Eine Frage des Anstands

Am 15. Janu­ar 2016 habe ich die­se Zei­len get­wit­tert. Heu­te möch­te ich Ihnen erzäh­len, war­um.

Alles beginnt mit einem Todes­fall. Es ist Frei­tag, der 13. Janu­ar, als Dr. Udo Ulfkot­te stirbt und mein Leben betritt. Vor­her, das muss ich zuge­ben, habe ich ihn nicht gekannt. Den Namen, klar, den hat­te ich gehört. Ulfkot­te, der abtrün­ni­ge FAZ-Jour­na­list, Star­au­tor des Kopp-Ver­lags, der Mann, der hin­ter dem Offen­sicht­li­chen das gro­ße Geheim­nis such­te, die Welt­ver­schwö­rung, einer der Stars der glo­ba­len Aluhut­trä­ger­ge­sell­schaft. Wann immer ich sei­nen Namen im Zusam­men­hang mit einer Ver­öf­fent­li­chung sehe, mache ich, dass ich weg­kom­me. Blät­tern Sie wei­ter, es gibt hier nichts zu lesen. Nur Ulfkot­te.

Jetzt ist er tot, und auf Twit­ter ist ein selt­sa­mes Schau­spiel zu beob­ach­ten: wild­frem­de Men­schen sen­den ihre Freu­de, ja, ihren Jubel über Ulfkot­tes Able­ben in die Welt hin­aus. Mit hämi­schen, bösen, geschmack­lo­sen Wor­ten. Die weit mehr als »klamm­heim­li­che Freu­de« erin­nert mich an den Göt­tin­ger »Mes­ca­le­ro«-Text »Buback – ein Nach­ruf« aus dem April 1977:

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Die Eliten schaffen sich ab

Aus der Erfahrung weiß man, daß die Güte der Truppen einzig und aein in dem Werte ihrer Offiziere beſtehe.

Fried­rich der Gro­ße

Es gibt keine leten Mannaen, Mara. Es gibt nur lete Offiziere.

Napo­le­on I. Bona­par­te

In Deutsch­land ist es anders. In Deutsch­land machen die Offi­zie­re kei­ne Feh­ler. Die Defi­zi­te lie­gen bei uns, den Mann­schaf­ten. Sagt Jas­per von Alten­bock­um, bei der FAZ ver­ant­wort­lich für die Innen­po­li­tik, am 31.12.2016 in sei­nem Kom­men­tar zum abge­lau­fe­nen Jahr. Schon beim Lesen der Ein­lei­tung reibt man sich ver­wun­dert die Augen:

Von der Sil­ves­ter­nacht in Köln bis zum Mas­sen­mord in Ber­lin: Es gibt kei­nen Grund, dem Hass­jahr 2016 hin­ter­her­zu­trau­ern. Doch wer ehr­lich ist, muss zuge­ben: Die grö­ße­ren Defi­zi­te lie­gen auf Sei­ten der Bür­ger – nicht der Poli­ti­ker.

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Von wem geht die Gefahr aus?

Die­sen Bei­trag habe ich gera­de eben auf Face­book ver­öf­fent­licht. Ich bin gespannt, ob und wie lan­ge er blei­ben darf. Hier der Link ins dunk­le Impe­ri­um des Mark Zucker­berg.

Weil es immer wie­der Dis­kus­sio­nen auf Twit­ter gibt, will ich mal wis­sen, was die FB-Gemein­de dazu sagt:

Liebe Grüne, liebe Linke, liebe Berufsschwule, liebe LSBTTIQ-Gemeinde, liebe Feministinnen, liebe Imame!

Mein Freun­des­kreis ist reich­lich hete­ro­gen. Von rechts bis links, von Arbei­tern bis zu Aka­de­mi­kern, von jung bis alt fin­den sich die unter­schied­lichs­ten Men­schen. Unter ande­rem meh­re­re Trans (M2F), Sex­wor­ke­rin­nen, min­des­tens eine Femi­nis­tin, even­tu­ell ein paar Schwu­le und last, but not least tief­gläu­bi­ge Katho­li­ken.

