirk­li­che Pro­blem, belehrt uns der Erzie­hungs­be­rech­tig­te, ist die »tief sit­zen­de Lebens­lü­ge der libe­ra­len Mit­tel­schicht«:

Obwohl alle für die gute Sache sind, ergibt es sich wie durch ein Wun­der, dass die krea­ti­ve Bohe­me sich in Stadt­tei­len sam­melt, in denen Trin­ker, Hartz-IV-Emp­fän­ger und Aus­län­der eben kei­ne Rol­le spie­len. Ber­lin-Prenz­lau­er Berg ist, so pein­lich das klingt, prak­tisch genau das, was der rechts­ra­di­ka­le Kampf­be­griff „natio­nal befrei­te Zone“ meint.

Kein Pro­blem sind, so scheint es, die übri­gen Zustän­de. Wer­fen wir ein­mal einen Blick in den Sozi­al­be­richt 2016 des Bezirks Neu­kölln:

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It’s democracy, stupid! Part I

By Sven Teschke Ste­schke (Own work) [CC BY-SA 2.0 de (http://​crea​ti​ve​com​mons​.org/​l​i​c​e​n​s​e​s​/​b​y​-​s​a​/​2​.​0​/​d​e​/​d​e​e​d​.en)], via Wiki­me­dia Com­mons

Muss man die AfD ver­tei­di­gen? Bestimmt nicht. Die not­lei­den­de Demo­kra­tie aller­dings, die hat Für­spre­cher drin­gend nötig. Ein Bei­trag über das Demo­kra­tie­ver­ständ­nis von Tei­len der deut­schen Pres­se nach den Land­tags­wah­len 2016.

Er hat­te es fast geschafft. Bei­na­he hät­te Kai Diek­mann es geschafft, mich davon zu über­zeu­gen, dass die BILD eine Zei­tung sei und ihr Her­aus­ge­ber doch ein ernst­zu­neh­men­der Publi­zist. Heu­te, nach den Land­tags­wah­len 2016, ver­mag ich denen, die BILD und Herrn Diek­mann die­se Eigen­schaf­ten abspre­chen, nicht mehr über­zeu­gend zu wider­spre­chen. Scha­de, denn auf eine BILD mit pha­sen­wei­se erkenn­ba­rer Serio­si­tät hät­te ich mich gefreut.

Die ers­te Über­zeu­gung fiel mit der Flücht­lings­kri­se. Seit Sep­tem­ber 2015 ver­such­te die BILD, sich ihr Allein­stel­lungs­merk­mal durch die völ­lig kri­tik­lo­se Über­nah­me der Kanz­le­rin­po­si­ti­on zu ver­schaf­fen. Im Chor der Qua­li­täts­me­di­en, die das Hohe­lied der Vor­sit­zen­den der Ein­heits­re­gie­rung der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Bun­des­re­pu­blik san­gen, erhob sich die ehe­ma­li­ge Pro­jek­ti­ons­flä­che lin­ker Ver­ach­tung des Esta­blish­ments der alten Repu­blik zur ers­ten Stim­me der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Ein­heits­uni­on (CDUSPDGRÜNEFDP, in Tei­len auch DIELINKE) Deutsch­lands.

Die zwei­te Über­zeu­gung wur­de ges­tern, am 14.3.2016, pul­ve­ri­siert. Der Moment, in dem sich Herr Diek­mann zumin­dest vor­läu­fig aus der Gemein­schaft der zurech­nungs­fä­hi­gen Zei­tungs­ma­cher her­aus- und in die Umlauf­bahn der glo­ba­len Aluhut­ge­sell­schaft hin­ein­schoß, liegt jetzt, da die­se Zei­len ent­ste­hen, ca. 16 Stun­den zurück. Völ­lig unver­hoh­len stell­te der Her­aus­ge­ber, also der ers­te Mann der immer noch auf­la­gen­stärks­ten Zei­tung Deutsch­lands, die AfD mit der NSDAP gleich.

Quelle: Eigener Screenshot von Kai Diekmanns Twitteraccount @KaiDiekmann

Diek­manns Para­noia: die AfD als neue NSDAP. Quel­le: Eige­ner Screen­shot von Kai Diek­manns Twit­ter­ac­count @KaiDiekmann

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Die neuen Rechten, verständlich erklärt – Ergänzungen zu den Krautreportern

Klick und LIES! Sonst macht mein Arti­kel wenig Sinn.

Bin ich ein Nazi, wenn ich gegen mehr Ein­wan­de­rung bin? Was ist eigent­lich „rechts“? Woher haben Pegi­da und AfD ihre Ide­en? Füh­ren die Flücht­lin­ge zu einem Rechts­ruck in Deutsch­land? Kraut­re­por­ter gibt Ant­wor­ten, die jeder ver­steht.

Wirmer-Flagge

Wir­mer-Flag­ge

Zual­ler­erst gilt dem Kraut­re­por­ter Rico Grimm mein herz­li­cher Dank. In auf­ge­reg­ten Zei­ten einen lan­gen Arti­kel über Rech­te zu schrei­ben, der Recher­che und Dif­fe­ren­zie­rung an die Stel­le von ein­fa­chen Schwarz-Weiß-Bil­dern setzt, ist schon etwas Beson­de­res. Ich jeden­falls habe gern die Anre­gung auf­ge­grif­fen, mich mit dem The­ma aus­ein­an­der­zu­set­zen.

Im Zuge des Kamp­fes gegen »rechts« sind poli­ti­sche Ver­or­tun­gen von Durch­schnitts­bür­gern, die frü­her ganz selbst­ver­ständ­li­ches Gedan­ken­gut waren, in Ver­ruf gera­ten. Abseits von den Zen­tren und Think Tanks der orga­ni­sier­ten Poli­tik gibt es noch die Men­schen, die Ziel aller Anstren­gun­gen zwecks Stim­men­ge­win­nung sind. Aus die­ser Sicht habe ich ver­sucht, Rico Grimms Bei­trag um ein paar Aspek­te und Fra­ge­stel­lun­gen zu ergän­zen.

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timeo Danaos et dona ferentes

In einem Inter­view mit der ZEIT am 5. Janu­ar 2016 äußert sich der Phi­lo­soph Wil­helm Schmid zur Flücht­lings­kri­se und den Hand­lungs­mo­ti­ven der Kanz­le­rin:

Doch was sich jetzt voll­zieht, ist Ver­än­de­rung. Gott sei Dank, möch­te ich mit unse­rer Kanz­le­rin sagen. Die hat es her­bei­ge­sehnt. Sie war seit Jah­ren beun­ru­higt über die Selbst­zu­frie­den­heit der Deut­schen, die sich in ihrem Wohl­stand ein­ge­rich­tet haben und glau­ben, alles sei getan. Und jetzt kommt von außen geschenkt die gro­ße Her­aus­for­de­rung, die es unmög­lich macht, dass wir gleich blei­ben. Und so sehe ich es auch: Es ist ein Got­tes­ge­schenk.

Das Trojanische Pferd - Lovis Corinth
Ich erlau­be mir, aus einem ande­ren Blick­win­kel auf die Ereig­nis­se zu sehen. Es ist ein Dana­er­ge­schenk. Ein Geschenk, das sich als unheil­voll und scha­den­stif­tend für den Beschenk­ten erweist. Der Pries­ter Lao­koon sagt in Ver­gils Aen­eis (Buch II, Vers 48–49): »timeo Dana­os et dona feren­tes.« Ich fürch­te die Dana­er, auch wenn sie Geschen­ke brin­gen. Je nach­dem, wel­chen Mythos man befragt, war es der Seher Kal­chas, Odys­seus oder Hele­nos, der nach 10-jäh­ri­gem ver­geb­li­chen Krieg der Grie­chen gegen Tro­ja die bis heu­te legen­dä­re List ersann. Ein höl­zer­nes Pferd wur­de gebaut, dar­in Sol­da­ten ver­steckt. Der Grie­che Sinon mach­te den Tro­ja­nern weis, das Pferd sei ein Geschenk an die Göt­tin Athe­ne. Sie dürf­ten es kei­nes­falls zer­stö­ren, das wäre ein böser Fre­vel gegen die Göt­tin und wür­de bestraft. Aber wenn sie es in die Stadt bräch­ten, stün­den sie unter dem Schutz der Göt­tin. Die Tro­ja­ner wuss­ten nichts bes­se­res zu tun, als den Holz­zos­sen in die Stadt zu schlep­pen. Nachts schli­chen die Sol­da­ten her­aus und öff­ne­ten die Stadt­to­re. Die Grie­chen fie­len in die Stadt ein und zer­stör­ten sie, nicht ohne diver­se Fre­vel- und Greu­el­ta­ten zu bege­hen (unter ande­rem ver­ge­wal­tig­te Ajax die Kas­san­dra). Der Rest ist Geschich­te.