Ich habe eine Fra­ge an euch: Von wem geht die grö­ße­re Gefahr für mei­nen Freun­des­kreis aus?

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Der aufhaltsame Aufstieg der #Misogermanie

Ich habe einen neu­en Begriff erfun­den. Miso­ger­ma­nie, gebil­det aus den grie­chi­schen Wor­ten »misos« (μῖσος), »Hass« und »Ger­ma­nia« (Γερμανία), »Deutsch­land«. Es bezeich­net ana­log den älte­ren Neo­lo­gis­men »Mis­an­thro­pie«, »Miso­gy­nie« und »Misandrie« eine ableh­nen­de oder feind­se­li­ge Hal­tung gegen­über Deutsch­land und sei­nen auto­chtho­nen Bewoh­nern.

Sie wer­den jetzt bestimmt sagen, ach nöh, muss das sein, schon wie­der was Neu­es. Ich muss mir so viel mer­ken, Geheim­zah­len, PINs, den Namen mei­ner Frau, da hab ich wirk­lich kein Inter­es­se an noch einem Wort. Soll­ten Sie aber haben. Es ist ein wich­ti­ges Wort. Es bezeich­net eine Hal­tung, die die mei­nungs­bil­den­de Éli­te wei­ten Tei­len der deut­schen Bevöl­ke­rung gegen­über ent­ge­gen­bringt. Ableh­nung, Feind­se­lig­keit, bis hin zum offe­nen Hass. Die Miso­ger­ma­nen füh­len sich durch die schie­re Exis­tenz des Homo Ger­ma­ni­cus beläs­tigt. Sei­ne Lebens­wei­se ist für sie ein Quell stän­di­gen Ärger­nis­ses. Sie möch­te ihn ein­he­gen und durch unkon­trol­lier­ba­ren Mas­sen­zu­zug aus­dün­nen, auf dass er zuerst von der Land­kar­te und dann aus der Geschich­te ver­schwin­de.

Bei­spie­le gefäl­lig?

»Das Bes­te wäre für Euro­pa, wenn Frank­reich bis an die Elbe reicht und Polen direkt an Frank­reich«

Im Sep­tem­ber 1989 bezeugt die Grü­nen-Poli­ti­ke­rin Sieg­lin­de Frieß, was sie (und ver­mut­lich vie­le ihrer Parteigenoss*innen) von ihrem Hei­mat­land hal­ten.
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timeo Danaos et dona ferentes

In einem Inter­view mit der ZEIT am 5. Janu­ar 2016 äußert sich der Phi­lo­soph Wil­helm Schmid zur Flücht­lings­kri­se und den Hand­lungs­mo­ti­ven der Kanz­le­rin:

Doch was sich jetzt voll­zieht, ist Ver­än­de­rung. Gott sei Dank, möch­te ich mit unse­rer Kanz­le­rin sagen. Die hat es her­bei­ge­sehnt. Sie war seit Jah­ren beun­ru­higt über die Selbst­zu­frie­den­heit der Deut­schen, die sich in ihrem Wohl­stand ein­ge­rich­tet haben und glau­ben, alles sei getan. Und jetzt kommt von außen geschenkt die gro­ße Her­aus­for­de­rung, die es unmög­lich macht, dass wir gleich blei­ben. Und so sehe ich es auch: Es ist ein Got­tes­ge­schenk.