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Lügenpresse – kein rechtes Monopol

Bevor ich in den Arti­kel ein­stei­ge, möch­te ich einen Link auf den wirk­lich emp­feh­lens­wer­ten Arti­kel von Rico Grimm vom 2.12.2015 bei den Kraut­re­por­tern ver­wei­sen. Rico gibt ganz prag­ma­tisch die Ant­wort auf die Fra­ge, wie ich die Seriö­si­tät einer Quel­le ein­schät­ze. Lest sel­ber! https://krautreporter.de/1171–lugt-die-presse-so-erkennen-sie-es. Ein­fach, prak­ti­ka­bel, gut!

Ach ja, war­um die­ser Arti­kel gera­de jetzt? Zufall. Ricos Text hab ich heu­te gele­sen, heu­te hab ich das Graf­fi­ti gefun­den, heu­te wie­der den Lügen­pres­se­vor­wurf von Rechtts­au­ßen gehört. Pass­te halt so schön zusam­men …

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Eine Zensur findet statt

Zur Fei­er des 50jährigen Bestehens des WDR-Fern­seh­pro­gramm hat der Sen­der die Bevöl­ke­rung in Deutsch­land mit einer bemer­kens­wer­ten Selbst­zen­sur­maß­nah­me reich beschenkt und damit die euphe­mis­tisch zur »Demo­kra­tie­ab­ga­be« hoch­sti­li­sier­te öffent­lich-recht­li­che Zwangs­rund­funk­ge­bühr ad absur­dum geführt. Was ist gesche­hen?

Frank Plasberg 2011-04-23

© Super­bass / CC-BY-SA-3.0 (via Wiki­me­dia Com­mons)

Am 23. März 2015 strahl­te die ARD den Bei­trag »Nie­der mit den Ampel­männ­chen – Deutsch­land im Gleich­heits­wahn« aus der Rei­he »Hart aber fair« aus. Die illus­tre Gäs­te­schar, bestehend aus der Schau­spie­le­rin Sophia Tho­m­al­la (seit Team Ame­ri­ca wis­sen wir, dass Schau­spie­ler zur Ret­tung der Welt beru­fen sind), Wolf­gang Kubicki, dem stell­ver­tre­ten­den Bun­des­vor­sit­zen­den der klei­ne Leu­te Par­tei (klein bezieht sich hier auf die Par­tei, die weni­gen Leu­te, die sie wäh­len, sind in der Regel eher irgend­wie etwas Beson­de­res) F.D.P., der stets #Auf­schrei-berei­ten Anne Wizo­rek, dem Dings, äh, dem (doch, es stand dabei, dem Grü­nen Bun­des­tags­frak­ti­onAnton Hof­rei­tervor­sit­zen­den) Anton Hof­rei­ter und der anti­fe­mi­nis­ti­schen Femi­nis­tin Bir­git Kel­le (das ist des­halb kein Wider­spruch, weil sie einen ande­ren Femi­nis­mus als den offi­zi­el­len gen­der­ge­main­stream­ten lebt), war schon von der Papier­form her für eine leb­haf­te Dis­kus­si­on abseits obso­le­ter Vor­stel­lun­gen wie Sach­lich­keit und Argu­men­ta­ti­on prä­de­sti­niert.

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