Das Trojanische Pferd - Lovis Corinth
Ich erlau­be mir, aus einem ande­ren Blick­win­kel auf die Ereig­nis­se zu sehen. Es ist ein Dana­er­ge­schenk. Ein Geschenk, das sich als unheil­voll und scha­den­stif­tend für den Beschenk­ten erweist. Der Pries­ter Lao­koon sagt in Ver­gils Aen­eis (Buch II, Vers 48–49): »timeo Dana­os et dona feren­tes.« Ich fürch­te die Dana­er, auch wenn sie Geschen­ke brin­gen. Je nach­dem, wel­chen Mythos man befragt, war es der Seher Kal­chas, Odys­seus oder Hele­nos, der nach 10-jäh­ri­gem ver­geb­li­chen Krieg der Grie­chen gegen Tro­ja die bis heu­te legen­dä­re List ersann. Ein höl­zer­nes Pferd wur­de gebaut, dar­in Sol­da­ten ver­steckt. Der Grie­che Sinon mach­te den Tro­ja­nern weis, das Pferd sei ein Geschenk an die Göt­tin Athe­ne. Sie dürf­ten es kei­nes­falls zer­stö­ren, das wäre ein böser Fre­vel gegen die Göt­tin und wür­de bestraft. Aber wenn sie es in die Stadt bräch­ten, stün­den sie unter dem Schutz der Göt­tin. Die Tro­ja­ner wuss­ten nichts bes­se­res zu tun, als den Holz­zos­sen in die Stadt zu schlep­pen. Nachts schli­chen die Sol­da­ten her­aus und öff­ne­ten die Stadt­to­re. Die Grie­chen fie­len in die Stadt ein und zer­stör­ten sie, nicht ohne diver­se Fre­vel- und Greu­el­ta­ten zu bege­hen (unter ande­rem ver­ge­wal­tig­te Ajax die Kas­san­dra). Der Rest ist Geschich­te.

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Eine Zensur findet statt

Zur Fei­er des 50jährigen Bestehens des WDR-Fern­seh­pro­gramm hat der Sen­der die Bevöl­ke­rung in Deutsch­land mit einer bemer­kens­wer­ten Selbst­zen­sur­maß­nah­me reich beschenkt und damit die euphe­mis­tisch zur »Demo­kra­tie­ab­ga­be« hoch­sti­li­sier­te öffent­lich-recht­li­che Zwangs­rund­funk­ge­bühr ad absur­dum geführt. Was ist gesche­hen?

Frank Plasberg 2011-04-23

© Super­bass / CC-BY-SA-3.0 (via Wiki­me­dia Com­mons)

Am 23. März 2015 strahl­te die ARD den Bei­trag »Nie­der mit den Ampel­männ­chen – Deutsch­land im Gleich­heits­wahn« aus der Rei­he »Hart aber fair« aus. Die illus­tre Gäs­te­schar, bestehend aus der Schau­spie­le­rin Sophia Tho­m­al­la (seit Team Ame­ri­ca wis­sen wir, dass Schau­spie­ler zur Ret­tung der Welt beru­fen sind), Wolf­gang Kubicki, dem stell­ver­tre­ten­den Bun­des­vor­sit­zen­den der klei­ne Leu­te Par­tei (klein bezieht sich hier auf die Par­tei, die weni­gen Leu­te, die sie wäh­len, sind in der Regel eher irgend­wie etwas Beson­de­res) F.D.P., der stets #Auf­schrei-berei­ten Anne Wizo­rek, dem Dings, äh, dem (doch, es stand dabei, dem Grü­nen Bun­des­tags­frak­ti­onAnton Hof­rei­tervor­sit­zen­den) Anton Hof­rei­ter und der anti­fe­mi­nis­ti­schen Femi­nis­tin Bir­git Kel­le (das ist des­halb kein Wider­spruch, weil sie einen ande­ren Femi­nis­mus als den offi­zi­el­len gen­der­ge­main­stream­ten lebt), war schon von der Papier­form her für eine leb­haf­te Dis­kus­si­on abseits obso­le­ter Vor­stel­lun­gen wie Sach­lich­keit und Argu­men­ta­ti­on prä­de­sti­niert.

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Oerlinghauser Waldweisheiten

Tief im Wal­de, so leh­ren uns die über­kom­me­nen Sagen, leben wei­se wur­zel­sam­meln­de Weib­lein, klu­ge kah­le Köh­ler, herrsch­süch­ti­ge häss­li­che Hexen und manisch met­zeln­de Mör­der ein­träch­tig neben tap­fe­ren tugend­haf­ten Tag­träu­mern, wahn­haft wüten­den Wil­de­rern und aller­lei ande­ren Anwoh­nern. Sie alle haben im Lau­fe ihrer teils gefähr­li­chen, teils beschau­li­chen, wenn nicht gar medi­ta­ti­ven Exis­tenz fern­ab mensch­li­cher Gesell­schaft, ihrer Nor­men und Beschrän­kun­gen, immenses Wis­sen, Erkennt­nis und Gelehrt­heit erwor­ben, die das Begriffs­ver­mö­gen gewöhn­li­cher Sterb­li­cher bei Wei­tem über­steigt. Dabei fris­ten sie ihr Dasein häu­fig unbe­merkt ganz in der Nähe mensch­li­cher Ansied­lun­gen. So auch in der beschau­li­chen Berg­stadt Oer­ling­hau­sen. Unbe­ein­druckt vom leb­haf­ten Flug­ver­kehr der rüh­ri­gen Avia­ti­ker des nahe­ge­le­ge­nen welt­be­kann­ten Luft­sport­zen­trums gehen sie ihren klan­des­ti­nen Beschäf­ti­gun­gen nach und mei­den den Kon­takt mit den nur weni­ge Meter ent­fernt woh­nen­den Men­schen. Manch­mal jedoch gelan­gen sie zu der­art fun­da­men­ta­len Ein­sich­ten, dass sie nicht umhin kön­nen, die­se mit uns, den ein­fa­chen Erdenkin­dern, zu tei­len.

Bege­ben wir uns in besag­ter idyl­li­scher Berg­stadt, den Wan­der­zei­chen fol­gend, auf den Töns­ber­grund­weg, fin­den wir die Spu­ren ihres Wir­kens. Das fol­gen­de Bild illus­triert die Aus­schil­de­rung des Wan­der­pfa­des:

Wegweiser zum Tönsbergrundweg

Weg­wei­ser zum Töns­ber­grund­weg

Dem Pfei­le fol­gend sehen wir nach weni­gen hun­dert Metern – oder waren es Kilo­me­ter, die Erin­ne­rung ist trü­ge­risch! – rechts am Weges­rand die ers­te Erkennt­nis, von größ­ter Weis­heit zeu­gend und für die Ewig­keit in Bron­ze gegos­sen und mit Fel­sen ver­mählt:

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Bin ich Charlie?

Das Ent­set­zen über den Anschlag von Paris ver­bie­tet mir eine spon­ta­ne Reak­ti­on, die Trau­er ist still. Jetzt, Tage danach, dre­hen immer noch Gedan­ken Krei­se in mei­nem Kopf, bin ich immer noch fas­sungs­los über die unge­heu­re Bru­ta­li­tät, mit der die Täter sieb­zehn Men­schen im Namen des Pro­phe­ten kalt­blü­tig hin­ge­rich­tet haben. Lan­ge habe ich mit mir gerun­gen, sie mit der Öffent­lich­keit zu tei­len. Schwei­gen jedoch, das wird mir immer kla­rer, ist die fal­sche Reak­ti­on.
Graff à la mémoire de Charlie Hebdo
»Je suis Char­lie« ist die Losung die­ser Tage, und ich fra­ge mich, bin ich das auch. Bin ich Char­lie, kann ich Char­lie sein, darf ich über­haupt Char­lie sein? Je län­ger ich dar­über grü­be­le, umso unsi­che­rer wer­de ich. Wie weit kann die Iden­ti­fi­ka­ti­on gehen, und vor allem, wird sie den Opfern gerecht? Eine all­ge­mein­gül­ti­ge Ant­wort ver­bie­tet sich. Spre­chen kann ich nur für mich. Ich lade Sie ein, mir ein Stück auf dem Weg zu fol­gen.
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